Medizin – Wie der Staat den Druck auf Impfgegner erhöht – Süddeutsche.de

Die Politik verpflichtet Kita-Träger, Impfgegner-Eltern den Behörden zu melden. Das klingt nach Denunziation. Ist es trotzdem richtig?

Kommentar von Kim-Björn Becker

Es spricht ja grundsätzlich nie etwas dagegen, mit skeptischem Blick durchs Leben zu gehen. Doch die teils dummdreiste Ignoranz, mit der sich so mancher Impf-Gegner unter dem Deckmantel der kritischen Informiertheit den medizinischen Erkenntnissen verweigert, ist schon bemerkenswert.

Fast alle Ärzte empfehlen ihren Patienten, sich gegen die gängigsten Erkrankungen impfen zu lassen. In Einzelfällen kann der Pieks zwar riskant sein, doch wird ein verantwortungsvoller Mediziner[1] gewiss das Für und Wider abwägen, wenn sein Patient einer Risikogruppe angehört oder irgendwie vorbelastet ist. Bei gesunden Menschen spricht aber praktisch nichts gegen das Impfen, das ist seit Jahren Konsens unter Ärzten und Epidemiologen.

Impfung Verweigerern von Impfberatung droht eine Strafe von 2500 Euro

Verweigerern von Impfberatung droht eine Strafe von 2500 Euro[2]

Das sieht ein von Gesundheitsminister Gröhe geplantes Gesetz vor. Kitas sollen verpflichtet werden, den Gesundheitsämtern alle Eltern zu melden, die eine Impfberatung ausschlagen. mehr …

Die Gesellschaft könnte ganz gut damit leben, wenn Impf-Gegner mit ihrer verqueren Haltung nur sich selber schadeten – der Mensch ist schließlich frei, solange seine Handlungen nur ihn selbst betreffen. Doch genau das ist ja der springende Punkt: Die Impf-Verweigerer setzen nicht nur ihre eigene Gesundheit oder die ihrer Kinder aufs Spiel, sie setzen auch ihre Mitmenschen einem völlig unnötigen Gesundheitsrisiko aus.

Gleiches gilt für Eltern, die dem Nachwuchs aus purer Nachlässigkeit den nötigen Impfschutz verwehren, weil sie den Pieks schlicht nicht wichtig genug nehmen. Das ist unverantwortlich. Mit Impfungen können Krankheiten nämlich nur dann wirkungsvoll bekämpft werden, wenn sich alle daran beteiligen. Im Kampf gegen Masern[4] halten Experten eine Schutzquote von 95 Prozent für erforderlich.

Bis zu 2500 Euro Bußgeld drohen

Natürlich hat es erst einmal einen schalen Beigeschmack, was der Bundesgesundheitsminister da gerade plant: Nach dem Willen von CDU-Politiker Hermann Gröhe[5] sollen Kitas den Gesundheitsämtern in Zukunft ausnahmslos melden, wenn Eltern die ärztliche Impf-Beratung für ihr Kind verweigern. Die Pflicht, vorher mit einem Arzt über die Vor- und Nachteile des Impfens zu reden, gibt es schon seit einer ganzen Weile – und wer sich dauerhaft sperrt, soll nun bis zu 2500 Euro Bußgeld zahlen müssen.

Die Politik also erhöht jetzt den Druck und verpflichtet die Kita-Träger erstmals, besonders renitente oder nachlässige Eltern den Behörden zu melden. Auf den ersten Blick hat das etwas von Denunziation. Der Bundesrat hat es etwas zurückhaltender formuliert und angemerkt, dass es „nicht die Aufgabe“ von Kitas, den Behörden die Namen und Adressen von entsprechenden Familien zu übermitteln. Das stimmt, was die Vergangenheit betrifft, doch die Zeiten ändern sich.

Die Kritik an dem Vorstoß der Bundesregierung verkennt nämlich den Ernst der Lage. Die Impf-Lücken sind teilweise schon so groß, dass es gegenüber der vernünftigen und verantwortungsbewussten Mehrheit der Bürger weitaus fahrlässiger wäre, wenn der Staat nichts gegen die Querulanten unternähme und sie einfach weiter gewähren ließe. So empfehlen Experten zum Beispiel, dass alle Kinder bis zum Ende des zweiten Lebensjahres die erste Masern-Impfung bekommen sollten – bei den im Jahr 2013 Geborenen hatten bis zum zweiten Geburtstag aber nicht einmal drei Viertel den Pieks erhalten.

In anderen Ländern gibt es eine Impf-Pflicht, doch so weit will die Bundesregierung aus guten Gründen nicht gehen. Es wäre schließlich ein gravierender Eingriff in das Recht auf Selbstbestimmung, wenn man einen Menschen dazu verpflichtet, gegen seinen Willen (oder den der Sorgeberechtigten) eine Spritze gesetzt zu bekommen. Stattdessen erzeugt die Bundesregierung sanften Druck, um Impf-Gegner und Impf-Muffel dazu zu bringen, endlich das einzig Richtige zu tun: Sich zumindest einmal von einem Arzt, der sein Wissen schließlich aus der Uni hat und eben nicht von dubiosen Internetseiten, erklären zu lassen, warum sie ihren Kindern nur schaden, wenn sie sich dem Impfen versperren.

Impfung Eine Impf-Pflicht ist falsch

Eine Impf-Pflicht ist falsch[6]

So unverantwortlich es auch ist, Kinder nicht vor vermeidbaren Krankheiten zu schützen – das Recht auf Selbstbestimmung ist wichtig. Kommentar von Kim Björn Becker mehr…[3][7]

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