Gesundheit: Leben nach einem Schlaganfall | Frankfurter Rundschau – Frankfurter Rundschau

Jürgen Gehre gönnt sich ein bisschen Ruhe. Sein Vater ist vor sechs Tagen gestorben, in zwei Tagen soll die Beerdigung sein. Es ist Samstagvormittag, seine Frau ist einkaufen gegangen. Nur der 15-jährige Sohn ist im Haus. Gehre legt sich auf die Couch, liest Zeitung. Plötzlich fällt sie ihm aus der Hand. Er will sie aufheben. Das funktioniert nicht. Er will aufstehen, kommt aber nicht hoch. Laut ruft er um Hilfe. „Ruf die 112 an. Hier stimmt etwas nicht“, sagt er seinem Sohn. Justin reagiert sofort, verständigt auch die Mutter.

Wenig später hält der Rettungswagen vor dem Haus. Gehre hat Angst, er ahnt: „Das ist was Schlimmes.“ Die Sanitäter fragen ihn nach dem Namen, nach dem Tag. Gehre hat den Eindruck, sich deutlich artikulieren zu können. Tatsächlich ist seine Aussprache aber schleppend und verschwommen.

Der Schlaganfall am 12. Dezember 2015 trifft den 52-Jährigen, der bei der Polizei in Offenbach arbeitet und in Rodgau-Jügesheim (Kreis Offenbach) lebt, völlig unerwartet. Gehre überlebt, ist aber halbseitig gelähmt. Der Weg zurück in den Alltag scheint damals unmöglich. Doch Gehre schafft es mit starkem Willen, der emotionalen Unterstützung durch Familie und Freunde, dank der Schlaganfall-Akut-Versorgung, dank hervorragender Therapeuten.

17 Monate nach dem Schicksalsschlag arbeitet der Polizist wieder Vollzeit bei der Direktion in Offenbach, er ist zuständig für Verkehrssicherheit und Sonderdienste. Und: Dem leidenschaftlichen Biker, und Vorsitzendem des Motorradsportclubs Klein-Krotzenburg ist die Rückkehr vom Rollstuhl aufs Motorrad gelungen.

Doch zurück zum 12. Dezember. Im Offenbacher Sana-Klinikum wird Gehre in die Röhre gesteckt. Die Magnetresonanztomographie zeigt, dass in der linken Hirnhälfte ein Blutgefäß geplatzt ist. Die Blutung hört von alleine auf, eine Operation ist nicht nötig. Doch die Blutung hat bereits Nervenzellen zerstört, stellen die Ärzte fest.

Gehres rechte Körperhälfte ist taub. Er kann weder Finger, Arm noch Bein bewegen. Auf der Schlaganfall-Station, Stroke Unit genannt, beginnt die Akutbehandlung. Er erhält Medikamente, wird an Geräte angeschlossen, die unter anderem seine Hirnströme messen. Sie piepsen und nerven. Sein Blutdruck ist zu hoch. Gehre quält die Ungewissheit. Niemand kann ihm sagen, ob er wieder gesund oder pflegebedürftig bleiben wird. Zudem bedrückt ihn, dass er an der Trauerfeier seines Vaters nicht teilnehmen kann. Auch sein eigener Geburtstag am 15. Dezember und der seiner Tochter zwei Tage später fallen aus. Niemandem in der Familie ist zum Feiern zumute.

Doch Gehre hält sich nicht damit auf, mit seinem Schicksal zu hadern. Immer wieder versucht er im Krankenbett, die Faust zu ballen. Am sechsten Tag seines Aufenthalts im Klinikum glaubt er, dass sich der Daumen bewegt hätte. Tatsächlich gelingt es ihm mit Hilfe des Physiotherapeuten aufzustehen und an der Geländerstange im Flur winzige Schrittchen „im Zeitlupentempo“ zu machen.

Nach zehn Tagen wird er von der Stroke Unit in eine Reha-Klinik in Bad Orb entlassen. Dort wird er den Winter verbringen. Er absolviert ein hartes Programm aus Physio- und Ergotherapie, um die früher alltäglichen Bewegungsabläufe zu trainieren. Er muss lernen, sich ein Butterbrot zu schmieren. Gehre hat ein klares Ziel vor Augen. Er will die Reha erst dann verlassen, wenn er wieder laufen und Treppen steigen kann. Denn seine Wohnung liegt im ersten Stock, einen Aufzug gibt es nicht. Zunächst übt er das Gehen mit einem Gestell. Es folgen das Laufen mit einem Vierpunktstock und einem Spazierstock. Danach übt er das Treppensteigen.

Am 6. März darf er nach Hause. Gehre hat doppeltes Glück. Es gibt keine Unterbrechung in der Behandlung. Und in Helmut Gruhn aus Hainburg findet er einen erfahrenen Physiotherapeuten.

Er hat mit „Back to life“ eine ambulante Schlaganfall-Intensiv-Rehabilitation entwickelt, die die Voraussetzung für einen selbstständigen Alltag der Patienten schaffen soll. Grundlage ist das Bobath-Konzept. Gehre ist dort noch heute in Therapie. Denn ohne Behandlung, erzählt er, verschlechtere sich sein Zustand sofort.

Er will wieder arbeiten. Einfach so jeden Monat sein Gehalt überwiesen zu bekommen, sei nicht sein Ding. Im Januar 2017 beginnt die Wiedereingliederung mit zunächst zwei Stunden. Alle zwei Wochen kommt eine weitere Stunde hinzu. Nach einem Vierteljahr ist er wieder voll dabei. Leicht sei das nicht. „Aber ich schaffe das.“

Nach der Reha setzt er alles daran, wieder mobil zu sein. Er lernt wieder Fahrradfahren und erhält die Erlaubnis, Auto zu fahren. Ein weiteres Zwischenziel ist das Motorradfahren auf seiner kleinen Yamaha. Das klappt. Doch sicherer fühlt Gehre sich auf einem Motorrad mit Seitenwagen. Auf seine große BMW K 100RS traut er sich noch nicht. Betonung auf „noch“. In seinem Büro hängt ein Plakat vom Grand Prix 2015 auf dem Sachsenring. Dorthin will Gehre eines Tages mit seiner BMW fahren. „Das dauert vielleicht noch Jahre. Aber ich werde es nicht aus den Augen verlieren.“

Quelle:

www.fr.de

Fußnoten:

  1. ^ www.schlaganfall-hilfe.de (www.schlaganfall-hilfe.de)
Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s