Rauchen/Nikotin – Deutschlandfunk

Sie stehen an Bistrotischen oder lehnen an Hauswänden, es ist kalt und regnerisch, die Stimmung mäßig. Raucher frönen ihrem Laster: Zigarette aus der Schachtel holen, Streichholz anzünden – an die Zigarette halten, ziehen und den Rauch inhalieren – schon erzeugt das Nikotin ein wohliges Gefühl im Gehirn.

„Nikotin ist nichts anderes als eigentlich das, was die Tabakpflanze herstellt, um Schädlinge abzuwehren.“

Oliver Erven, Psychiater und Oberarzt in der AHG Klinik Tönisstein in Bad Neuenahr-Ahrweiler, ein Krankenhaus, das sich auf die Behandlung von Süchtigen spezialisiert hat. 

„Von der Wirkung her ist es so, dass es sehr, sehr schnell im Gehirn ankommt, schneller als alle anderen Substanzen, weil es über die Lunge direkt aufgenommen wird, nach etwa zehn Sekunden ist es im Gehirn. Also, wenn Sie was über die Vene spritzen, braucht es deutlich länger, und damit hat es direkt unmittelbar die Wirkung im Gehirn.“

Anti-Raucher-Kampagnen zeigen Wirkung

Nikotin ist ein Nervengift, das die Wurzeln des Nachtschattengewächses „Tabak“ produzieren. Erst mit dem Reifen der Pflanze wandert das den Alkaloiden zugerechnete Nikotin in die Blätter. Diese Blätter werden geerntet, fermentiert, getrocknet, geschnitten und anschließend zu Zigaretten, Zigarren oder Pfeifentabak verarbeitet.

„Zum ersten Mal so Rumpaffen mit 14, hat eben auch dazugehört zur männlichen Sozialisation in der Dorfjugend, Bier trinken, Zigaretten rauchen, da war man der starke Kerl, wenn man mal Lungenzüge hinbekommen hat.“

1991 konsumierten Deutschlands Raucher knapp 150 Milliarden versteuerte Zigaretten, bis 2014 reduzierte sich die Zahl auf etwa 80 Milliarden. Die Anti-Raucher-Kampagnen zeigen Wirkung. Trotzdem sind – umgerechnet – rund 200 Millionen täglich gerauchter Zigaretten immer noch viel. Jede dieser Zigaretten enthält zwölf Milligramm Nikotin, beim Rauchen tatsächlich aufgenommen werden aber nur ein bis drei Milligramm. Die Dosis hängt von der Art des Rauchens ab: Wer mit tiefen Lungenzügen den Rauch inhaliert, hat eine höhere Nikotin-Konzentration im Blut, wer nur pafft und das Nikotin über die Mundschleimhäute absorbiert, entsprechend weniger.

„Morgens die erste Zigarette beim Kaffee, man bildet sich ein, die macht wach, abends die letzte hilft einem beim Einschlafen. Es ist vielleicht auch eher dieses Ritual, was man hat, man hat was in der Hand, man ist beschäftigt.“

„Es hat letztlich vom Wirkspektrum eine bivalente Wirkung, es kann je nach Situation dosisabhängig unterschiedlich wirken, und das ist natürlich auch genau das, was der Raucher dann als angenehm empfindet.“

Rund 4.700 Einzelsubstanzen gelangen in den Stoffwechsel

Nikotin ist ein Nervengift, das der menschliche Organismus zunächst einmal abwehrt. An die erste Zigarette erinnern sich fast alle nur mit Grausen: Übelkeit, Herzrasen, zitternde Hände sind häufige Symptome. Überwindet der Raucher diese natürliche Abwehr, baut der Körper nach und nach das Nikotin und alle anderen Stoffe, die der Rauch transportiert, in den Stoffwechsel ein – immerhin rund 4.700 Einzelsubstanzen.

