Letzte Hoffnung Crowdfunding – Süddeutsche.de

  • Viele Amerikaner können trotz Krankenversicherung ihre Arztrechnungen nicht bezahlen.
  • Auf Crowdfunding-Plattformen bitten sie deshalb Wildfreme um Spenden.
  • Wenn die Republikaner Obamacare tatsächlich abschaffen, könnte sich die Situation weiter verschlimmern.
Von Beate Wild

Es war eine kleine glückliche Welt, in der Chris King lebte: Verheiratet, zwei Kinder, ein kleines Haus in Danielsville, Pennsylvania, eineinhalb Stunden nördlich von Philadelphia. Dazu einen Job, den er mochte. King testete und rezensierte Videospiele.

Vor zwei Jahren brach diese Welt zusammen. King, damals 26, wurde krank. Die Diagnose: Non-Hodgkin-Lymphome, eine seltene, bösartige Erkrankung des Lymphgewebes. „Das kam völlig aus dem Nichts“, erzählt King. Plötzlich musste er um sein Überleben kämpfen. Unzählige Behandlungen, Chemotherapien, teure Medikamente.

„Ich habe zwar eine Krankenversicherung, aber die trägt nicht mehr als das Minimum“, sagt King. Wie Millionen Amerikaner, die sich plötzlich mit einer schweren Krankheit konfrontiert sehen, musste King feststellen, dass sein Fall von der Versicherungspolice nicht gedeckt war. Oftmals verstecken Anbieter in den USA[1] Zuzahlungen, Abzüge, Gebühren und Obergrenzen im Kleingedruckten, so dass sich die Deckung im Krankheitsfall auf einen Bruchteil der eigentlichen Kosten reduziert.

Mit Obamas Krankenversicherung sind diese Versorgungslücken seit dem Jahr 2010 zwar kleiner geworden, aber nicht verschwunden. King musste aus eigener Tasche zuzahlen, um die Therapie zu bekommen, die er brauchte. Bald schon kletterten die Kosten für die Behandlung „in astronomische Höhen“. Irgendwann konnte er nicht mehr arbeiten, die Schmerzen waren zu groß. Doch wie sollte er ohne ein regelmäßiges Einkommen seine Arztrechnungen bezahlen? „Wenn ich alleine gewesen wäre, ohne meine Frau, hätte ich aufgegeben und mich sterben lassen“, sagt King heute.

Der einzige Ausweg, den er sah für sich: eine Crowdfunding-Kampagne starten. Also Freunde und vor allem auch Fremde im Netz um Geld bitten, um die Behandlungskosten irgendwie begleichen zu können. Im November 2016 legte sich King bei GoFundMe ein Profil[2] an. Als Ziel gab er 32 000 Dollar an. Knapp 30 000 Dollar hat er bisher gesammelt. Ein Erfolg. Und trotzdem nicht die Lösung all seiner Probleme. „Das bei GoFundMe gesammelte Geld ist leider nur ein kleiner Teil der Rechnungen, die ich zu zahlen habe“, sagt King. Insgesamt sitzt er noch auf 93 000 Dollar Schulden.

Crowdfunding ist im US-Gesundheitssystem eine feste Größe

Auf die Idee, Geld mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne zu sammeln, kommen viele Amerikaner. Häufig geht es dabei nicht um Leben oder Tod wie bei King, sondern darum, eine Privatinsolvenz abzuwenden, das Schulgeld für die Kinder zu bezahlen, einer Mutter ein paar Wochen Elternzeit zu finanzieren oder eine Erfindung zu realisieren. Doch die Kampagnen, bei denen Menschen Geld für eine medizinische Behandlung sammeln, sind auf Seiten wie GoFundMe und YouCare mit Abstand am beliebtesten.

47 Prozent der Amerikaner haben laut einem US-Haushaltsbericht von 2015[3] nicht einmal 400 Dollar Erspartes zur Hand, um mit einem Notfall fertig zu werden. Plötzliche Arbeitslosigkeit, ein kaputtes Auto, ein Unfall oder eine Krankheit werfen viele US-Familien finanziell aus der Bahn. Vor allem die medizinischen Notfälle häufen sich in den vergangenen Jahren. Crowdfunding als Weg, die teuren Behandlungskosten zu bezahlen, hat sich im US-Gesundheitssystem bereits als feste Größe etabliert.

Fußnoten:

  1. ^ USA (www.sueddeutsche.de)
  2. ^ GoFundMe ein Profil (www.gofundme.com)
  3. ^ US-Haushaltsbericht von 2015 (www.federalreserve.gov)
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