Die Folgen der Impfverweigerung – Süddeutsche.de

Wenn die Impfbereitschaft nur um einige wenige Prozent sinkt, steigt das Risiko sich mit den Masern anzustecken überproportional an.

Von Werner Bartens

Kleiner Anlass, große Wirkung. Dieses Prinzip ist aus der Medizin gut bekannt, egal ob es sich um die Ansteckung mit mikroskopisch kleinen Erregern, die Auswirkungen einer Genmutation oder den Defekt eines Ionenkanals handelt, die alle zu schweren Krankheiten führen können. Auch in anderen Bereichen sind die Folgen geringer Veränderungen mitunter beträchtlich. So zeigen Ärzte der Universität Stanford im Fachmagazin Jama Pediatrics[1], dass schon ein leichter Rückgang in der Bereitschaft, seine Kinder gegen Masern[2] impfen zu lassen, zu einer bemerkenswerten Zunahme der Krankheitsfälle führen würde.

Die Infektionsexperten Nathan Lo und Peter Hotez haben ausgerechnet, welche Folgen es haben würde, wenn die Impfquote von Kindern im Alter zwischen zwei und elf Jahren US-weit um fünf Prozent zurückgehen würde. Derzeit sind dort etwa 93 Prozent der Kinder mithilfe der Dreifachimpfung vor den Kinderkrankheiten Masern, Mumps und Röteln geschützt. In den vergangenen Jahren wurden in den USA zwischen 55 und 667 Neuerkrankungen jährlich registriert. Nach der aktuellen Studie wäre mit einer Verdreifachung der Fälle zu rechnen, wenn die Impfquote um nur fünf Prozent sinken würde.

Die Krankheit könnte schon längst ausgerottet sein

„Wir haben uns für unsere Analysen auf die Masern konzentriert, weil sie hoch ansteckend sind“, sagt Lo. Nach diversen Berechnungen könnte die Krankheit längst ausgerottet sein, wenn mindestens 95 Prozent der Bevölkerung über eine ausreichende Immunität verfügen würden. In Deutschland lag die Impfquote gegen Masern 2012 bei Erstklässlern zwar schon bei 96,7 Prozent für die erste Dosis und 92,4 Prozent für die zweite Impfstoffdosis. Allerdings vermutet das Robert-Koch-Institut (RKI) aufgrund des steigenden Alters der Masernerkrankten, dass weiterhin ungenügende Impfquoten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bestehen.

Regionale Impflücken mit Impfquoten örtlich weit unter 90 Prozent treten in Deutschland im südlichen Bayern und immer wieder auch anderswo auf – vor Jahren gab es Ausbrüche im nördlichen Franken und in Nordrhein-Westfalen. Die Wissenschaftler aus Stanford berichten von einer Masern-Häufung 2014 in Ohio, als 383 Krankheitsfälle unter den ungeimpften Mitgliedern der Amish-Gemeinde auftraten. Im Frühjahr 2017 kam es zu Ansteckungen unter somalischen Immigranten in Minnesota, die ebenfalls nicht ausreichend geimpft waren.

„Wir haben eigentlich einen ziemlich guten Zugriff auf die Masern. Mit einem geringen Anstieg der Impfquoten könnten wir so viel erreichen“, sagt Infektionsexpertin Yvonne Maldonado. „Wenn wir uns darauf konzentrieren, dass alle Kinder geimpft werden, kann diese Krankheit endgültig von der Erdoberfläche verschwinden.“ Bereits für 2010 und 2015 hatten Seuchenschutzbehörden und die Weltgesundheitsorganisation WHO das Ziel vorgegeben, die Masern auszurotten. Haarscharf gelang dies nicht, weil in den wohlhabenden Staaten zwar zumeist Impfquoten um die 90 Prozent erreicht werden, die entscheidenden paar Prozente mehr jedoch fehlten. Dieses Ziel soll nun 2020 erreicht werden.

Dass es trotz recht hoher Impfquoten immer wieder zu Ausbrüchen kommt, war auch der Anlass für die aktuelle Hochrechnung. Die Forscher analysierten, was passiert, wenn ein Reisender, der die Krankheit in sich trägt, in eine Region kommt, in der statt 93 nur 88 Prozent oder noch weniger Menschen geimpft sind und deshalb der sogenannte Herdenschutz durch die immunisierte Gemeinschaft nicht mehr gegeben ist.

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