Fußball | Gesundheit Mehr psychische Probleme im Profi-Fußball – SWR Aktuell

Fußballer im Zweikampf um den Ball

Kurz nach Abschluss der Fußball-Saison beklagt die Spielergewerkschaft VDV eine zunehmende nervliche Belastung für die Profis. Die Klubs müssten lernen, dass psychische Erkrankungen heilbar seien.

Die Spielergewerkschaft VDV hat angesichts zunehmender psychischer Probleme bei Spielern vor Fehl-Entwicklungen im Profi-Fußball gewarnt. VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky nannte „Druck von vielen Seiten“ und mangelnde Sensibilität vieler Clubs als größte Probleme: „Oft wird der Spieler leider eher als Kapital und weniger als Mensch betrachtet.“

Allgemein sei „eine Zunahme im Bereich der psychischen Probleme festzustellen“, sagte Baranowsky: „Immer wieder wenden sich neben Spielern auch Eltern oder Ehefrauen an uns, weil sie sich sorgen. Ein Vater hatte beispielsweise große Sorge, dass sein Sohn sich über Weihnachten etwas antut.“ In solchen Fällen sei „schnelle Hilfe erforderlich. Doch leider gibt es bei vielen Klubs noch immer Defizite in diesem Bereich.“

Die Diplom-Psychologin Marion Sulprizio leitet die Initiative MentalGestärkt, die 2011 nach dem Freitod von Nationaltorhüter Robert Enke ins Leben gerufen wurde. Enke hatte jahrelang unter Depressionen gelitten. Im SWR-Gespräch bedauert sie, dass bei vielen Vereinen noch nicht angekommen sei, dass psychische Erkrankungen in den meisten Fällen heilbar seien.

SWR Sport: Frau Sulprizio, wer meldet sich bei Ihnen?
Marion Sulprizio: „Manchmal sind es die Eltern, Trainer oder Freunde von Spielern. Meist sind es aber die Sportler selbst. Häufig sind es eher die jungen Fußballer. Da geht es dann auch noch um die Frage einer Ausbildung, also um eine Alternative zur Profikarriere. In der Phase der späten Pubertät, jungem Erwachsenenalter ist die Belastung besonders hoch, weil man all das unter einen Hut kriegen muss.“

Was konkret belastet die Profis, die sich bei Ihnen melden?
„Neben den intensiven Trainingseinheiten beschäftigt die Spieler natürlich vor allem die Frage „Spiele ich? Spiele ich nicht? Wenn nicht, warum nicht?“. Und dann kommt die Öffentlichkeit dazu. Jede Aktion, die ich mache, wird von außen bewertet. Ich bin also ständig auf dem Präsentierteller. Die Medien beurteilen, wie ich gucke, wie ich laufe, wie ich aussehe. Das erhöht den Druck, denn ich muss nicht nur im Spiel, sondern auch beim Training immer eine optimale Leistung abrufen.“

Wie belastend sind Verletzungen?
„Sie sind enorm belastend für die Spieler. Wenn ich über einen langen Zeitraum verletzt bin, täglich meine Physiotherapie machen muss und lange Zeit von meiner Mannschaft getrennt bin, dann geht das an die Psyche.“

MentalGestärkt ist eine Netzwerkinitiative der Deutschen Sporthochschule Köln in Kooperation mit der Robert-Enke-Stiftung, der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG) und der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Die Initiative hat zum Ziel, psychische Gesundheit im Leistungssport zu erhalten und zu fördern sowie psychische Probleme, wie beispielsweise übermäßigen Stress, Depressionen oder Burnout zu verhindern, frühzeitig zu erkennen und – wenn notwendig – Ansprechpartner für die richtige Behandlung zu geben.

In welchem Stadium wenden sich die Fußballer an Sie?
„Etwa die Hälfte der Sportler, die sich melden, sagen ganz konkret, dass sie eine depressive Verstimmung oder irreale Ängste hätten. Der Kontakt mit uns ist meist einmalig. Wir vermitteln dann bei Bedarf an Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiater.“

Wie können die Vereine ihre Spieler unterstützen?
„Grundsätzlich sind die Fußballklubs auf einem guten Weg. Aber ich würde mir wünschen, dass allen Spielern die Möglichkeit geboten wird, sich vorbeugend mental zu stärken. Denn das ist nötig, um in diesem „Haifischbecken“ Profifußball zurecht zu kommen. Und wenn tatsächlich Profis an psychischen Erkrankungen leiden, dann sollte der Umgang damit professioneller werden. Das heißt, der Spieler fehlt – wie bei einem Kreuzbandriss – bis zu 12 Monate, und dann ist er aber wieder da. Es ist noch nicht so richtig angekommen, dass eine psychische Erkrankung in den meisten Fällen gut heilbar ist und man dann auch wieder ganz normal im Bundesliga-Kader dabei sein kann.“

Interview: Johannes Seemüller

Quelle:

www.swr.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s