Ich habe oft Bauchschmerzen und Blähungen. Was tun? – F.A.Z. – Frankfurter Allgemeine Zeitung

Ein übellauniger und gereizter Darm ist öfter anzutreffen, als wir alle denken. Bei etwa 70 Prozent der Menschen in Deutschland murrt, bläht und schmerzt der Darm zeitweise so stark, dass es wirklich unangenehm ist. Dabei ist die Zahl der Bläh-Girls deutlich höher als die der Bläh-Boys. Leider lässt sich so ein Darmwind nicht immer gezielt steuern. Oft drängt er in den ungünstigen Augenblicken ins Freie und dann auch noch in der geruchsintensiven Variante. Wem das einmal im Zug, im Fahrstuhl oder beim Sport passiert ist, weiß, wie echte Peinlichkeit sich anfühlt. . .

Ein gesunder Mensch pupst etwa 13 Mal am Tag und befreit sich dabei von rund 1,5 Litern Darmluft. Mit Bohnen, Zwiebeln, Kohl und manchen Süßstoffen lässt sich diese Menge beträchtlich steigern. Schnelle laute Pupse verlassen uns mit bis zu 4 km/h, die langsamen und leisen Ausgaben schleichen sich mit 0,1km/h davon. Und: Jaaa – Pupse sind brennbar! Dafür sorgen die entzündlichen Gase Wasserstoff und Methan, ergänzt durch Stickstoff, Kohlendioxid, Sauerstoff, stinkende Schwefelverbindungen und kurzkettige Fettsäuren, die ähnlich wie ätherische Öle für den besonderen Duft zuständig sind. Vor allem, wenn zuvor viel Eiweiß verspeist wurde.

© Jenny Sieboldt

Dr. Yael Adler, Fachärztin für Dermatologie, Venerologie, Phlebologie und Ernährungsmedizin. Sie ist die Autorin unserer Kolumne „Sagen Sie mal, Frau Doktor“

44210245 © Jenny Sieboldt Vergrößern Dr. Yael Adler, Fachärztin für Dermatologie, Venerologie, Phlebologie und Ernährungsmedizin. Sie ist die Autorin unserer Kolumne „Sagen Sie mal, Frau Doktor“

Doch zurück zur Frage. Blähungen oder Flatulenzen – wie der Mediziner sagt – sind in der Tat unangenehm und führen oft zu krampfhaften Schmerzen, weil die Darmgase nicht sofort entweichen können. Kommen dann noch Verstopfung oder Durchfall dazu, dann sollte in jedem Fall ein Arzt konsultiert werden, denn die Ursachen können vielfältig sein, von absolut harmlos bis hin zu einer schweren Erkrankung.

Viele Patienten bitten um einen Allergietest

Ein Grund wäre eine Nahrungsmittelallergie. Viele Patienten glauben das zumindest, weil sie unter Blähungen oder Durchfall leiden. Sie bitten dann um einen Allergietest. So einen kann man auf verschiedene Weise durchführen. In jedem Fall aber gilt: Wird mittels IgE-Antikörpern, Haut- oder Provokationstest eine Nahrungsmittelallergie nachgewiesen, müssen die entsprechenden Lebensmittel meist dauerhaft gemieden werden. Zum Glück ist das nur bei etwa zwei Prozent aller Menschen mit Darmbeschwerden der Fall – weniger, als allgemein vermutet wird. Manche Heiler empfehlen bei Darmbeschwerden auch die Bestimmung von IgG-Antikörpern im Blut. Sie zeigen an, dass das Immunsystem Kontakt mit bestimmten Lebensmitteln hatte, womöglich, weil die Darmschleimhautbarriere geschwächt war.

Bei positivem Befund vermuten Anhänger dieses Verfahrens eine Stimulation von Entzündungen im Darm. Den Betroffenen wird nahegelegt, den Kontakt zu diesen Nahrungsmitteln zu meiden. Eine umstrittene Empfehlung, wenn keine echte allergische Reaktion vorliegt, die durchaus zu Mangelernährung führen kann. Gerade bei Kindern wäre das fatal. Sinnvoller erscheint es, die Darmschleimhaut zu regenerieren und sich um eine Verbesserung der Darmflora zu bemühen. Das gilt auch für Menschen, die Darmbeschwerden haben, weil sie Histamin und damit verwandte Botenstoffe nicht richtig abbauen können. Histamin-Intoleranz ist oft ein Zeichen für eine gestörte Darmflora.

