Ist Gesundheit planbar? – Freie Presse

So sieht es drinnen aus. Per 3-D-Ultraschall ist jede Hautfalte zu sehen. Kassenleistung ist das aber nicht, und die Kosten variieren stark.

Foto: Bodo Marks/dpa PA Bild 1 / 3


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Schwangeren werden immer mehr Tests angeboten. Die sind teuer und haben Grenzen, sagt ein Arzt aus Dresden.

Von Stephanie Wesely
erschienen am 07.05.2017

Lisa ist in der 13. Woche. Es ist ein Wunschkind. Sie liebt es bereits, als es nur ein winziger Punkt im Ultraschall ist. Ob Mädchen oder Junge – egal. Hauptsache gesund! Und das möchten die Eltern aus Dresden nicht dem Zufall überlassen. Sie recherchieren alle möglichen Risiken und vermeiden sie konsequent. Logisch, dass sie auch alle Früherkennungsuntersuchungen in Anspruch nehmen wollen. Doch so schnell, wie der Entschluss gefasst ist, kommen auch die Zweifel. Was wäre wenn? Wie viel Krankheit oder Behinderung sind sie bereit bei ihrem Kind anzunehmen? Wie sicher sind die Tests überhaupt?

Im Mutterpass, den Lisa bekommt, steht eine Vielzahl von Untersuchungen. Sie sind Bestandteil der Mutterschutzrichtlinie, wissenschaftlich abgesichert und von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. „Sie betreffen hauptsächlich die Gesundheit der Mutter. Doch es gibt heute viele zusätzliche Untersuchungen, die die Gesundheit des Ungeborenen beurteilen“, sagt Dr. Cahit Birdir, der seit April die Ersttrimester-Spezialsprechstunde an der Unifrauenklinik Dresden leitet.

Diese Tests sind nur im Ausnahmefall Kassenleistung. Viele Krankenkassen bieten Schwangeren aber ein Budget, aus dem sie solche Untersuchungen bezahlen können. 30 von 100 Selbstzahlerleistungen werden laut Verbraucherzentrale NRW in Frauenarztpraxen angeboten. Die Mehrzahl davon seien Ultraschalluntersuchungen und Angebote für Schwangere. Die neueste Entwicklung – der nichtinvasive pränatale Screeningtest (NIPT) – war Anlass für den Gemeinsamen Bundesausschuss, für Schwangere eine wissenschaftlich fundierte Versicherteninformation erarbeiten zu lassen.

Parallel läuft ein Bewertungsverfahren zum NIPT. Darin wird diese nichtinvasive Untersuchung hinsichtlich ihrer Aussagekraft und der Risiken mit der etablierten Fruchtwasserpunktion und der Gewebeentnahme aus der Plazenta verglichen. Bis 2019 soll ein Ergebnis vorliegen. Beim pränatalen Screeningtest wird eine Blutprobe mit kindlichem Erbgut auf Chromosomenschäden wie Trisomie 13, 18 und 21 untersucht. „Der Test wird Schwangeren ab der zehnten Woche angeboten“, sagt Dr. Birdir. Er empfiehlt ihn in Verbindung mit dem Ultraschall, dann läge die Aussagekraft bei über 99Prozent. Zwischen 200 und 400Euro müssen Frauen dafür bezahlen. Unabhängig vom Ergebnis des Bewertungsverfahrens steht fest: „Mit den Testergebnissen wird nur eine statistische Wahrscheinlichkeit für Erkrankung oder Behinderung ermittelt. Wir können nicht sagen, ob das Kind gesund oder krank zur Welt kommt“, sagt Birdir.

Diese statistische Wahrscheinlichkeit thematisiert auch die Verbraucherzentrale NRW im Buch „Schwangerschaft und Geburt selbstbestimmt“. Autorin Angelica Ensel fragt: „Ist es für Sie ein Unterschied, ob ein Behinderungsrisiko von 1:350 oder von 1:45 vorliegt? Immer könnten Sie die eine sein.“

