Digitalisierung: Fluch und Segen für die Gesundheit – Deutsche Handwerks Zeitung

Gesundheit – 31.05.2017

Die Vorstellung ist schön: Körperlich schwere und gefährliche Arbeiten übernimmt der Roboter, im Handwerk leidet niemand mehr Rückenschmerzen. Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Die Digitalisierung birgt zwar viele Vorteile für Handwerker, auch und gerade für die Gesundheit. Sie hat aber auch Schattenseiten.

Von Barbara Oberst

Der Roboter arbeitet allein. Mühelos fräst er in der Tischlerei Eigenstetter komplizierteste Werkstücke aus. „Seine“ Menschen sitzen im Nebenraum. Einfaches, belastungsarmes Arbeiten also?

Belastung geht von Hand in den Kopf

„Die Belastung verändert sich, weg von der Hand in den Kopf“, stellt Martin Eigenstetter richtig. Die eigentliche Arbeit passiert nicht mehr am Werkstück, sondern in den unzähligen Stunden vorher, wenn das Team tüftelt und programmiert, wie der Roboter vorgehen soll.

Für Martin Eigenstetter, Sohn des Firmeninhabers Axel Eigenstetter, ist die Digitalisierung eine riesige Chance – aber eben nicht nur. Das Team im mecklenburgischen Rehna nimmt dank modernem Roboterfräszentrum Aufträge an, die andere schlicht nicht umsetzen könnten: „Wir schaffen da sehr viele spannende Sachen“, sagt Eigenstetter. Aber die Tischlerei bezahlt auch einen Preis dafür: „Steigende Kompliziertheit, Komplexität, Intensivierung und zeitliche Verdichtung“, zählt Eigenstetter auf. Er macht keinen Hehl daraus, dass er diese Folgen für unangenehm hält: „Die psychische Belastung ist deutlich höher geworden.“

Psychische Belastung deutlich höher

Was die Handwerker in ihrem Arbeitsalltag erleben, wird immer mehr Thema wissenschaftlicher Untersuchungen. Auf Industrie- beziehungsweise Handwerk 4.0 folgt Prävention 4.0, denn nicht nur die Arbeitsprozesse verändern sich, sondern auch deren Auswirkungen auf den Menschen.

Anja Baumann forscht am Institut für Technik der Betriebsführung im Deutschen Handwerksinstitut (itb). Sie hat zehn ausgewählte Handwerksunternehmer zum Thema befragt und sich zunächst gewundert: „Im ersten Anlauf sagten die Unternehmer, dass sie keine neuen Gefährdungen oder Belastungspotenziale durch die Digitalisierung sähen, höchstens Probleme durch das vermehrte Sitzen“, berichtet Baumann.

Erst auf die Nachfrage, wie die Mitarbeiter auf die Digitalisierung reagierten, seien drei zentrale Sorgen zutage gekommen. Die Mitarbeiter fürchten demnach, die Arbeitsbedingungen könnten sich erheblich verändern, ohne dass sie darauf Einfluss haben. Insbesondere langjährige Mitarbeiter äußerten die Sorge, ihr Wissensvorsprung könnte hinter den digitalen Fähigkeiten jüngerer Kollegen an Bedeutung verlieren. Und alle fürchteten, die Arbeitsbelastung könnte erheblich steigen.

Immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit

Diese letzte Sorge deckt sich mit den Beobachtungen der ebenfalls vom itb befragten Betriebsberater. Sie sehen vor allem die Gefahr der quantitativen Überforderung, zu Deutsch: Immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit bringt die Menschen an ihre Grenzen. Verstärkt wird das Ganze, weil es dank Smartphone keine klare Trennung mehr zwischen Arbeit und Privatleben gibt. Die Arbeitskraft, egal ob Chef oder Mitarbeiter, ist ständig verfügbar, selbst wenn sie nicht körperlich anwesend ist.

Die befragten Berater hatten aber auch beobachtet, dass sich Mitarbeiter aufgrund der Digitalisierung überwacht fühlen. Das löst Ängste aus, denn nie zuvor war die eigene Leistung so klar vergleichbar mit der von Kollegen. Einen weiteren Stressfaktor sehen die Berater in dem „Druck zur Kompetenzenerweiterung“. Wer beruflich nicht auf der Strecke bleiben will, muss sich ununterbrochen neues und zunehmend komplexes Wissen aneignen.

Fachwissen zählt mehr denn je

Das bedeutet nicht, dass altes Fachwissen nichts mehr wert ist. Im Gegenteil, sagt Martin Eigenstetter: „Erfahrung ist fast unschlagbar.“ Die Herausforderung sei, alle Fähigkeiten zusammenzubringen, neues digitales Wissen und handwerkliches Können. Wenn alle Mitarbeiter auf Augenhöhe miteinander zu Werke gingen, sei der Stress relativ gering.

Wie wichtig es ist, Stress zu reduzieren, zeigt der Blick auf die seit Jahren steigende Zahl der Krankentage. Die IKK classic zählte für ihre Versicherten aus dem Handwerk 2016 im Schnitt 19,2 Arbeitsunfähigkeitstage. Diese Zahl wächst, obwohl nicht mehr Menschen erkranken. Doch im Schnitt bleiben psychisch Erkrankte 36 Tage der Arbeit fern, dreimal so lang wie bei anderen Erkrankungen. Besonders häufig leiden Menschen unter psychischen Belastungen, die hochgradig digital arbeiten, zeigt der Deutsche Gewerkschaftsbund in einer Sonderauswertung der Repräsentativumfrage zum DGB-Index „Gute Arbeit 2016“.

Anja Baumann vom itb sieht hier neue Anforderungen an den Arbeitsschutz: „Da sich die Belastungen verändern, müssen sich auch die Maßnahmen in der Arbeitsgestaltung und im Arbeitsschutz verändern.“ Bald werde es nicht mehr reichen, nur allgemein psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen. „Da werden wohl auch noch digitale Belastungen hinzukommen.“

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Fußnoten:

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