Die AOK will mit Gesundheit anstecken – Mittelbayerische

Medizin

Ein Blick aufs 2016 zeigt: Die AOK wächst. Der Blick nach vorne verheißt Spannendes. Es geht um Cannabis und Pflegeroboter.

Von Heinz Klein, MZ

08. April 2017

05:00 Uhr

Das Foto stammt nicht von einem Yoga-Kurs der AOK, doch die beabsichtigte Wirkung dieser eher akrobatischen Übung ist die gleiche: Gesundheitsförderung durch wohlige Entspannung. Foto: dpa-Archiv

Regensburg.Richard Deml freute sich. Während dieses Pressegesprächs, so sagte der Direktor der
AOK Regensburg, werde die Gesundheitskasse die Einhundertachttausender-Schwelle reißen.
Am Morgen waren es noch 107 927 Versicherte gewesen.

Mehr Mitglieder, das bedeute natürlich auch mehr Ausgaben. 345 Millionen Euro hat
die größte Krankenkasse in der Region Regensburg im vergangenen Jahr für ihre Mitglieder
ausgegeben, soviel, wie noch nie zuvor. Täglich gehen bei der Regensburger AOK 1,5
bis 1,7 Millionen Euro über den Tisch. Die stationäre Versorgung schlug dabei mit
Ausgaben von rund 118 Millionen Euro zu Buche. An die niedergelassenen Ärzte zahlte
die AOK im vergangenen Jahr rund 57 Millionen Euro. Für die Arzneimittelversorgung
mussten 50,7 Millionen Euro aufgewendet werden, deutlich weniger als für die Ärzte
in den Praxen. Das war schon einmal umgekehrt gewesen, erinnerte sich Deml.

Cannabis für 50 Krankheitsbilder

Neu auf der Liste der Arzneien ist nun auch die Droge Cannabis. „Nein, wir vergeben
sie nicht als Joint, sondern in Tropfenform oder als Kapsel“, schmunzelt Deml. Für
rund 50 schwere Krankheitsbilder sei Cannabis nun als stark wirkendes Schmerzmittel
zugelassen. Das Tor dazu hat der Gesetzgeber erst vor etwa einem Monat geöffnet. Bisher
wurde davon in Regensburg noch wenig Gebrauch gemacht.

Der Krankenstand hat sich im Jahr 2016 auch bei den AOK-Versicherten erhöht – und
damit die Mehrausgaben für Krankengeld. Mit 13,8 Millionen Euro zahlte die Gesundheitskasse
im vergangenen Jahr 1,77 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

2,26 Millionen Euro mussten für Krankenfahrten ausgegeben werden. Bei diesem Kostenfaktor
zeigt der AOK-Direktor stets eisernen Sparwillen. In so manchem Fall könnten Angehörige
den Patienten bei der Entlassung auch im Privat-Pkw mit nach Hause nehmen, meint Richard
Deml. Das könnte Geld sparen, das man anderswo sinnvoller ausgegeben könne.

Zum Beispiel für die häusliche Krankenpflege. 4,1 Millionen Euro gab die AOK dafür
im vergangenen Jahr aus, 160 000 Euro mehr als im Vorjahr. Der Anstieg sei in unserer
alternden Gesellschaft moderat, aber kontinuierlich. Hier leistet sich die Gesundheitskasse
einen neuen Service in Form eines Pflegeberaters. Der kommt auf Wunsch ins Haus, checkt
den Haushalt, macht Vorschläge zur Erleichterung und Verbesserung, berät individuell
über Möglichkeiten der Hilfestellung und ist inzwischen bereits sehr gefragt.

