Indien: Gesundheit: Antibiotika im Wasser sollen Supererreger hervorgerufen … – Augsburger Allgemeine

Multi-resistente Keime sind ein ernstzunehmendes globales Gesundheitsrisiko. Vor allem der Erreger Klebsiella-Pneumoniae ist auch in deutschen Krankenhäusern immer wieder ein Problem. Laut Experten liegt die Sterblichkeitsrate bei mit diesem Bakterium infizierte Menschen bei 40 bis 50 Prozent. Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung haben nun ergeben, dass große Antibiotika-Fabriken in Indien durch mangelnde Abwasserreinigung mit zur Entstehung solcher sogenannten „Supererreger“ beitragen. Die Ergebnisse rund um den indischen Pharmastandort Hyderabad stellte der Norddeutsche Rundfunk am Donnerstag in Berlin vor.

Antibiotika Abwasser: Pharmafabriken überschreiten Grenzwerte

Gewässerproben, die im November 2016 in unmittelbarer Nähe von Pharmafabriken entnommen wurden, zeigen eine deutliche Überschreitung der Grenzwerte. Reste von Antibiotika sind in hundert- oder sogar tausendfacher Konzentration im Wasser nachzuweisen. Auch Rückstände von Pilzbekämpfungsmitteln lassen sich in den Proben finden.

Laut Arne Rodloff, Mikrobiologe am Universitätsklinikum Leipzig, entwickeln Bakterien in Gewässern in kürzester Zeit Abwehrmechanismen gegen Antibiotika[1]. Die resistenten Erreger könnten über direkten Kontakt mit kontaminiertem Wasser oder über die Nahrungskette in den menschlichen Körper gelangen, ergänzte der Leipziger Infektionsforscher[2] Christoph Lübbert. Das könne dazu führen, dass gängige Antibiotika bei Infektionen nicht mehr anschlagen und Patienten im schlimmsten Fall sterben. Lübbert nannte die Kloake, die er in Hyderabad nahe der Fabriken sah, einen „Bioreaktor unter freiem Himmel“.

Multi-resistente Keime: Supererreger durch Touristen global verbreitet

Die Ausbildung der Resistenzen gilt nicht allein für die indische Bevölkerung, sondern auch für Reisende als Problem. Zahlreiche Indien-Touristen kehrten mit multi-resistenten Bakterien zurück, die sie vorher nicht hatten. Nicht nur in Indien[3], sondern auch in Europa fehle es an Vorschriften in dem Bereich. Medikamente würden vor der Einfuhr in die EU zwar auf Qualität geprüft, Umweltaspekte in den Produktionsländern dürften Kontrolleure aber gar nicht berücksichtigen. In den kommenden Jahren sollten Zulieferer aus Schwellenländern auch auf Umweltaspekte überprüft werden, so Rolf Hömke, Sprecher des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller. Diese Vereinbarung hätten bisher aber nicht alle deutschen Pharma-Unternehmen unterzeichnet.

Bessere Industrie- und Umweltstandards hält auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) für nötig. „Dass Unternehmen das Wasser nicht mit gefährlichen Stoffen verunreinigen dürfen, muss generell gelten“, sagte er am Donnerstag. Auch in Schwellenländern müsse sich die Pharmaindustrie an Richtlinien halten. Für internationale Gremien im Wirtschafts- und Umweltbereich stellt der G-20-Gipfel im Juli in Hamburg eine geeignete Plattform dar, um auf dieses Ziel hinzuarbeiten, so Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung.

Antibiotika-Industrie in Indien ist groß

Die Autoren der Dokumentation sehen die Gründe für die Produktionsbedingungen im Ausland auch im Preiskampf auf dem Pharma-Markt. Die Konkurrenz ist groß und damit Antibiotika möglichst kostengünstig angeboten werden könnten, finde die Herstellung heute zu 80 bis 90 Prozent in Ländern wie Indien oder China statt. Eines der letzten großen europäischen Werke in Frankfurt-Hoechst habe 2016 die Produktion eingestellt, sagte NDR-Autor Christian Baars.

In Indien stießen die Bedenken der Forscher auf Kritik. „Es ist Quatsch, Industrieabwässer mit dem Transfer resistenter Bakterien auf Menschen zu korrelieren. Die Vorgänge sind deutlich komplizierter“, sagte Chandra Bhushan, stellvertretender Geschäftsführer des Think Tanks Zentrum für Wissenschaft und Umwelt (CSE) in Neu Delhi. Das Phänomen resistenter Bakterien gebe es weltweit. „Die USA sind der größte Konsument von Antibiotika. Dort findet man Rückstände von Antibiotika in jedem Produkt mit Hühnchenfleisch.“ dpa

Die Fernseh-Dokumentation wird unter dem Titel „Der unsichtbare Feind – Tödliche Supererreger aus Pharmafabriken“ am kommenden Montag (22.45 Uhr) in der ARD ausgestrahlt.

Multi-resistente Keime in Kliniken:

Hochresistente Keime in Stuttgarter Krankenhaus gefunden[4]

Intensivstation der Uniklinik Frankfurt bleibt gesperrt[5] 

Fußnoten:

  1. ^ Antibiotika (www.augsburger-allgemeine.de)
  2. ^ Infektionsforscher (www.augsburger-allgemeine.de)
  3. ^ Indien (www.augsburger-allgemeine.de)
  4. ^ Hochresistente Keime in Stuttgarter Krankenhaus gefunden (www.augsburger-allgemeine.de)
  5. ^ Uniklinik Frankfurt: Intensivstation bleibt gesperrt (www.augsburger-allgemeine.de)
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