WHO – Das höchste Gesundheitsamt krankt – Süddeutsche.de

Von Geldnot geplagt, unflexibel und in Gefahr, die Bedeutung zu verlieren: Die WHO steckt in der Krise. Nun wählt sie einen neuen Generaldirektor; es ist einer der undankbarsten Jobs dieser Welt.

Von Berit Uhlmann

Für diesen Job darf man nicht empfindlich sein. Bei ihrem letzten großen Auftritt bekam WHO-Chefin Margaret Chan einen handbemalten Schal überreicht. Darauf: Darmparasiten, Würmer, Bakterien – all die fiesen Organismen, die vor allem Bewohner in der Dritten Welt bedrohen. „Der kreativste Schal, den ich je erhalten habe“, lobte Chan routiniert, richtete sich auf und nahm Applaus entgegen.

Chan scheidet mit aller Feierlichkeit aus dem Amt, doch sie hinterlässt eine Weltgesundheitsorganisation in tiefer Krise. Eine Behörde, „die auf traurige Weise den Anschluss an die globalisierte Welt verloren hat“, kritisiert die Politologin Kelley Lee, die an der kanadischen Simon Frazer University forscht. Wenn die 194 Mitgliedstaaten in dieser Woche einen neuen Generaldirektor wählen, geht es also auch um die künftige Ausrichtung der Organisation, für manche Beobachter sogar um deren Fortbestand.

Als die WHO[1] 1948 ihre Arbeit aufnahm, standen die Gründerväter noch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Die Erde kranke an der „Perversion des Menschen“, „an seiner Unfähigkeit, mit sich selbst in Frieden zu leben“, befand der erste Generaldirektor Brock Chisholm und holte zum ganz großen Schlag aus. Gesundheit wurde unter seiner Führung als ein Zustand von vollständigem „physischen, geistigen und sozialen Wohlbefinden“ definiert. Es war der Beginn eines Richtungsstreits, der bis heute anhält. Was soll die Aufgabe dieses Weltkrankenhauses sein? Die Gesundheit als allumfassendes Gut bis zum entlegensten Einflussfaktor hin zu hüten oder gezielt einzelne Krankheiten nach dem medizinischen Standard zu bekämpfen? Und wie soll die Organisation bei all dem vorgehen? Leitlinien entwerfen oder ihr Wissen auch zu den Menschen tragen?

Süddeutsche Zeitung Wissen Wo die Welt im Kampf gegen Elendskrankheiten steht

Wo die Welt im Kampf gegen Elendskrankheiten steht[2]

Bis 2020 sollen zehn Krankheiten der armen Länder besiegt sein. Dafür müssen sich Staaten mehr engagieren, fordert die Weltgesundheitsorganisation – doch vor allem aus den USA kommen gegenteilige Signale. Von Berit Uhlmann, Genf mehr …[3]

Die Genfer Behörde gab in alle Richtungen nach. Sie ging zum einen in die Tiefe und sagte immer wieder einzelnen Leiden den Kampf an – meist ohne durchschlagenden Erfolg. Und sie wuchs in die Breite. Unter dem Druck von Ländern und Sponsoren rief sie immer mehr und immer umfassendere Programme, Projekte und Partnerschaften ins Leben. Heute sind allein drei Vorhaben der Gewaltprävention gewidmet. Ist so ein Programm erst einmal eingerichtet, werden seine Verantwortlichen alles daran setzen, den eigenen Themenbereich als drängendes Problem zu schildern, sagt ein Insider. Man bekommt es nur sehr schwer wieder los.

Die WHO wucherte bis zur Unübersichtlichkeit. Sie hat es ja nicht nur mit den Befindlichkeiten all ihrer Staaten zu tun, die die seltsamsten Zugeständnisse erfordern. So ist Israel in der WHO-Logik bis heute Europa zugeordnet, weil die Staaten des Nahen Ostens das Land nicht in ihrer Gruppe haben wollten. Die WHO hat auch ein Interessen-Wirrwarr innerhalb des 7000-Mitarbeiter-Hauses. Es führt zu Fragmentierung und Koordinationsproblemen, zu permanenter Konkurrenz und überbordender Bürokratie.

Wie man sich das vorstellen muss, beschrieb Donald Henderson in seinen Erinnerungen. Der US-Gesundheitswissenschaftler war angetreten, die Pocken in jedem Winkel der Welt auszurotten. Doch schon die banalste Anfrage an einen Mitarbeiter in einem anderen Land musste über das zuständige Regionalbüro versendet werden, wo sie geprüft, umformuliert, vom Chef persönlich unterzeichnet und schließlich weitergeleitet wurde. Bis eine Antwort über die gleiche Route zurückkam, konnten vier, fünf Monate vergehen. Am Ende zahlte Henderson jede Briefmarke aus seiner Privatbörse, um auf direktem Weg zu kommunizieren. Ironischerweise verhalf er der Behörde mit dieser Art von Renitenz und politischer Jonglage zu ihrem größten Erfolg: Das Pocken-Virus verschwand von der Erdoberfläche.

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