„Viele davon werden zusammengefasst unter dem Begriff „Teer“, Teer und Kohlenmonoxid sind letztendlich also Oberbegriffe, die Hauptschadstoffe, die für eine Vielzahl von Folgeerkrankungen verantwortlich sind, eben dann auch für das Krebsrisiko, das mit dem Rauchen verbunden ist.“

Jannes Hecht, Diplom Psychologe und Leiter des Bereichs „Raucherentwöhnung“ an der AHG Klinik Tönisstein in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Zu den über 4.700 Substanzen im Tabakrauch zählen unter anderem Metalle, Benzol, Benzypren, das Lösemittel Hydrazin, Nitrosamine, Formaldehyd, Akrolein, Blausäure, radioaktive Substanzen wie Polonium und so weiter. Und die sind, so der Suchtmediziner Oliver Erven, giftig und können viele Krankheiten auslösen.

Das Krebsrisiko steigt

„Man muss sagen, 30 Prozent der Erkrankungen erstrecken auf das Herz-Kreislauf-System mit entsprechendem Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Veränderungen in diesem System, 30 Prozent betreffen die Lunge, da ist natürlich das Lungenkrebsrisiko, das jeder kennt, massiv erhöht, aber die chronischen Erkrankungen, Veränderungen der Lunge sind hier wegweisende; und 30 Prozent an Krebserkrankungen im weitesten Sinne. Hier haben wir ein sehr breites Spektrum, wir haben Blasenkrebs, wir haben Bauchspeicheldrüsenkrebs, der deutlich erhöht ist, es gibt Hinweise darauf, dass sich der Brustkrebs bei der Frau erhöht.“

Weitere Raucher-Krankheiten sind Impotenz beim Mann, Gebärmutterhalskrebs, Speiseröhrenkrebs und so weiter. Wer täglich mehr als 20 Zigaretten raucht, verkürzt statistisch sein Leben um acht bis zwölf Jahre. Rauchende Schwangere haben signifikant mehr Früh- und Totgeburten, das Gewicht Neugeborener reduziert sich um etwa 200 Gramm, die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes verzögert sich. Aus medizinischer Perspektive ist Rauchen vor allem eines: schädlich! Fördert Rauchen denn die Kommunikation?

„Rauchen ist unter den heutigen Bedingungen kommunikativ. Heute muss man zum Rauchen vor die Kneipe gehen. Da steht man dann mit wildfremden Leuten und hat schon ein Thema, über das man sich unterhalten kann. Früher in der Kneipe hat es nicht kommunikationsfördernd gewirkt, heute schon.“

Körper regeneriert erstaunlich schnell

Dennoch können viele Raucher ihre Abhängigkeit kaum überwinden. Viele rauchen, um den alltäglichen Stress zu ertragen. Nicht umsonst zählen Angehörige medizinischer Berufe zu den stärksten Rauchern.

„Bei mir ist es auch der Stress auf der Arbeit, dass ich erst gar nicht aufhören möchte, weil, dann fang ich sowieso wieder an, wenn ich auf der Arbeit bin. Also umso mehr ich arbeite, umso mehr rauch ich auch. Man hat so ein Ritual nach dem Einsatz, wenn man dann am Krankenhaus fertig ist, raucht man sich noch eine, und bei mir so im Beruf, ich sag mal, sind fast alles Raucher.“

Der Kampf gegen den Glimmstängel lohnt aber auf jeden Fall: So schlimm die Folgen des Rauchens auch sein mögen, wer aufhört, regeneriert seinen Körper erstaunlich schnell. 

„Auch wenn man über viele Jahre geraucht hat, ist es so, dass viele Verbesserungen schon nach Stunden oder Tagen eintreten, dass zum Beispiel der Geruchs- und Geschmackssinn schon nach kurzer Zeit sehr viel besser funktioniert, aber auch das Langzeitkrebsrisiko nimmt durch das Nichtrauchen ab, sodass man ungefähr sagen kann, dass ein ehemaliger Raucher nach etwa 15 Jahren wieder das Risiko hat, wie ein Nichtraucher, diese Krankheiten zu bekommen.“

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