„Ohne Gesundheit ist alles nichts“ – Nordwest-Zeitung

Mehr als die Hälfte der Deutschen hat laut aktueller GfK-Umfrage schon einmal alternative Heilmethoden in Anspruch genommen. Trotzdem gibt es immer wieder Vorbehalte von beiden Seiten. Wie kann ein Brückenschlag zum Wohle des Patienten gelingen, um zusätzliche Wege der Heilung zu eröffnen. Gibt es starre Entweder-oder-Grenzen oder ein Mitein-ander im Sowohl-als-auch-Denken? Zwei Mediziner verraten im Interview ihre Meinungen.

FRAGE: Es geht um das Wohl des Patienten. Was leistet die Schulmedizin und wo liegen ihre Stärken?

DR. NÜSTEDT: Ich bin der Ansicht, dass sich Schulmedizin und Naturheilkunde gut ergänzen. Aus der Naturheilkunde haben die Mediziner sehr viele Erfahrungen gesammelt , die in die Schulmedizin eingeflossen sind. Es gibt hier keine starre Entweder-oder-Grenze. Viele pflanzliche Arzneimittel, wie Johanniskraut bei depressiven Störungen oder Digitalis (aus dem Fingerhut extrahiert) in der Herzmedizin, sind wissenschaftlich geprüfte Bestandteile der Schulmedizin. Alle Medikamente in der Schulmedizin müssen ein sehr aufwändiges Prüfverfahren durchlaufen. Das bietet eine hohe Sicherheit. Hingegen haben nicht alle pflanzlichen Präparate eine Zulassung als Medikament. Wir haben viele Krankheiten, die mit Naturheilverfahren nicht oder nur wenig zu behandeln sind. Bei Krebserkrankungen spielen Naturheilverfahren nur eine untergeordnete begleitende Rolle. Hingegen haben wir durch die Chemotherapie erhebliche Therapiefortschritte in den letzten Jahrzehnten geschafft, die mit Naturheilverfahren nicht annährend zu erreichen gewesen wären.

DR. ARNOLD: Die Stärken der Schulmedizin liegen in der Akutmedizin, der Diagnostik und im operativen Bereich. Die Schulmedizin ist ohne Frage eine Errungenschaft. Darüber hinaus sollten allerdings die Regulationsmöglichkeiten der Selbstheilungskräfte sowie die geistig-seelische Komponente des Menschen in die therapeutischen Überlegungen mit einbezogen werden. Hier bieten Naturheilverfahren sowie Psychotherapie und Hypnotherapie sehr gute Möglichkeiten.

FRAGE: Die Medizin wird durch Wissenschaft und Forschung immer technischer – entfernt sie sich deshalb auch vom Menschen oder ist es der Weg zur besten medizinischen Versorgung?

DR. NÜSTEDT: Bei der Krankheitshäufigkeit sind vor allem psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch die eine erhebliche soziale Bedeutung habe, weil dadurch auch viele Arbeitsunfähigkeitstage anfallen. Da hilft die Technisierung sehr wenig. Es geht darum, gut auszubilden, Einrichtungen weiter zu entwickeln und Therapieplätze vorzuhalten. Auf der anderen Seite haben wir z. B. technisch immer bessere bildgebende Verfahren und gezieltere Strahlentherapie – als kleine Nische der Medizin. Von der Masse her müssen wir uns heute mehr um.

DR, ARNOLD: Der technische Fortschritt ist immens wichtig, aber eben auch sehr einseitig. Es fehlt ein grundsätzlich ganzheitliches Verständnis des Menschen. Dieses wird auch nicht gelehrt. Die Medizinstudenten werden bereits im Studium zu einem Schubladendenken erzogen. Es geht eben nicht um ein Entweder-oder in der Medizin, sondern um ein Sowohl-als-auch, um letztlich aus der Fülle der Möglichkeiten zu schöpfen und individuell sinnvoll behandeln zu können. Davon abgesehen stellt die Schulmedizin keine exakte naturwissenschaftliche Disziplin dar. Die Basis dafür sind lineare Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Wer aber lineare Ursache-Wirkungs-Beziehungen auf komplexe Systeme wie den Menschen anwendet, kann für sich den Anspruch der Wissenschaftlichkeit nicht aufrechterhalten.