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Wenn eine Allergie als Ursache für die Darmbeschwerden nicht in Frage kommt, dann können eine Ultraschalluntersuchung der Bauchorgane, eine Blut- und Stuhluntersuchung und auch eine Magen-Darm-Spiegelung sinnvoll sein. Dabei fahnden Ärzte nach Schäden der Leber, der Bauchspeicheldrüse, Gallensteinen, Stoffwechselerkrankungen, Tumoren, Schleimhautveränderungen oder auch dem Magenkeim Helicobacter pylori. Gesucht wird ebenfalls nach der Autoimmunerkrankung Zöliakie, bei der man das Klebeeiweiß Gluten nicht verträgt. Auch Gen- und Atemtests werden eingesetzt. Hier wird untersucht, ob Milchzucker oder Fructose nur noch eingeschränkt verdaut werden können, weil die Enzyme zum Abbau fehlen oder nicht mehr ausreichend vorhanden sind.

Ein Reizdarm ist eine ernstzunehmende Diagnose

Sollten all diese Untersuchungen zu keinem Ergebnis führen, dann haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Reizdarm, also Darmbeschwerden ohne eine genaue organische Ursache. Das wird manchmal belächelt – Morbus Macke – aber es ist eine ernstzunehmende Diagnose, eine, die nur getroffen werden kann, wenn alle anderen Möglichkeiten vorher ausgeschlossen wurden. Die gute Nachricht: Ein Reizdarm ist zwar unangenehm, aber keine gefährliche Erkrankung.

Was tun? Meiden Sie Kaffee und Cola, versuchen Sie Zuchtweizen und Fastfood vom Speiseplan zu streichen und Stress abzubauen. Gängige rezeptfreie Heilmittel sind Tee, Heilerde, Gerbstoff-Kapseln, Krampflöser, Schleimstoffe und Entschäumer, die die Gasbläschen im Darm auflösen. Der modernste Ansatz zur Behandlung des Reizdarmes beginnt mit einer Untersuchung der Darmflora. Also, wie geht’s den Bakterien im Darm, welche lieben und bösen sind da, und wer hat gerade das Sagen?

Ich habe Blähungen und oft Bauchschmerzen. Was tun? Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler weiß Rat.

Wichtig sind ein ausgewogenes Verhältnis aller Bewohner untereinander und eine möglichst nur geringe Anzahl an Hefepilzen im Darm. Eine ausgeglichene Bakteriengesellschaft sorgt dafür, dass die Schleimhautbarriere des Darms dicht genug ist und so keine krankmachenden Allergene, Erreger und Schadstoffe zu engen Schleimhautkontakt bekommen. Ist die Darmflora aber aus dem Lot, reagiert der Darm gereizt. Tun Sie ihm was Gutes, und essen Sie präbiotische Lebensmittel voller Ballaststoffe und probiotische Lebensmittel oder Pulver mit lebenden Bakterien. Ballaststoffe sind eine Art Düngemittel, die den Bakterien als Futter dienen und ihnen beste Ansiedlungschancen bieten. Das gelingt beispielsweise mit Chicorée, Artischocken, Äpfeln, Zwiebeln, Tomaten, Vollkorn, Hülsenfrüchten und anderen fermentierten Lebensmitteln, ungespritztem frischem Salat aus dem Garten, dessen Blätter natürlich besiedelt sind, aber auch in Sauermilch und Kefir.

Und ganz wichtig: Vermeiden Sie Dauerstress. Denn in der Ruhe liegt die Kraft. Das gilt auch für den Darm.

Haben Sie auch eine Frage?

Haben Sie auch eine Frage, die Sie schon immer mal einem Arzt stellen wollten, ohne dass Sie sich extra einen Termin in seiner Sprechstunde geben lassen wollen? Dann fragen Sie doch einfach Dr. Yael Adler. Sie ist Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Venenheilkunde und Ernährungsmedizin in Berlin und Autorin unter anderem des Bestsellers „Haut nah. Alles über unser größtes Organ“. An dieser Stelle beantwortet Dr. Adler in unserer Zeitung regelmäßig Ihre Fragen. Bitte senden Sie Ihre Frage an: sagensiemal@faz.de. Ausgewählte Fragen drucken wir in der nächsten Kolumne ab.

Quelle:

www.faz.net

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