Forscher wollen Parkinson „an der Wurzel packen“ – Frankfurter Rundschau

Heute vor genau 200 Jahren beschrieb der englische Arzt James Parkinson als Erster eine Krankheit, die später nach ihm benannt wurde. Wegen ihrer typischen motorischen Symptome wie Zittern, kleinschrittiges Gehen, Steifigkeit in Armen und Beinen war sie früher vor allem unter dem Begriff „Schüttellähmung“ bekannt.

Die Ursache von Parkinson blieb Medizinern lange ein Rätsel; erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde entdeckt, dass bei Erkrankten Nervenzellen im Gehirn absterben, Jahrzehnte später erkannten Forscher dann, dass die klassischen Beschwerden durch einen Mangel des Botenstoffs Dopamin ausgelöst werden. Dieses Defizit auszugleichen, darauf zielt auch die in den 1960er Jahren entwickelte Therapie mit dem Medikament L-Dopa, die bei Ärzten bis heute als „Goldstandard“ gilt.

Indes: So lassen sich Verlauf und Symptome zwar mildern und die Lebensqualität vieler Patienten verbessern. Heilen, dauerhaft aufzuhalten oder zumindest langfristig auszubremsen ist Parkinson bislang aber weder mit diesen Medikamenten, noch mit Elektroden im Gehirn, die durch Stromstöße die Hirnnetzwerke wieder ins Gleichgewicht bringen sollen. Einer der Hauptgründe dafür: Die genauen Ursachen der Erkrankung sind auch 200 Jahre nach ihrer Entdeckung noch weitgehend ungeklärt.

Parkinson „an der Wurzel packen“

Das könnte sich möglicherweise in den nächsten Jahren ändern: Wissenschaftler setzen große Hoffnungen in potenzielle Therapien, die künftig nicht nur die Beschwerden lindern, sondern den Krankheitsprozess entscheidend beeinflussen sollen. Sie setzen darauf, Parkinson „an der Wurzel zu packen“ und das Sterben der Nervenzellen im Gehirn aufzuhalten.

Solche neuen Behandlungen werden derzeit in klinischen Studien erprobt. Außerdem ist es gelungen, einen Frühtest zu entwickeln, der die Krankheit nachweisen soll, bevor die typischen Symptome auftreten. Experten der Deutschen Parkinson Gesellschaft stellen diese neuen Ansätze zum heutigen Welt-Parkinson-Tag am 11. April vor.

„Wir haben in den letzten Jahren viele entscheidende Mechanismen verstanden, wie Parkinson entsteht und warum die Krankheit schleichend fortschreitet“, sagt Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel: „Das eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung.“

Der Schlüssel zu einer Therapie, die das Fortschreiten hinauszögere oder das Sterben der Nervenzellen vor dem Auftreten schwerer Symptome stoppe, könne in der Art und Weise liegen, „wie Parkinson sich ausbreitet“. „Wir wissen heute, dass an Parkinson erkrankte Nervenzellen, ähnlich wie Prionen-Erkrankungen andere Nervenzellen ,anstecken‘ können, wodurch die Krankheit sich nach und nach im gesamten Nervensystem ausbreitet“, sagt die Medizinerin. Die Idee: einen Antikörper als „Impfstoff“ zu entwickeln, der die Ausbreitung der Krankheit im Keim erstickt.

Konkret soll sich dieser Antikörper gegen das Eiweiß Alpha-Synuclein richten, das sich bei Parkinson an den erkrankten Nervenzellen anlagert. Derzeit seien in Deutschland zwei Studien mit entsprechenden passiven Antikörpern in Vorbereitung.

Ein andere Ansatz basiert auf der Erkenntnis, dass oxidativer Stress in Zellen (er entsteht, wenn zu viele freie Radikale – bestimmte Sauerstoffverbindungen – gebildet werden) zur Entwicklung von Parkinson beiträgt. „Für Parkinson wurde gezeigt, dass in bestimmten Gehirnregionen zu viel Eisen vorkommt, welches den oxidativen Stress und damit den Zelluntergang verstärkt“, betont Daniela Berg. Neue Therapie setzen darauf, das vermehrte Eisen zu binden.

Bereits heute verfügbar sind wirksamere Therapien für Patienten, die unter erblichen Formen von Parkinson leiden. Forscher haben in den vergangenen 20 Jahren verschiedene Gene entdeckt, die dafür ursächlich sind. Sie führen zu Stoffwechselveränderungen, die sich mittlerweile gezielt mit bestimmten Substanzen wieder stärken lassen.

Die Entwicklung wirksamer Therapien gegen Parkinson wurde lange Zeit dadurch behindert, dass sich die Erkrankung erst relativ spät auf eindeutige Weise bemerkbar macht: „Die allerersten Symptome“ seien nicht die typischen motorischen Probleme, sondern beträfen „Schlaf, Verdauung und Stimmung der Patienten“, sagt Jens Volkmann, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg und Vorsitzender der Deutschen Parkinson Gesellschaft: „Man erkennt meist nicht, dass das Vorboten einer Parkinsonkrankheit sind, weil die charakteristischen Krankheitszeichen noch fehlen.“ Deshalb seien ein Großteil der betroffenen Nervenzellen im Gehirn schon jahrelang abgestorben und somit „unwiederbringlich verloren gegangen“, wenn das typische Zittern einsetze.

Neurologen aus Würzburg und Marburg haben jetzt aber herausgefunden, dass Parkinson bereits Jahre vor Ausbruch der motorischen Symptome in der Haut feststellbar ist. Sie stellten fest, dass die Patienten mit einer sogenannten REM-Schlafverhaltensstörung Ablagerungen des Proteins Alpha-Synuclein als Biomarker für die Erkrankung in der Haut tragen. Die Schlafstörung gilt als ein charakteristisches Frühsymptom von Parkinson und äußert sich in aggressiven Träumen und auffälligen Bewegungen im Traumschlaf. Etwa 85 Prozent der Betroffenen entwickeln binnen 15 bis 20 Jahren eine Parkinson-Erkrankung.

Mit einer einfachen Biopsie lässt sich bei diesen Patienten Parkinson über den Biomarker
Alpha-Synuclein bereits Jahre vor beginn der klassischen Symptome nachweisen. „Damit sind wir dem großen Ziel, Parkinson in einem frühen Stadium zu erkennen und zu stoppen, einen wichtigen Schritt näher gekommen“, sagt Günther Deuschl, Parkinson-Experte vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel und Präsident der Europaen Academy of Neurology. „Der Weg ist nun offen, auch bei nicht von der REM-Schlafverhaltensstörung Betroffenen eine diagnostischen Marker der Frühphase der Erkrankung zu identifizieren.“

Bisher war Alpha-Synuclein zwar als neuropathologisches Kennzeichen von Parkinson bekannt, allerdings habe man immer im Gehirn gesucht, „und das war erst nach dem Tod möglich, sagt Jens Volkmann. Bis heute lässt sich die Erkrankung mit 100-prozentiger Sicherheit überhaupt erst feststellen, wenn ein Mensch gestorben ist – anhand einer Hirnautopsie. Die klinische Diagnose habe nur eine Treffsicherheit von 85 Prozent, sagt Jens Volkmann – „selbst, wenn sie an einem Expertenzentrum gestellt wird“.

Die Forscher wollen mit dem neuen Test Parkinson-Patienten nun in frühen Stadien identifizieren und ihnen eine Teilnahme an Studien anbieten, deren Ziel es ist, ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.

Quelle:

www.fr.de

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