FRAGE: Wie betrachtet die Schulmedizin den Menschen?

DR. NÜSTEDT: Wenn die Schulmedizin nur nach Messwerten und nach Leitlinien vorginge, würde sie an der wirklichen Heilung des Patienten scheitern, weil der Mensch nicht so einfach zu vermessen und nach Statistik und Leitlinien zu behandeln ist. Dann würde ja ein Diagnosestecker ganz einfach funktionieren, der Laborarzt würde ausdrucken, welches Medikament greift. Das funktioniert nicht und kein Schulmediziner arbeitet so. Eher ist die klassische Medizin auf dem Weg, den Menschen als Ganzheit zu betrachten und die psychischen Zusammenhänge in Diagnostik und Therapie mit einfließen zu lassen, weil die höhere Erfolgsquote erkannt worden ist. Die Naturheilkunde hat mittlerweile ihren festen Platz ist der Schulmedizin, der sich auch weiter ausbauen wird.

DR. ARNOLD: Die Schulmedizin ist ausschließlich Symptom-orientiert und befindet sich in dem Irrglauben, dass die Symptome die Erkrankung sind. Aus dieser Denkweise heraus werden die Symptome bekämpft und letztlich verstärkt. Diese Bekämpfungsstrategien sind allesamt zum Scheitern verurteilt. Ein Prinzip aus der Physik mag das verdeutlichen: Druck erzeugt Gegendruck. Übertragen auf die Medizin bedeutet es, dass alles, was ich bekämpfe, verstärke ich zum Beispiel durch die Gabe nebenwirkungsreicher Medikamente. Diese Vorgehensweise begünstigt eine weitere Chronifizierung. Das was ist, will nicht bekämpft, sondern verstand werden. Symptome drücken eben nur die Krankheit aus, sind aber nicht die Krankheit. Diese entsteht schon viel früher. Gegenwärtig sind 70 Prozent der erkrankten Menschen in den Industrienationen chronisch erkrankt – mit steigender Tendenz. Ein System, das eine solche Entwicklung begünstigt, ist folglich erweiterungsbedürftig.

FRAGE:

Wo stößt die Schulmedizin an Grenzen? Wo kann die Naturheilkunde mehr leisten?

DR. NÜSTEDT: An Grenzen stößt die Schulmedizin immer dann, wenn bestimmte Heilmethoden nicht so funktionieren wie vorhergesagt, weil das menschliche System zu komplex ist. Ich denke da an viele chronische Schmerzpatienten. Es gibt eine Vielzahl von modernen Schmerzmitteln, damit keiner Schmerzen zu haben braucht, die über einen langen Zeitraum aber ungeahnte Nebenwirkungen verursachen. Es führt zu Problemen, wenn mit Morphiumpumpen und Elektrostimulationen Linderung, aber keine Besserung verschafft wird. Da bleiben Patienten dann doch irgendwann hilflos und nicht schmerzfrei zurück. Die komplexen Regelmechanismen im Gehirn kennen und verstehen wir einfach noch nicht in Gänze. Wir müssen uns davon frei machen der Meinung zu sein, wir wüssten alles und könnten alles beeinflussen.

DR. ARNOLD: Ich arbeite häufig mit schulmedizinisch austherapierten Menschen, zumeist chronisch Erkrankten. Die Naturheilkunde bietet hier eine unheimliche Vielfalt, kann in den meisten Fällen aber schon mit einem basistherapeutischen Programm helfen. Ich setze gerne am Darm an, weil hier das gesamte Abwehrsystem modelliert wird – also Darmsanierung, Entgiftung, Aufbau des Abwehrsystems und eine Ernährungsumstellung. Nur darüber finden schon fundamentale Veränderungen statt ohne dass man Hammermethoden anwenden muss. Dieser Weg erfordert die eigenverantwortliche Mitarbeit des Patienten, um aus dem Krankheitsbild wieder herauszukommen. Im Akutfall sollte unbedingt schulmedizinisch therapiert werden beispielsweise mit Cortison oder Antibiotika. Parallel dazu kann naturheilkundlich der „Flurschaden“ durch Nebenwirkungen abgefedert werden.

FRAGE: Werden Schulmedizin und Alternativmedizin noch sehr kontrovers gesehen?

