„Harvoni“-Tabletten – Fake-Pillen, direkt aus der Apotheke – Süddeutsche.de

Gefälschte Medikamente in Deutschland? Bis vor kurzem hielten selbst Fachleute diese Gefahr für gering. Der Zufallsfund zeigt nun, wie gravierend das Problem tatsächlich ist.

Kommentar von Christina Berndt

Erst vor zwei Wochen wurde das Fernsehpublikum in eine Welt entführt, in der Medikamente[1] keine Heilmittel mehr sind. Mit einem Themenabend hat die ARD das Problem gefälschter Arzneimittel in Deutschlands Wohnzimmer gebracht. Schreckliche Vorstellung, dachten viele Zuschauer. Man glaubt, ein Medikament gegen eine schwere Krankheit zu bekommen – und in Wirklichkeit schluckt man nur Zuckerpillen. Am Ende stirbt man womöglich, weil skrupellose Verbrecher Geschäfte machen wollen.

Das beunruhigende Thema wurde landauf, landab diskutiert, die Fachleute aber beruhigten: Medikamentenfälschung sei ein Riesenproblem[2], hieß es, weltweit stürben jedes Jahr etwa eine Million Menschen an den Folgen. Aber dass Patienten in Deutschland gefälschte Arzneimittel bekommen, sei doch sehr unwahrscheinlich.

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Fake-Pillen einer lebensrettenden Wirkstoffkombination sind in einer deutschen Apotheke aufgetaucht. Patienten sollten vor allem auf die Farbe der Tabletten achten. Von Kathrin Zinkant mehr …

Nun ist der unwahrscheinliche Fall eingetreten. Bemerkt hat ihn keine Behörde und kein Apotheker – sondern ein einfacher Patient. Einem Kranken in Nordrhein-Westfalen fiel auf, dass die Tabletten namens „Harvoni“, die er gegen seine schwere Lebererkrankung nahm, weiß und nicht, wie üblich, orangefarben waren. Er sagte das seinem Apotheker, der meldete es an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, und dieses gab am Donnerstagabend eine Risikoinformation heraus. Erst zwei Wochen zuvor hatte ein Großhändler die Fälschung eines ähnlichen Medikaments enttarnt – weil auf der Packung „Deutchland“ stand. Harvoni aber wurde besser kopiert. Optisch stimmt alles, nur die Farbe haben die Fälscher nicht hinbekommen.

Was bleibt, ist der beunruhigende Gedanke: Wie oft fallen gefälschte Arzneimittel eben nicht auf? Wer denkt schon an organisierte Kriminalität, wenn eine Krebstherapie nicht anschlägt? Das kann schließlich auch mit wirksamen Arzneimitteln passieren. Und wer prüft nach, ob die Antibabypille vielleicht keinen Wirkstoff enthielt, wenn eine Frau ein „Tropi“ bekommt – ein Kind trotz Pille?

Die Behörden müssen dringend ihre Kontrollen intensivieren. Angesichts der gigantischen Preise moderner Arzneimittel lohnen sich immer aufwendigere Manipulationen. Eine Packung „Harvoni“ mit 28 Tabletten kostet 17 666 Euro. Schon deshalb wird das jetzt entdeckte Plagiat kein Einzelfall bleiben. Den Fälschern wird es ohnehin zu leicht gemacht: Der Großteil der Medikamente wird heute in Schwellenländern wie Indien und China produziert, unter oft unsäglichen menschlichen und ökologischen Bedingungen. Damit wird ein hochsensibles Gut schwer zu durchschauenden Waren- und Produktionsströmen unterworfen. Das ist billig, aber es gefährdet die Gesundheit.

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Das Geschäft der Pillen-Panscher[5]

In allen Ecken der Welt werden heute Medikamente hergestellt, oftmals ohne Kontrollen. Immer wieder geraten verunreinigte und gefälschte Arzneien auf den Markt, die Patienten bleiben ahnungslos. Von Werner Bartens mehr…[4][6]

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