Neue Staffel der Nachtvorlesungen in Mainz

MAINZ – Krankheit und Kranksein ist in unserer Gesellschaft in aller Regel kein großes Tabu-Thema mehr, nichts, was man verstecken müsste. Doch es gibt Ausnahmen: Krankheiten, über die man nicht spricht – und so lautet auch der Titel der neuen Staffel der Reihe „Nachtvorlesung“. Wir sprachen mit Professor Christian-Friedrich Vahl, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie der Unimedizin, der die Reihe seit zwölf Jahren organisiert.

Herr Professor Vahl, sonst nehmen Sie gerne Themen, über die breit diskutiert wird – nun das Gegenteil.

Manchmal habe ich das Gefühl, als lebten wir immer noch in einer Zeit, die Leid gerne unsichtbar machen will. Alte, Behinderte und eben auch Menschen mit Krankheiten, über die man nicht gerne spricht. Die werden dann ein Problem, beziehungsweise sie glauben selbst, dass sie ein Problem seien. Manche Kranke fragen sich, ob sie ihrer Umwelt ihre Krankheiten noch zumuten können.

Wie sieht das der Mediziner?

Für den Arzt gibt es keine guten und keine schlechten Krankheiten. Deshalb haben wir dieses Thema auch gewählt. Und wer heute einen Menschen mit solch einer Erkrankung nicht anlächelt, der das dringend gebraucht hätte, der kann das nie wieder gut machen.

Um welche Erkrankungen geht es in der neuen Staffel konkret?

Am ersten Abend spricht Privatdozent Dr. Winter über Epilepsie, Dr. Taspinar zu übermäßigem Schwitzen, es geht aber auch um faule Zähne, um Hämorrhoiden und um stinkende Wunden an offenen Beinen.

Das sind in der Tat nicht ganz einfache Themen, aber kann man sie wirklich enttabuisieren?

Zunächst geht es erstmal darum, den Menschen Mut zu machen. Dafür, dass sie die Erkrankung annehmen, Mut machen dafür, dass sie zum Arzt gehen und nicht aus falscher Scham darüber schweigen. Es ist wie bei jeder Erkrankung: Je früher man einen Arzt konsultiert, desto größer sind die Chancen auf Besserung oder Heilung.

Welche Krankheiten, über die man nicht spricht, werden noch in der Staffel angesprochen?

Am zweiten Donnerstag werden Geschlechtskrankheiten offen thematisiert, Professor Münzel stellt die durch das Herz bedingte akute Bewusstlosigkeit, die zur Fahruntüchtigkeit führen kann, in den Mittelpunkt, und Professor Zepp berichtet über Läuse, Flöhe und andere Erkrankungen in Kindergärten, Sportvereinen und Massenunterkünften. Auch Dr. Buschmann spricht die Leiden der Übergewichtigen und die oft schwierige Körperpflege an. Am dritten Abend geht es um künstliche Darmausgänge, um psychosomatische Störungen, um Inkontinenz und um Mundkrebs.

Sie haben aber noch eine vierte Vorlesung auf dem Programm?

Ja, die letzte Vorlesung hat einen ausschließlich positiven Inhalt und hat auch nichts mit dem eigentlichen Thema zu: Sie findet im Gutenberg-Museum statt und gibt den Bürgern Gelegenheit, bei der Eröffnung des zweiten Kongresses über den 3-D-Druck in der Medizin dabei zu sein. Das ist eine spannende Belohnung nach den vorangegangenen Themen.

Was sollen die Zuhörer mitnehmen?

Unser Glück ist nicht abhängig von Hämorrhoiden, von Sex, von Herzklappen, von Läusen und Flöhen, von Amputationen. Eher neige ich zu Demokrit, der trotz der Beschränkungen, die für uns alle gelten, eine Seelenruhe als Ziel propagierte, eine Heiterkeit des Gemüts. Wie gesagt: Wir wollen Mut machen, zum Arzt zu gehen. Denn man kann viel tun. Und wenn der Hausarzt mal nicht weiterkommt, dann hat die Unimedizin sicherlich noch eine Idee.

Das Interview führte Michael Bermeitinger.

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