Plötzliche Halluzinationen: Was fehlt der Patientin? – SPIEGEL ONLINE

Samstag, 22.07.2017   19:32 Uhr

Bislang hat die Frau nie die Hilfe eines Psychiaters benötigt. Doch jetzt stößt sie imaginäre Spinnen von ihrem Bett und meint sogar, ein Einbrecher sei da, der sie mit einer Spinne angreife.

Als ihre Familie das mitbekommt, bringt sie die 50-Jährige in die Notaufnahme einer Klinik in Atlanta, US-Bundesstaat Georgia. Die Angehörigen wissen nicht genau, wie lange sie schon Halluzinationen hat.

Dennoch können sie zur vorangegangen Krankengeschichte Auskunft geben. In den vergangenen vier Monaten litt die Frau unter Schmerzen in der linken Hüfte, wodurch ihr das Gehen schwerfiel. Vor rund zwei Monaten suchte 50-Jährige deshalb ärztlichen Rat. Damals entdeckten Mediziner Veränderungen in Becken- und Oberschenkelknochen, sogenannte lytische Knochenläsionen.

Knötchen unter der Haut

Eine folgende Untersuchung, ein PET-Scan, offenbarte einen ungewöhnlich aktiven Stoffwechsel in zahlreichen Knochenläsionen sowie in Knötchen unter der Haut und in einem Lymphknoten im hinteren Bauchraum. Das können Anzeichen einer Krebserkrankung sein.

In der Klinik führen die Ärzte weitere Tests durch. Die Frau hat demnach eine leichte Anämie – die Menge des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin ist zu niedrig. Im Gegensatz dazu ist die Anzahl der weißen Blutkörperchen und der Blutplättchen erhöht. Ein CT-Scan ihres Kopfes zeigt nichts Ungewöhnliches. Ihre Vitalwerte sind im normalen Bereich.

Die Ärzte diagnostizieren aufgrund der Wahnvorstellungen eine Schizophrenie. Weil die Patientin weiter über Schmerzen in der Hüfte und dem linken Bein klagt und zusätzlich der Verdacht einer Krebserkrankung vorliegt, überweisen sie die Frau am folgenden Tag an die Emory University School of Medicine. Das Team um Jungjin Kim, das sie ab diesem Zeitpunkt behandelt, schreibt im Fachblatt „Psychosomatics“[1] über den Fall.

Die Frau berichtet von flüchtigen Kopfschmerzen. Sie verneint aber, dass sie unter Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit, Erbrechen oder Sehstörungen gelitten habe oder leide. Die Mediziner bemerken eine Vielzahl kleiner dunkler und juckender Knötchen auf dem Oberkörper der Patientin, die den überweisenden Ärzten nicht aufgefallen waren. Ein weiterer Bluttest weicht nur in einem Punkt vom vorigen ab: Der Hämoglobin-Wert ist weiter gesunken. Ein HIV-Test ist negativ. Eine Knochenmarksbiopsie bestätigt den Verdacht auf Krebs nicht.

Immer noch sieht die Frau Spinnen, wo keine sind. Außerdem hört sie die Stimme ihrer verstorbenen Mutter, erzählt sie. Insgesamt scheinen ihre Denkprozesse verlangsamt, ihre Aufmerksamkeit kommt und schwindet. Sie weiß nicht genau, welcher Tag es ist und wo sie sich befindet. Die Ärzte nehmen an, dass sie sich in einem sogenannten Delir[2] befindet, einem Zustand der Verwirrtheit, der verschiedene Ursachen haben kann.

Ihr wird eine niedrige Dosis eines Neuroleptikums verordnet, um den Halluzinationen entgegenzuwirken, doch es bewirkt kaum Besserung.

Plötzliche Schwäche in den Beinen

Am fünften Tag in der Klinik leidet die Frau plötzlich unter Schwäche in den Beinen. Die Ärzte untersuchen erneut ihr Gehirn per CT, und nun fällt etwas auf: Auf der rechten Seite sind im vorderen Bereich die Hirnfurchen nicht mehr zu erkennen, es muss etwas im Gehirn gewachsen oder geschwollen sein, wodurch die Hirnwindungen zusammengepresst wurden, bis die typischen Furchen verschwinden. Ein anschließendes MRT erhärtet den Verdacht, dass die Frau entweder Krebs hat – oder eine Infektion.

Mittels einer Lumbalpunktion entnehmen die Ärzte Liquor aus dem Rückenmark. Die Untersuchung der Flüssigkeit liefert weder Anzeichen für eine Krebserkrankung noch für Viren. Doch die Ärzte entdecken eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen. Und sie können auch Spuren eines Pilzes nachweisen: Cryptococcus neoformans. Anschließend finden sie diesen auch im Blut der Patientin, in einem der unter der Haut liegenden Knötchen sowie in einer der Knochenläsionen, als sie gezielt danach suchen.

Sofort verordnen die Ärzte zwei Antipilzmittel. Das Neuroleptikum hingegen setzen sie einige Tage später ab.

Infektionen mit Cryptococcus neoformans treten vor allem bei Menschen auf, deren Immunsystem geschwächt ist, also etwa bei Aids-Patienten sowie bei Patienten, die mit einem Spenderorgan leben. Arbeitet die Körperabwehr normal, wird der Pilz nur sehr selten zum Problem. Dennoch können auch sonst Gesunde, wie die betroffene Frau, an einer sogenannten Kryptokokkose erkranken.

Die Erreger gelangen meist mit der Atemluft in den Körper. Schafft es das Immunsystem nicht, sie rechtzeitig zu bekämpfen, können die Pilze ins Blut und von dort aus auch ins Gehirn wandern. Zu finden sind die Pilze unter anderem in Vogelkot sowie in damit kontaminierter Erde, berichtet das Robert Koch-Institut. Weil die Pilze das Gehirn angreifen, ist die Infektion potenziell lebensbedrohlich.

Für die Patientin geht zum Glück alles gut aus: Nach insgesamt 24 Tagen kann die Frau das Krankenhaus wieder verlassen. Die Halluzinationen sind zu diesem Zeitpunkt völlig verschwunden.

Fußnoten:

  1. ^ Psychose durch Cryptococcus: Fachartikel in Psychosomatics (www.sciencedirect.com)
  2. ^ Delir (www.spiegel.de)
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