Gesundheit Bezirke wollen Arztpraxen besser verteilen – Berliner Zeitung

Wer in Lichtenberg oder in Neukölln einen Arzttermin haben will, braucht Geduld. Beide Bezirke gehören zu denen mit besonders wenigen Arztpraxen. Je nach Fachrichtung sind dort bis zu 120 Mediziner pro 100.000 Einwohnern weniger in Praxen niedergelassen, als in gut versorgten Bezirken wie etwa Charlottenburg-Wilmersdorf. Das ergibt eine Studie, das das Institut IGES im Auftrag der Bezirke Lichtenberg und Neukölln sowie zweier Krankenhäuser erstellt hat.

Um die Ungleichheit zu beenden, hat sich eine ungewöhnliche Koalition gebildet. Kerstin Framke, Gesundheitsstadträtin von Lichtenberg, hat sich mit Falko Liecke aus Neukölln zusammengetan, eine Linke-Frau mit einem CDU-Politiker. Gemeinsam wollen sie eine verbesserte ambulante ärztliche Versorgung durchsetzen – im Zweifel gegen die organisierte Ärzteschaft.

Die Platzierung von Praxen ist kein Zufall. Dahinter steckt die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die die Verteilung steuert. Anhand einer Bedarfsplanungsrichtlinie gibt es Planungsregionen, in denen für Haus- und Fachärzte ein Arzt-Einwohner-Verhältnis definiert ist. So teilen sich die Ärzte die Stadt auf, eine örtlich allzu scharfe Konkurrenz soll vermieden werden.

 „Die KV reagiert auf die veränderten Bedingungen nicht“

Der Vorwurf der unterversorgten Bezirke: Die KV-Daten stammen zum Teil aus den 90er-Jahren. Sie gelten als unflexibel und überholt.

„Lichtenberg ist ein wachsender Bezirk. Das zeigt sich sowohl bei den Zahlen der ganz jungen als auch der ganz alten Bewohner. Außerdem sind wir der Bezirk, der die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Die KV reagiert auf die veränderten Bedingungen nicht“, sagt Stadträtin Framke. Seit Jahren sende man Appelle aus – ohne Ergebnis.

Tatsächlich steckt hinter der Praxen-Platzierung ein betriebswirtschaftlicher Impuls: Viele Ärzte wollen dorthin, wo sie viele gut zahlende Privatpatienten haben.

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„Das Kassensystem wird kollabieren“

Das Ergebnis ist eine teils groteske Schieflage in den Bezirken mit weniger Privatpatienten. Zu den Mangel-Fachrichtungen zählen Psychotherapeuten. In Lichtenberg kommen 26,9 Psychotherapeuten auf je 100.000 Einwohner, in Neukölln sind es 28,9, Marzahn-Hellersdorf liegt mit 15,5 Ärzten noch darunter. Der Berlinweite Durchschnitt liegt bei 59,4 Psychotherapeuten pro 100.000 Einwohner. In Tempelhof-Schöneberg dagegen praktizieren 104,6 Psychotherapeuten, in Charlottenburg-Wilmersdorf sind es 146,5.

Jetzt wollen sich Lichtenberg und Neukölln ein Konzept für kommunale Medizinische Versorgungszentren (MVZs) erarbeiten lassen. Freilich hat kein Bezirk das Geld für ein öffentliches Versorgungszentrum. Dennoch stellt sich CDU-Mann Liecke eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung vor. „In einer privatwirtschaftlichen GmbH könnte man Ärzte mit ganz normale Arbeitsverträgen anstellen.“

Und für seine Kollegin Framke steht fest: „Das Kassensystem wird kollabieren. Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken.“

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