„100 Kilo Schlechter Rap“ von Gossenboss mit Zett & Monkay – laut.de – Album

laut.de-Kritik

Guter Rap gedeiht im Dreck.

Review von Dominik Lippe[1]

Wenig einladend präsentiert sich bereits das Cover zu „100 Kilo Schlechter Rap„: eine Plastikschale mit fettigen Pommes und zwei sparsamen Klecksen Ketchup und Mayo. Sicherlich sieht selbst die schmackhafteste Mahlzeit auf Fotos oft erst einmal unangenehm aus. Nicht umsonst ist Food-Fotograf eine eigene Profession. Aber um Gefallen ging es Gossenboss mit Zett[2] ohnehin noch nie.

Musikalisch bewegt er sich seit jeher maximal weit entfernt vom Massengeschmack. Um optische Vorzüge geht es schon gar nicht: „Auf die 50 schönsten Rapper gebe ich keinen Fick. Was nützt ein hübsches Gesicht, wenn du wack bist?“ Richtig: gar nichts.

Anders als die Konkurrenz führt Gossenboss kein künstlich aufgeblähtes, übergroßes Ego vor. Vielmehr überzeugt der Rapper mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Ich hab‘ noch nie in der Cypher gereimt, doch dafür tret‘ ich meine Würde in der Eckkneipe breit.“ Mithilfe dieser Aufrichtigkeit umgeht er die Falle, die schon SXTN[3] auf ihrem Album „Leben Am Limit[4]“ offengelegt haben: „Alle wollen sich überbieten, übertrieben peinlich. Gewinner reden sich in Rage und verlieren heimlich.

Auf Seiten der Produktion hat Gossenboss mit Monkay einen Co-Star zur Hand, der ihm passgenauen Boom-Bap liefert. Bereits der Titelsong „100 Kilo Schlechter Rap“ bedient sich wie Sidos[5]Hamdullah[6]“ beim Urgestein KRS-One[7] und dessen nunmehr 20 Jahre alten Klassiker „A Friend“. Die gemütlichen Beats mögen einerseits sehr an der Vergangenheit haftend wirken, harmonieren aber andererseits hervorragend mit der Jogginghosen-Attitüde des Hauptdarstellers.

Gossenboss pflegt sein Versager-Image und charakterisiert sich als dick, blamabel und unbeweglich: „Mein Bewegungsprofil ist ein einziger Standort. Wenn nicht mit Rap, dann mit peinlichem Punk-Rock.„. Auf sportliche Betätigungen verzichtet er, da es sich dabei sowieso nur um eine „Erfindung von RTL 2“ handelt.

Seine unwirtlichen Lebensbedingungen steuern auf eine bedrohliche, noch unsicherere Zukunft zu: „Es ist ungelernt, Mindestlohn, Nachtschicht und mein Rentenanspruch liegt bei 3 Euro 80.“ Zumindest liefert der Ist-Zustand aber Material für amüsanten, hängengebliebenen Rap[8].

Doch wehe, es läuft besser. Das Paria-Dasein stellt Grundvoraussetzung und treibenden Motor der Kunst dar. Sobald sich Gossenboss „glücklich und dumm, zufrieden und bequem“ fühlt, verfliegt die kreative Schaffenskraft. Dann heißt es auszuharren, denn mit Gewalt lässt sich das sonnige Gemüt nicht verdunkeln: „Bis zur nächsten Lebenskrise muss ich mich wohl noch gedulden. Ich hab‘ nicht mal Liebeskummer oder irgendwelche Schulden. Depressive Filme und Musik, hab‘ ich alles schon versucht. Doch für drei Strophen Text gehts mir nicht dreckig genug.“ Es gilt eben weiterhin Mach Ones[9] Leitsatz: Guter Rap gedeiht im Dreck.

Eine Möglichkeit, die Laune zumindest ein wenig einzutrüben, besteht in der Auseinandersetzung mit der deutschen Rap-Szene. Von Statussymbolen („Nichts mit Ferrari, Bugatti, ich komm‘ mit 20 Versagern zur Party„), Fitness-Fanatismus („Es gibt Nudeln mit Ketchup und Nudeln mit Pesto. Bei dir gibts Eiweißshakes, Proteine und Testo.„) und Premium-Boxen („Bestell‘ die Box, es sind nicht mehr viele da, hat mein Kundeberater bei Amazon gesagt.„) versenkt er die schädlichen Szeneauswüchse in vor Ironie triefenden Zeilen.

Genau genommen geht Gossenboss‘ Antihaltung ein gutes Stück über die Hip Hop[10]-Nische hinaus und greift auf nahezu alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens über. Im Kleinen gehen ihm Mode- und Tattoo-Trends gegen den Strich. Unter den weniger profanen Themen stehen Bildung, Arbeit und strukturierte Tagesabläufe auf seiner schwarzen Liste.

Der Abstand zu derart zentralen Elementen des „Alltag Life[11]“ geht allerdings nur mit der Bereitschaft einher, sich selbst zu entwürdigen: „Ihr habt ’n Führerschein gemacht und ein Auto gekauft. Ich hab‘ Toilettenpapier auf’m Amt geklaut.“ Oha, hoffentlich hat Gossenboss kein Hämorrhoidalleiden. Das kratzige Krepppapier wäre in dem Fall nämlich Gift.

Trotz der vergleichsweise kurzen Laufzeit von unter einer halben Stunde strengt Gossenboss‘ monotoner Flow auf Dauer etwas an. Allerdings stünde eine ausgefeilte Technik ohnehin der propagierten Haltung seiner Songs entgegen. So bleibt er die fleischgewordene, unterhaltsame Antithese des Leistungscredos „Spare, lerne, leiste was, dann haste, kannste, biste was.

Quelle:

www.laut.de

Fußnoten:

  1. ^ Dominik Lippe (www.laut.de)
  2. ^ Gossenboss mit Zett (www.laut.de)
  3. ^ SXTN (www.laut.de)
  4. ^ Leben Am Limit (www.laut.de)
  5. ^ Sidos (www.laut.de)
  6. ^ Hamdullah (www.laut.de)
  7. ^ KRS-One (www.laut.de)
  8. ^ Rap (www.laut.de)
  9. ^ Mach Ones (www.laut.de)
  10. ^ Hip Hop (www.laut.de)
  11. ^ Alltag Life (www.laut.de)
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