Gesunde Ernährung – Glutenfrei ist kein Allheilmittel – Süddeutsche.de

Im Gegenteil: Voreiliger Verzicht auf Vollkornprodukte könne sogar Nachteile für Herz und Kreislauf haben, warnen Fachärzte. Doch die Unverträglichkeit ist zu einer Modeerscheinung geworden.

Von Patrick Illinger

Eine große Studie zum Thema Gluten[1] in der Ernährung führt derzeit zu heftigen Diskussionen. Die in der vergangenen Woche im British Medical Journal veröffentlichte[2], mit Daten von 110 000 Probanden durchgeführte Forschungsarbeit von US-Ärzten kommt zu dem Schluss, dass ein radikaler Verzicht auf glutenhaltige Nahrungsmittel Nachteile haben kann. Die Forscher raten nur jenen Menschen, Gluten zu meiden, bei denen medizinisch gesichert eine Zöliakie diagnostiziert wurde. Für all jene, die eine Unverträglichkeit nur vermuten, könne der langfristige Verzicht insbesondere auf Vollkornprodukte Nachteile haben, zum Beispiel ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Phänomen der Gluten-Unverträglichkeit hat in den vergangenen Jahren in westlichen Gesellschaften starke Aufmerksamkeit bekommen. Große Teile der Bevölkerung haben sich dafür entschieden, den vermeintlich nachteiligen Weizenbestandteil penibel zu meiden. Gluten kommt auch in anderen Getreidearten vor und sorgt für die Festigkeit der Körner. Insbesondere Vollkornprodukte enthalten Gluten. Bei Menschen mit einer Zöliakie löst Gluten heftige Reaktionen wie eine Darmentzündung aus. Doch in jüngerer Zeit ist Gluten-Unverträglichkeit zu einer Modeerscheinung geworden, was einer gewissen Absurdität nicht entbehrt, schließlich ernährt sich die Menschheit seit Tausenden Jahren von Weizen und anderem Getreide.

Wer heute das Stichwort „Gluten“ bei Google eingibt, erfährt bereits in den ersten Treffern, dass Gluten „gesundheitsschädlich“ und „gefährlich“ sei. Die Zahl der Menschen, die bei sich selbst eine Gluten-Unverträglichkeit vermuten, hat in den vergangenen Jahren extreme Ausmaße angenommen. Sie übertrifft bei Weitem den knapp ein Prozent großen Anteil der Bevölkerung, die medizinisch nachweisbar unter einer Zöliakie leiden.

Allergie Eingebildete Allergiker

Eingebildete Allergiker[3]

Die Kiwi bitzelt auf der Zunge, nach einem Glas Milch drückt’s im Darm: Jeder fünfte Deutsche glaubt, er habe eine Allergie – aber die meisten irren und üben unnötigerweise Verzicht. Der einzige definitive Test ist allerdings unangenehm. Claudia Füssler mehr …

Mit einem radikalen Verzicht auf Gluten ohne entsprechende Indikation könnte es sich nun so verhalten, wie mit jeder anderen radikalen Ernährungsgewohnheit. Zu viel (Salz, Zucker, Fleisch, Alkohol etc.) kann ebenso schädlich sein wie ein Totalverzicht oder eine Mangelernährung. Fehlendes Iod in der Nahrung führte beispielsweise in Bayern jahrhundertelang dazu, dass Menschen eine Schilddrüsenfehlfunktion sowie einen Kropf bekamen.

Aktuell warnen nun Ärzte, das Weglassen von Gluten könne ungünstige Folgen haben: Glutenvermeider reduzieren meist ihren Vollkornkonsum, der das Herz schützen kann. „Basierend auf unseren Daten ist eine Gluten-arme Diät nur mit dem Ziel Herzgesundheit nicht zu empfehlen“, resümiert der Gastroenterologe und Mitautor Andrew Chan von der Harvard School of Medicine. Zusammen mit Benjamin Lebwohl vom Zöliakie-Zentrum der New Yorker Columbia University und weiteren Kollegen hat er Daten zweier Langzeitstudien ausgewertet: Von 1986 bis 2010 waren dafür alle vier Jahre vielfältige Ernährungs[5]– und Gesundheitsdaten von 110 000 Amerikanern gesammelt worden.

„Gluten ist selbstverständlich schädlich für Menschen mit Zöliakie. Aber beliebte Diätbücher, die mit zufälligen und anekdotischen Beispielen arbeiten, haben die Ansicht befeuert, Gluten-arme Diät sei für jeden gesund“, sagt Lebwohl. Wer jedoch auch auf Vollkorn-Produkte verzichte, laufe Gefahr, gleichzeitig deren schützenden Effekte vor Herzerkrankungen zu verlieren.

Chiasamen, Quinoa und Co.

Superfood ist Superquatsch[7]

mehr…[4][6][8]

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