Neu: Die Pillcam als Darmwanderer

Ebenfalls neu im Leistungsangebot ist die Mandeloperation (Tonsillektomie) ohne Skalpell,
aber mit dem Laser: schonend und fast schmerzfrei, empfiehlt Richard Deml. Ohne Schnitt
geht es nun auch beim Entfernen von Krampfadern, die durch Hitzeapplikation verödet
werden. Die vielfach gefürchtete Darmspiegelung kann auch für AOK-Versicherte ihren
Schrecken verlieren. Die Pillcam, eine verschluckbare Videokapsel, wandert durch den
Darm und liefert Bilder. Diese Diagnosemöglichkeit ist in einer Klinik in Hof gegeben.
Und noch eine Neuerung: Bei fast allen Tumorarten bezahlt die AOK nun das Einholen
einer ärztlichen Zweitmeinung im Spitzenzentrum der onkologischen Versorgung der Universitätsklinik
Erlangen. Noch eine Neuerung: „Wir haben eine Online-Geschäftsstelle eröffnet.“ Hier
kann man seine gespeicherten Daten einsehen und Anträge abrufen oder bearbeiten. „Das
wird gut in Anspruch genommen, darum werden wir es ausbauen“, versprach Deml: Und
noch eins: Die AOK werde im Gegensatz zu anderen Dienstleistern keine Geschäftsstelle
schließen.

Kundenzufriedenheit ist Richard Deml wichtig. „Das ist Chefsache“, verspricht er.
Bei permanenten Kundenbefragungen hat sich die Regensburger AOK-Direktion auf der
Schulnotenskala von eins bis sechs eine 2,04 erarbeitete. „Besser als der bayerische
Durchschnitt“, freut sich der Direktor. Doch er peilt eine Eins vor dem Komma an.

Gesundheit kann ansteckend sein

Viele Krankheiten sind ansteckend. Richard Deml ist allerdings überzeugt, dass auch
Gesundheit ansteckend ist. Richtige Ernährung, ausreichend Bewegung und Entspannung,
das seien die drei Säulen eines gesunden Lebenswandels. Diese Ansteckungskeime für
Gesundheit müsse man sich allerdings selbst holen. Die Empfehlung des AOK-Direktors:
Dreimal in der Woche eine halbe Stunde Bewegung, die einen etwas außer Atem bringt.
„Das kann Sport, muss aber nicht Sport sein. Ein flotter Spaziergang oder eine Radltour
tun es auch. Hauptsache, es macht Spaß.“

Bei der Ansteckung mit Gesundheit hilft die AOK gerne mit. 3812 Teilnehmer wurden
bei den Präventionskursen gezählt, ein Plus von fünf Prozent. Kurse zur Ernährung
machen acht Prozent aus, Bewegungskurse (Pilates, Faszientraining etc.) schlugen mit
59 Prozent zu Buche, Entspannungskurse (Yoga, Autogenes Training, Stressbewältigung)
machten 31 Prozent aus.

„Wir haben allerdings Sorgenkinder“, gestand Deml: „Es sind die Männer.“ Ihr Anteil
an der Gesundheitsansteckung stagniert bei bescheidenen 20 Prozent. Raucherentwöhnung
und Rückentraining waren bei den Männern die Renner im Präventionsangebot.

Von den „Manschgerln“ aus Japan

Doch selbst bei einer breit angelegten Infizierung mit Gesundheitskeimen – das Alter
bringt bei vielen Senioren die Notwendigkeit der Pflege mit sich. Doch Pflegekräfte
sind Mangelware und sie werden es in Zukunft noch verstärkt sein. Mit Blick auf die
Robotik in der Pflege mag es zwar auch Richard Deml schaudern – „ich bin alles andere
als ein Befürworter des Pflegeroboters“ – aber er hält diese Entwicklung für alternativlos.
„Wir machen uns überhaupt keine Vorstellung, was da in Japan schon alles praktiziert
wird“, kündigt Deml an. Das „Manschgerl aus Japan“, das Wasser und Medikamente bringt,
werde wohl nicht aufzuhalten sein. Doch vor 20 Jahren war die Pflegekraft aus Osteuropa
ja auch kaum vorstellbar. Heute wohnt sie bei den Senioren zuhause.

In Zukunft wird sich auch im Gesundheitsbereich die Digitalisierung weiter beschleunigen,
ist der AOK-Chef überzeugt. Es ist ein interessanter Markt, auf dem sich ganz neue
Akteure tummeln: Nicht mehr nur Ärzte und Apotheker, auch Ingenieure, Informatiker,
Ethiker und Aktionäre.

AOK-Direktor Richard Deml Foto: AOK

Das Foto stammt nicht von einem Yoga-Kurs der AOK, doch die beabsichtigte Wirkung
dieser eher akrobatischen Übung ist die gleiche: Gesundheitsförderung durch wohlige
Entspannung. Foto: dpa-Archiv


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