Epilepsie, offene Wunden, Hämorrhoiden, übermäßiges Schwitzen

Von Michael Bermeitinger

MAINZ – Hannibal zog damit über die Alpen, Napoleon unterwarf fast ganz Europa, Dostojewski und Dickens schrieben Weltliteratur, und Leonardo da Vinci war das allumfassende Genie. Alle diese Menschen eint nicht allein höchste Begabung, sondern auch eine Erkrankung – Epilepsie. Warum eher wenig bekannt wurde, dass gerade diese bedeutenden Persönlichkeiten darunter litten? Weil sie wenig davon laut werden ließen. Epilepsie ist eine der „Krankheiten, über die man nicht spricht“ – und so lautet auch der Titel der am Donnerstag startenden neuen Nachtvorlesungsstaffel.

Viele Epileptiker wollen nicht darüber sprechen

Ganz bewusst hat Professor Christian-Friedrich Vahl, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie, diesmal ein Thema ausgesucht, dass Tabus anspricht. Erkrankungen, bei denen die Kranken sich fragen, „ob sie sich ihrer Umwelt noch zumuten können“, sagt der Organisator der seit 2004 laufenden Reihe. Am ersten Abend der neuen Staffel geht es neben der Epilepsie auch um offene Beine und stinkende Wunden, um übermäßiges Schwitzen und Defekte, die vor Operationen beseitigt werden müssen wie Hämorrhoiden und übel riechende Zähne.

Dass Epilepsie zu den Krankheiten gehört, über die man nicht spricht, „liegt an der Stigmatisierung“, so Privatdozent Yaroslav Winter, Leiter des Epilepsiezentrums an der Neurologischen Klinik der Unimedizin. Der Kontrollverlust während eines Anfalls macht die Umgebung hilflos, manche Arbeitgeber lehnen Epileptiker ab, und auch Familien und Freunde fühlen sich teilweise überfordert. Dies alles sorgt dafür, dass Erkrankte wenig oder nicht darüber sprechen wollen. „Wir haben für einen TV-Beitrag lange suchen müssen, bis Menschen vor der Kamera darüber reden wollten“, so Winter.

Epilepsie ist die häufigste neurologische Krankheit und betrifft etwa ein Prozent der Bevölkerung. Sie kann angeboren sein, es ist aber auch möglich, dass Schäden nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma Anfälle auslösen. Etwa ein Drittel der Patienten können mit einem einzelnen Medikament behandelt werden, ein weiteres Drittel mit mehreren Präparaten, während die anderen darauf nicht ansprechen. Was dann hilft? Etwa Epilepsiechirurgie, bei der auslösende Stellen entfernt werden. Aber auch ein verständnisvolles Umfeld, das lernt, mit den zwei bis drei Minuten dauernden Anfällen umzugehen.

Ist Epilepsie Schicksal, so hat es Gefäßchirurg Dr. Marco Doemland auch mit Patienten zu tun, die es durchaus selbst in der Hand hatten, ihre Erkrankungen gar nicht erst in ein katastrophales Stadium kommen zu lassen. „Offene Beine und stinkende Wunden“ ist sein Vortrag betitelt.

Betroffen sind oft Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder Diabetespatienten, bei denen sich kleine, sogar kleinste Wunden ausdehnen, wenn sie nicht umgehend behandelt werden. Die Wunden werden größer, Gewebe stirbt ab – und das führt zu unangenehmen Gerüchen bis hin zu regelrechtem Gestank. „Man glaubt gar nicht, dass man damit leben kann“, so Doemland, aber wenn die Wunde sich erst einmal in diesem Stadium befindet, wenn sich Löcher bis zum Knochen gebildet haben, schämen sich viele Menschen zum Arzt zu gehen. Zumal durch das Absterben von Nervenfasern auch die Schmerzen nicht so groß sind, wie man annehmen würde. Erst der Leidensdruck im Umfeld führt dann meist dazu, dass die Menschen sich einem Arzt anvertrauen. Dann kann es zu spät sein und eine Amputation droht, im schlimmsten Fall kann aber eine Blutvergiftung drohen, die dann auch tödlich enden kann. Doch die Gefäßchirurgen der Unimedizin haben viele Möglichkeiten, das zu verhindern. „Nach der Wundsanierung wird die Durchblutung wieder hergestellt, und dann wird mittels Vakuumtherapie oder Fischhaut die Heilung in Gang gesetzt“, erklärt Doemland. Seit zwei Jahren wird Fischhaut, die vom Kabeljau gewonnen wird, in der Gefäßchirurgie der Unimedizin zur Wundauflage genutzt, und die Erfolge sind – auch was die Schmerztherapie angeht – gut.

Dass auch Herzchirurgen mit Folgen vernachlässigter Erkrankung zu kämpfen haben, dazu spricht Professor Vahl. „Wir müssen vor einer Operation alles sanieren, was zu bluten beginnen kann, was Infektionen auslösen oder den Anästhesisten behindern kann. Und die Bandbreite ist groß – gerade was Krankheiten angeht, über die keiner gern spricht.

Die Menschen warten zu lange, dann schämen sie sich und gehen nicht zum Arzt, mit der Folge, dass alles immer schlimmer wird. „Bei der Untersuchung vor der OP entdecken wir etwa ausgeprägte Hämorrhoiden, Analfissuren oder Abszesse, die längst hätten behandelt werden müssen“, so Vahl, der das Risiko klar benennt. „Wenn sich Hämorrhoiden während der OP öffnen, kann der Patient verbluten.“

Entzündete Zähne müssen vor OP saniert werden

Auch Vorhautentzündungen, chronische Harnwegsinfekte und Entzündungen an Zahnwurzeln müssen vor der OP saniert werden, damit sie sich nicht ausbreiten. Wenn ein Notfall-Eingriff ansteht, ist die Sanierung natürlich nicht möglich, „aber sie wird nachgeholt“, sagt Vahl. Denn in der Zeit nach der Operation sind die Patienten besonders anfällig.

Neben höchst gefährlichen verschwiegenen Erkrankungen gibt es natürlich auch Fehlfunktionen, die einfach unangenehm sind und dazu führen können, dass Menschen immer weniger am sozialen Leben teilnahmen wollen. Übermäßiges Schwitzen gehört dazu. Darüber wird am ersten Abend der neuen Nachtvorlesungsstaffel Dr. Hakan Taspinar sprechen.

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