Gespräch mit Psychologin – F.A.Z. – Frankfurter Allgemeine Zeitung

Frau Betsch, wo liegen die großen Unterschiede zwischen Entscheidungen, die man sonst im Leben trifft, und denen, die die Gesundheit betreffen?

Lucia SchmidtAutorin: Lucia Schmidt, Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Folgen: [1]

Ein wesentlicher Unterschied ist, dass wir – Gott sei Dank – gerade schwerwiegende medizinische Entscheidungen nicht so oft treffen. Es sind also häufig Entscheidungen, in denen man nicht geübt ist, zu denen man wenige Erfahrungen gemacht und keine Intuition ausgebildet hat. Und es geht oft um Entscheidungen, bei denen der Betroffene Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abwägen muss. Das kann der Mensch nicht gut.

Er kann also etwa mit der Aussage des Arztes: „Bei einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent kommt es bei dieser Behandlung zu Nebenwirkungen“ nichts anfangen?

Ja, denn was heißt das? Dass ich an einem von vier Tagen Nebenwirkungen habe? Oder eine Person von vieren? Dazu kommt, dass Entscheidungen rund um die Gesundheit meistens mit Emotionen aufgeladen sind. Gefühle beeinflussen direkt unser Verhalten. Medizinische Entscheidungen müssen auch oft unter Zeitdruck und Stress getroffen werden. In diesen Fällen nutzen wir dann vereinfachte Entscheidungsregeln.

Was meinen Sie mit vereinfachten Entscheidungsregeln?

Das sind Abkürzungen auf dem Entscheidungsweg, die häufig sehr gut funktionieren, manchmal aber eben zu Fehlern führen. Ein Beispiel: Sie halten vielleicht Nebenwirkungen nach einer Impfung für wahrscheinlich, weil Ihre Nachbarin Ihnen erzählt hat, was sie in einem Internetforum gelesen hat, oder weil Sie sich die Geschichten einzelner Kinder besser vorstellen können als die Statistik dazu, nämlich dass Nebenwirkungen sehr selten sind. Und dann treffen Sie vielleicht die Entscheidung, nicht zu impfen. Unter dem Strich kommen bei medizinischen Entscheidungen verschiedene Verzerrungen aus dem Bereich des Entscheidungsprozesses und der kognitiven Verarbeitung zusammen, die dann medizinische Entscheidungen zu einer Herausforderung machen können.

Führt das auch dazu, dass Menschen bei ganz offensichtlichen Symptomen einfach gar nichts tun – aus Angst, etwas falsch zu machen?

Da gibt es sicher einen Zusammenhang. Ich kann das nicht allgemein für alle Symptome beantworten, aber beim Impfen beispielsweise kann man das beobachten. Wer Angst vor Nebenwirkungen hat, denkt vielleicht: Bevor ich etwas falsch mache, mache ich gar nichts. Man trifft dann lieber keine aktive Entscheidung, sie könnte ja falsch sein, sondern überlässt das lieber dem Schicksal. Falls das Kind dann wirklich erkrankt, weil es nicht geimpft ist, sagt man sich: Das ist höhere Gewalt.

Aber beim Thema Impfen ist ja eines der Probleme, dass man die Entscheidung oft nicht für seine eigene Gesundheit trifft, sondern – zumindest bis zu einem bestimmten Alter – für sein Kind. Welchen Unterschied macht es, ob wir für uns selbst oder für andere entscheiden?

Amerikanische Kollegen haben dazu viel Forschung betrieben. Sie haben Studien durchgeführt, bei denen Menschen Entscheidungen einmal aus Sicht des Arztes, einmal für sich selbst und einmal für ihr Kind treffen mussten.

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Quelle:

www.faz.net

Fußnoten:

  1. ^ Lucia Schmidt (www.faz.net)
  2. ^ Schließen (www.faz.net)
  3. ^ hier (www.faz.net)
  4. ^ „Meine Autoren“ (www.faz.net)
  5. ^ Nächste Seite (www.faz.net)
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