Buchkritik zu „Gesundheit ist kein Zufall“ – Spektrum der Wissenschaft

Gesundheit ist ein fortwährender Prozess: So lautet die Kernaussage von Peter Sporks neuestem Band. Der Hamburger Neurobiologe, Wissenschaftsjournalist und versierte Sachbuchautor hat hier aktuelle Forschungsergebnisse an der Schnittstelle von Biomedizin und Grundlagenforschung zusammengetragen. Dabei ist eine sehr umfangreiche Übersicht über jene epigenetischen Prozesse herausgekommen, die uns bereits lange vor der Geburt zu prägen beginnen und dies zeitlebens weiter tun. Sie dokumentieren unsere Lebensweise auf molekular- und zellbiologischer Ebene – möglicherweise sogar über Generationsgrenzen hinweg. Ohne wissenschaftliche Sachverhalte zu sehr zu vereinfachen, schafft es Spork scheinbar mühelos, die zu Grunde liegenden komplexen Zusammenhänge einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Allerdings möchte er sein Buch explizit nicht als Ratgeber verstanden wissen.

Der Autor stellt uns die epigenetischen Komponenten unserer Gesundheit in drei größeren Abschnitten vor. Im ersten thematisiert er, wie sich Erfahrungen, die wir im Lauf unseres Lebens machen, auf unser Risiko für Volkskrankheiten wie Krebs oder Demenz auswirken. Dabei wird klar, dass die Gene hierfür zwar eine wichtige Rolle spielen – ebenso bedeutsam aber deren Aktivierbarkeit ist, die epigenetisch reguliert wird. Eine zentrale Aussage in diesem Kontext lautet, dass wir unsere Gesundheit zeitlebens positiv beeinflussen können, wenn wir es schaffen, unsere Lebensweise langfristig zu ändern. Etwa durch vermehrte körperliche Aktivität, gesündere Ernährung oder Stressvermeidung. Denn, so zitiert Spork den Direktor des Freiburger MPIs für Immunbiologie und Epigenetik Thomas Jenuwein: „Die Epigenetik können wir verändern. Epigenetische Markierungen sind potenziell reversibel.“

Die Erfahrungen des Vaters

Abschnitt Zwei handelt von „sensiblen Phasen“. Lange bekannt ist etwa, dass während der Schwangerschaft vieles richtig, aber eben auch falsch laufen kann. Schaut man sich die Studienlage genauer an, ist dieser Teil der pränatalen Prägung aber nur ein Aspekt von mehreren. Zwar verbringt jeder Mensch die ersten neun Lebensmonate im Mutterleib – das bedeutet aber nicht, dass ausschließlich die Mutter für das Kind verantwortlich ist. Denn schon drei Monate vor der Empfängnis können Umwelteinflüsse die spätere Entwicklung des Kinds beeinflussen, wie aktuelle Untersuchungen ergeben haben. Somit käme auch dem Vater eine wichtige Rolle zu. Die Hinweise verdichten sich, wonach spezielle Nukleinsäuren in den Spermien, die so genannten microRNAs, Umwelteinflüsse an den Nachwuchs vermitteln, denen der Vater vor der Zeugung ausgesetzt war. Dies würde die Nachkommen bestmöglich auf die zu erwartende Umwelt vorbereiten, schreibt Spork. Allerdings räumt er ein, dass ein Großteil dieser Studienergebnisse bislang nur am Mausmodell gezeigt werden konnte, wenngleich immer mehr für deren Übertragbarkeit auf den Menschen spreche. Den Einfluss der Mutter und ihrer Umwelt nimmt der Autor ausgiebig in einem eigenen Kapitel unter die Lupe.

Im letzten Buchabschnitt lotet Spork mit dem Thema der generationsübergreifenden Epigenetik die Grenzen unseres derzeitigen Wissens aus. Von Nagern ist inzwischen bekannt, dass sich Umwelterfahrungen der Eltern auf die Kinder und sogar Enkel auswirken können. Wie dies molekularbiologisch vonstatten geht, erläutert der Autor anhand konkreter Versuche aus zahlreichen Studien. Dass derartige Effekte auch beim Menschen zum Tragen kommen, zeigen molekularbiologische Untersuchungen an Holocaust-Überlebenden und deren Kindern. Erstere haben durch epigenetische Modifikationen, die von ihrer unvorstellbaren Traumatisierung herrühren, eine zeitlebens erhöhte Stresstoleranz. Ihre Kinder besitzen ebensolche Modifikationen, die aber in die entgegengesetzte Richtung wirken und sie dadurch stressanfälliger machen, so der Autor. Zahlreiche weitere epidemiologische Studien legen ihm zufolge nahe, dass generationsübergreifende epigenetische Vererbung bei Menschen ebenso eine Rolle spielt wie bei den Nagern. Noch, konstatiert Spork übereinstimmend mit kritischen Wissenschaftlern, sei die Datenlage allerdings etwas zu wackelig, um endgültige Schlüsse zu ziehen.

Der Autor macht mit diesem Sachbuch neu entdeckte Prinzipien der Epigenetik, die unsere Gesundheit betreffen, an gut untersuchten Beispielen deutlich. Er arbeitet dabei den Zusammenhang von sozialen und biologischen Prozessen heraus und hat die Studienlage nebst Sekundärliteratur hervorragend im Blick. Spork lässt Kritiker wie Befürworter zur Sprache kommen und macht trotzdem deutlich, weshalb er eindeutig zu letzteren gehört. Das verleiht seinem Werk Substanz und Glaubwürdigkeit. Eine Prise Humor und persönliche Anekdoten runden das interessante und hochaktuelle Werk elegant ab. An für das Verständnis kritischen Stellen enthält das Werk gut aufgearbeitete Grafiken, zudem bietet es ein umfangreiches Glossar zum Nachblättern von Fachbegriffen. Besonders interessierte Leser finden im Literaturverzeichnis etliche Anregungen, um sich weiterzubilden.

Fußnoten:

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