„Jede Frau möchte ein gesundes Kind. Doch diese Sicherheit kann ihr kein Test geben“, sagt auch Uta Dittmar, die die Fachberatungsstelle für Pränataldiagnostik von Pro Familia in Chemnitz leitet. Fünf solche unabhängigen Beratungsstellen in freier Trägerschaft gibt es in Sachsen. „Schwangere werden heute von ihrem Umfeld sehr unter Druck gesetzt, dass sie die Vielzahl an Möglichkeiten auch nutzen“, sagt sie. Mit Aussagen über Behinderte wie „So etwas muss doch heute nicht mehr sein“ werde ihnen suggeriert, dass Gesundheit planbar sei. „Doch das ist sie nicht“, so Dittmar. Auch Cornelia Schiebe hat fast täglich Eltern in der Sprechstunde, die sich aufgrund eines Untersuchungsergebnisses für einen Abbruch ihrer Schwangerschaft entschieden haben. „Sie befinden sich in einem seelischen Ausnahmezustand, können nichts mehr fühlen, die Verbindung zum eigenen Körper, zum Kind ist unterbrochen“, sagt die Psychologin des Krankenhauses Dresden-Neustadt. Manchmal hätten sich diese Paare lange ein Kind gewünscht oder sogar Kinderwunschbehandlungen wahrgenommen. 90 Prozent der Frauen, bei denen eine Trisomie festgestellt wurde, entscheiden sich gegen die Fortsetzung ihrer Schwangerschaft, sagt sie.

Bei einer Trisomie ist ein bestimmtes Chromosom dreimal statt zweimal vorhanden. Die Trisomien 13 und 18 gehen mit Fehlbildungen des Gehirns und anderer Organe wie Darm und Herz einher. „Sie sind mit dem Leben schwer vereinbar“, sagt Cornelia Schiebe. Die Trisomie 21 ist als Down-Syndrom bekannt. Es tritt in unterschiedlichen Ausprägungen auf, von leichten bis zu schwersten Behinderungen. Und das macht die Entscheidung schwer.

Neben dem NIPT ermittelt auch das Ersttrimester-Screening die Wahrscheinlichkeit einer Trisomie. Beim Ersttrimester-Screening wird per Ultraschall unter anderem die Nackenfalte und das Nasenbein gemessen. Eine vergrößerte Nackenfalte und ein zu kleines Nasenbein erhöhen den Verdacht auf diese genetische Erkrankung. Außerdem werden die kindlichen Organe angeschaut, die Herzklappenfunktion, der Flusswiderstand in den Gefäßsystemen des Kindes gemessen und das mütterliche Blut auf bestimmte Hormone untersucht. Mit der Blutuntersuchung könnten auch Schwangerschaftskomplikationen wie zum Beispiel Vergiftungen erkannt werden, sagt Cahit Birdir. Das Ersttrimester-Screening kostet zwischen 140 und 180 Euro und hat dem Dresdner Arzt zufolge eine Genauigkeit von 90 Prozent. „Wir sprechen vor und nach dem Screening sehr ausführlich mit den Frauen. Denn sie müssen sich darüber klar sein, dass es im Falle eines auffälligen Tests drei Möglichkeiten gibt: Weitere Untersuchungen zu machen, um den Verdacht zu erhärten, sich auf ein Leben mit der Diagnose vorzubereiten oder die Schwangerschaft zu beenden. Das können die Frauen nicht ohne Hilfe“, sagt Birdir.

Lisa hat das Ersttrimester-Screening hinter sich. Stolz zeigt sie das Ultraschallbild, auf dem alles so detailliert erkennbar ist, dass es fast einem Wunder gleicht. „Es ist alles in Ordnung, hat die Ärztin gesagt. Ich bin froh“, sagt sie. Eigentlich hätte die Ärztin aber sagen müssen: „Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eine Trisomie hat, ist gering.“ Das hört sich allerdings nicht so positiv an.

Rat zu den Tests geben spezialisierte Schwangerenberatungsstellen. Diese fünf gibt es in Sachsen: Pro Familia Chemnitz, chemnitz@profamilia.de, Telefon: 0371 302102; AWO Vogtland, Telefon: 03765 55500, sskb@awovogtland.de; AWO Kinder- und Jugendhilfe Dresden, info20@awo-kiju.de, Telefon: 0351 3361107; Diakonie Löbau-Zittau, familien.beratung@wlz.de, Tel.: 03585 476622; DRK Leipzig, Telefon 0341 3035120, schwangerenberatung@drk-leipzig.de.

Das Buch „Schwangerschaft und Geburt selbstbestimmt“ ist bestellbar unter Telefon 0211 3809555, www.vz-nrw.de[1]

Fußnoten:

  1. ^ www.vz-nrw.de (www.vz-nrw.de)
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