Arbeitsweg: Krankenkasse sieht psychische Gesundheit von Pendlern gefährdet – Kölnische Rundschau

Bonn/München –

Die Zahl der Pendler in Deutschland ist im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert gestiegen. Das geht aus einer neuen Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn hervor. 2016 pendelten bundesweit 60 Prozent aller Arbeitnehmer zum Job in eine andere Gemeinde – im Jahr 2000 waren es 53 Prozent. Die meisten Pendler gibt es in München. Dort arbeiteten 2016 rund 355 000 Menschen, die außerhalb der Stadtgrenze wohnten. Das ist ein Plus von 21 Prozent seit 2000. Auf Platz zwei folgt Frankfurt am Main mit 348 000 Pendlern, ein Plus von 14 Prozent. Bestenplätze belegen auch die Städte in NRW: Köln liegt auf Platz fünf mit 249 400 Einpendlern, 23 Prozent mehr als im Jahr 2000. Düsseldorf belegt Platz sechs mit knapp 240 000 Einpendlern, plus 20 Prozent. Auf Platz zehn liegt Essen 119 300 Einpendlern, plus 26 Prozent. Dortmund steht mit knapp 97 000 Einpendlern, plus 29 Prozent, auf dem zwölften Platz. Duisburg ist mit 80 000 Einpendlern, plus 28 Prozent, auf dem 15. Platz der Statistik. Den größten Zuwachs verzeichnete Berlin. Hier ist die Zahl der Pendler um 53 Prozent auf 274 000 gestiegen.

Gestiegen ist nicht nur die Zahl der Pendler, auch der Weg zum Arbeitsplatz ist länger geworden: von durchschnittlich 14,6 Kilometern im Jahr 2000 auf 16,8 Kilometer im Jahr 2015. Vom Wachstum der wirtschaftsstarken Großstädte profitierten vor allem deren Umlandgemeinden, sagt Institutsdirektor Harald Herrmann. Die Entwicklung löst bei vielen Fachleuten keineswegs Begeisterung aus – bei Verkehrs- und Siedlungsplanern ebenso wenig wie in den Krankenkassen. „Der Flächenverbrauch und die Verkehrsbelastung steigen“, sagt Herrmann. „Deshalb ist es wichtig, dass die Infrastruktur mit dem Wachstum Schritt hält und das Umland gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden bleibt.“

Pendler häufiger genervt

Pendler sind häufiger genervt als Menschen mit kürzeren Arbeitswegen: „Die verfügbaren Untersuchungen zeigen, dass tägliche Pendelmobilität die körperliche und psychische Gesundheit der Erwerbstätigen gefährden kann und einen negativen Einfluss auf das Gesundheitsempfinden hat“, sagt Simon Pfaff vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. „Je länger die Fahrzeit der Erwerbstätigen, desto größer die Belastung, auch weil weniger Zeit zum Regenerieren bleibt.“ Die Krankenkassen beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema. So haben Pendler laut einer Studie der Techniker Krankenkasse ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken. Die wachsenden Pendlerzahlen sind aus Sicht der IG Bau auch eine Folge falscher Wohnungspolitik. „Wir brauchen eine Politik mit dem Ziel, bezahlbares Wohnen auch in Metropolen und Ballungsräumen zu ermöglichen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft, Dietmar Schäfers, laut Mitteilung. Menschen und Umwelt litten „unter einer lange sträflich vernachlässigten Wohnungsbaupolitik“, kritisiert die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau). Aus Sicht der Gewerkschaft sei es ein Fehler gewesen, „die Wohnungen der öffentlichen Hand zu privatisieren und es war genauso verkehrt, die Wohnungsfrage viel zu lange dem Markt zu überlassen“.

Landflucht und Enge

In Deutschlands Großstädten wird es auch immer enger. Es gibt nicht nur mehr Pendler – es ziehen auch immer mehr Menschen in die Städte. Paradebeispiel ist vor allem die Pendlerhauptstadt München. In den vergangenen 30 Jahren hat das „Millionendorf“ etwa 300 000 Einwohner gewonnen, die Bevölkerung ist von 1,2 auf 1,5 Millionen gewachsen. Derzeit kommen monatlich etwa 2000 Neu-Münchner hinzu. Doch der Trend zum Wohnen in der Stadt wird die Pendlerzahlen nicht mindern. „Es ist eine schöne Vorstellung, dass es weniger Pendler gäbe, wenn man vermehrt in die Städte zieht“, so Christian Breu, Geschäftsführer des Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum München. (dpa)

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