Warum Betriebe mehr denn je auf Gesundheit der Kollegen achten – Freie Presse

Foto: Patrick Seeger/dpa

Vorbeugen ist besser als heilen: Kassen wie die AOK Plus helfen Betrieben, damit die Mitarbeiter nicht krank werden. Ein Beispiel aus der Klinik am Tharandter Wald.

Von Steffen Klameth
erschienen am 13.04.2017

Hetzdorf. Katja Kiontke hat einen Knochenjob. Sechs Uhr beginnt ihr Arbeitstag auf Station 1 der Klinik am Tharandter Wald in Hetzdorf. Dienstberatung, Medikamentenausgabe, Toilettengänge. Zehn Patienten mit neurologischen Erkrankungen, etwa nach einem Schlaganfall, hat die Krankenschwester zu versorgen, viele von ihnen benötigen einen Rollstuhl. Katja Kiontke hilft ihnen aus dem Bett und wieder hinein, mehrmals am Tag. „Wer die Sache falsch angeht, kann es schnell mit dem Rücken bekommen“, sagt die 35-Jährige.

Pflegekräfte sind besonderen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Das weiß auch Torsten Wagner. Er ist Geschäftsführer der Reha-Klinik und für 350 Mitarbeiter verantwortlich. Immer wieder ist ihm aufgefallen, wie sich die Kollegen für das Wohl ihrer Patienten aufopfern – und dabei viel zu wenig auf ihre eigene Gesundheit achten. Deshalb können die Mitarbeiter auch an Rückenschulen und Qigong-Kursen teilnehmen, dürfen die Schwimmhalle und die Geräte der medizinischen Trainingstherapie nutzen – oder einfach mal in der Salzkammer entspannen. Auch Krankenschwester Katja Kiontke findet die Angebote prima. Nur genutzt habe sie die so gut wie nie: „Zu wenig Zeit.“

Damit ist sie kein Einzelfall, wie Wagner bestätigt. Für den Klinikchef stand bald fest: „Wir müssen mehr tun.“ Also wurde ein Arbeitskreis Gesundheit gegründet. Das Besondere daran: Ihm gehören Vertreter aller Berufsgruppen und Hierarchieebenen an – von der Therapie bis zur Pflege, vom Geschäftsführer bis zur Stationsleiterin. Moderiert wird er von der AOK Plus.

„Die Betriebe achten heute mehr denn je auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter“, sagt Stefan Knupfer, Vorstand der AOK Plus. Ein wesentlicher Grund: Es wird immer schwieriger, gutes Personal zu finden. „Deshalb ist es für die Unternehmen umso wichtiger, die Beschäftigten ans Unternehmen zu binden und gesund in Rente zu bringen.“ Und er verschweigt nicht, dass auch die Krankenkassen ein großes Interesse an dem Thema haben. Denn wenn Beschäftigte krank sind, wird das nicht nur für die Unternehmen teuer, sondern auch für die Kassen – allein bei der AOK Plus mache dies jedes Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag aus, sagt Knupfer. Deutschlandweit verursachten krankheitsbedingte Fehlzeiten im Jahr 2015 Gesamtkosten von rund 113 Milliarden Euro, schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Mit dem neuen Präventionsgesetz verpflichtete der Bundestag die Krankenkassen, künftig sieben Euro pro Versicherten in die Gesundheitsförderung und Vorbeugung zu investieren. „Wir haben voriges Jahr schon über zwölf Euro ausgegeben – insgesamt rund 37 Millionen Euro“, sagt der AOK-Chef. Das meiste Geld (knapp 21 Millionen) sei dabei in Form von Gutscheinen direkt an die Versicherten geflossen. Mit den Gutscheinen können sie an anerkannten Gesundheitskursen teilnehmen. Die Nachfrage steigt von Jahr zu Jahr, 2016 besuchten 241.000 Frauen und Männer einen solchen Kurs.

Dagegen nehmen sich die sechs Millionen Euro für die Gesundheitsförderung in Betrieben beinahe bescheiden aus. Für Knupfer ist diese Unterstützung aber nicht minder wichtig. Jeder Euro, der in die Gesundheit der Mitarbeiter investiert werde, bringe rechnerisch einen Gewinn von 2,70 Euro. Über 1000 Betriebe mit 220.000 Beschäftigten in Sachsen und Thüringen profitierten bereits von den verschiedenen Angeboten.

Die Klinik am Tharandter Wald gehört seit drei Jahren zu den Partnern. Geschäftsführer Wagner berichtet, dass man inzwischen verschiedene Stressfaktoren beseitigt habe. Die Maßnahmen reichen von der Veränderung der Besuchszeiten bis zu einer engeren Zusammenarbeit der Berufsgruppen. Und ein Dankeschön vom Chef, so die Erkenntnis, motiviere mehr als ein Yogakurs. Wagners Resümee: „Wenn sich die Mitarbeiter wohlfühlen, merken wir das auch am Krankenstand.“ Immerhin: Krankenschwester Katja Kiontke hat in diesem Jahr noch keinen einzigen Tag gefehlt.

Beschäftigte 19,5 Tage pro Jahr krank

Anstieg bei den Fehltagen in Sachsen gestoppt

Der Krankenstand in Sachsen bleibt auf einem hohen Niveau. Wie die AOK Plus gestern mitteilte, lag er bei ihren Versicherten im Jahr 2016 unverändert bei 5,3 Prozent – das heißt, täglich waren mehr als fünf von hundert Personen krankgeschrieben. Fünf Jahre zuvor waren es noch 4,2 Prozent gewesen. Mit 3,1 Millionen Versicherten ist die AOK Plus die größte Krankenkasse in Sachsen und Thüringen. Auch bei den anderen großen Kassen zeichnet sich keine Entspannung ab. Lediglich bei der DAK-Gesundheit gab einen minimalen Rückgang auf 4,5 Prozent.

Häufigster Grund für eine Arbeitsunfähigkeit sind nach wie vor Krankheiten der Atemwege wie Erkältungen, Grippe und Bronchitis. Dahinter folgen Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems, Verdauungsprobleme und Verletzungen. Geht es nach der Dauer der Krankschreibungen, stehen Muskel- und Skeletterkrankungen – und hier vor allem Rückenschmerzen – an erster Stelle. Bei der AOK Plus machten sie allein 22 Prozent aller Ausfalltage aus. Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen rangieren bei der Dauer nach wie vor an dritter Stelle. Im Schnitt dauerte eine Krankschreibung 12,2 Kalendertage – insgesamt waren Arbeitnehmer 19,5Tage krankgeschrieben. Überdurchschnittlich oft waren AOK-Versicherte in den Kreisen Nordsachsen, Görlitz und Bautzen krankgeschrieben, am seltensten in Dresden. (rnw/sk)

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