DR. NÜSTEDT: Die Naturheilkunde hat da ihre Chance, wo gerade aus langjährigen Erfahrungswerten geschöpft wird. Wir haben viele Erfahrungswerte der Volksmedizin über Jahre negiert, die sich später aber wissenschaftlich genauso bestätigt haben. Die Schulmedizin kann offen sein in der Wahrnehmung guter Erfolge der Naturheilkunde und in der weitsichtigen Bereitschaft, sie zu übernehmen. Man muss immer abwägen und zusammenführen statt trennen. Der Patient hat die Freiheit, seinen Arzt auszusuchen. Patient und Arzt werden sich finden. Wir haben ein offenes Versorgungssystem.

DR. ARNOLD: Es geht nicht ums Rechthaben, sondern darum, was der Patient braucht. Ich arbeite nicht psycho-somatisch, sondern somatisch-psychisch – das heißt. ich nehme den Menschen ernst in seinem körperlichen Empfinden und versuche auf dieser Ebene etwas zu verbessern. Dadurch wird häufig auch die seelische Bereitschaft geweckt, bisherigen Einstellungen zu überprüfen und zu verändern. Das hängt häufig mit dem eigenen Leidensdruck zusammen – und das ist bei mir als Arzt nicht anders, das ist ganz menschlich. Durch die Medien ist die Hemmschwelle zur Naturheilkunde mittlerweile sehr gesunken und die Bedeutung der alternativen Heilmethoden wird zunehmend anerkannt.

FRAGE: Wie so oft geht es auch in der Medizin ums Geld. Dabei geht es doch eigentlich um die bestmögliche Methode der Gesundwerdung und -erhaltung…

DR. NÜSTEDT: Die Kosten im Gesundheitswesen sind unglaublich, und wir werden diese Entwicklung nur beeinflussen, nicht stoppen können. Die Heilkunde an sich ist in Deutschland den Ärzten gesetzlich vorbehalten. Was im ersten Moment ungerecht erscheint, spiegelt aber auch die hohe Verantwortung, Sicherheit und Kontrolle wider. Das ist ein sehr hohes Gut. Viele Ärzte arbeiten aber auch naturheilkundlich. Wir müssen den Patienten davor bewahren, bei ernsten Krankheitsbildern wichtige Therapien und Heilungschancen zu vertun.

DR. ARNOLD: eder muss für sich entscheiden, was einem die Gesundheit wert ist. Im Grunde glaube ich, dass eine ganzheitliche Behandlungsform letztlich erheblich kostengünstiger ist als der ganze schulmedizinische Apparat, der zudem zu Chronifizierungen und auch zu operativen Eingriffen inklusive Nachsorge und Reha führen kann. Eine ganzheitliche Methode ist – auch für den Patienten – im Fazit erheblich kostengünstiger. Die Schulmedizin trägt ein System, das sich auch selber nährt. Dieses System krankt. Leider haben die Krankenkassen schon lange ihre Mittlerfunktion zwischen Arzt und Patienten verloren. Sie legen Leitlinientherapien auf den Patienten um, aber der Mensch ist ein Individuum und will als solches gesehen und behandelt werden.

FAZIT: Natürliche Heilkunde ist schon lange ein fester Teil der Schulmedizin. Stark kritisiert wird von den Alternativmedizinern die einseitige Behandlung von Symptomen. Immer mehr chronische und psychische Erkrankungen erfordern einen ganzheitlichen Ansatz, der neben den körperlichen Beschwerden auch die seelische Belastung hinterfragt. Das haben auch die Schulmediziner erkannt. Die alternativen Heilmethoden stellen deshalb eine sinnvolle Ergänzung dar und eröffnen zusätzliche Wege zur Heilung. Besonders die Errungenschaften der Traditionellen chinesischen Medizin (TCM) sind wissenschaftlich anerkannt. Die Entscheidung für die Behandlung trägt letztlich der Patient, weil er eigenverantwortlich für seine Gesundheit handeln kann. Statt eines „Entweder-oder“ hat er die Freiheit, ein „Sowohl-als-auch“ zu wählen. Lediglich das etablierte Kostensystem schränkt die Wahlfreiheit ein. (Swantje Sagcob)

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