Alte Bücher – neu gelesen: Heinrich Heines letzte Gedichte | NDR.de – Kultur

Stand: 28.07.2017 11:51 Uhr

von Guido Pauling

Das 1851 enstandene Ölgemälde „Heine und seine Frau“ von Ernst Kietz.

Esprit, Spottlust und Scharfsinn besaß Heinrich Heine bis zuletzt im Übermaß. Als schwer kranker Mann an seine Pariser Wohnung, zuletzt ans Bett gefesselt, schrieb und diktierte er unter Schmerzen humorvolle Verse auf seine zahlreichen Feinde.

„Nun mein Leben geht zu End,
Mach ich auch mein Testament;
Christlich will ich drin bedenken
Meine Feinde mit Geschenken.
(…)
Ich vermach euch die Koliken,
Die den Bauch wie Zangen zwicken,
Harnbeschwerden, die perfiden
Preußischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt ihr haben,
Speichelfluß und Gliederzucken,
Knochendarre in dem Rucken,
Lauter schöne Gottesgaben.“ Leseprobe

Nicht nur lesen, sondern fühlen

Als 15-jähriger Leser fand ich das witzig, bewunderte den Autor, der selbstironisch von Speichelfluß und Hämorrhoiden schreibt, Letztere einem ganzen Staat anhängt und sogar als Reimwort nutzt. Dass der zum Protestantismus übergetretene Jude nun über Heuchler spottet, indem er „christlich“ seinen Feinden Übles wünscht, habe ich damals nicht sonderlich beachtet. Heute lässt es mich um so mehr schmunzeln, wenn ich auf christlich geprägte Länder wie Polen, Ungarn oder Bayern schaue.

Selbst im Sterben war Heine geistreich und witzig, das wusste ich schon lange. Aber Heines große Fürsorge und Liebe zu seiner Frau fühle ich erst jetzt intensiv, seit ich selbst verheiratet bin. Das heißt, ich lese die Verse nicht mehr nur, sondern ich fühle sie!

„Keine Messe wird man singen,
Keinen Kadosch wird man sagen,
Nichts gesagt und nichts gesungen
Wird an meinen Sterbetagen.

Doch vielleicht an solchem Tage,
Wenn das Wetter schön und milde,
Geht spazieren auf Montmartre
Mit Paulinen Frau Mathilde.

Mit dem Kranz von Immortellen
Kommt sie mir das Grab zu schmücken,
Und sie seufzet: Pauvre homme!
Feuchte Wehmut in den Blicken.

Leider wohn ich viel zu hoch,
Und ich habe meiner Süßen
Keinen Stuhl hier anzubieten;
Ach! sie schwankt mit müden Füßen.

Süßes, dickes Kind, du darfst
Nicht zu Fuß nach Hause gehen;
An dem Barrieregitter
Siehst du die Fiaker stehen.“ Leseprobe

Heine hat recht!

Dieser liebevolle Spott, mit dem Heine besorgt auf seine recht korpulent gewordene Frau blickt, die sich nach dem gemeinsamen Spaziergang mit einer Verwandten zum Friedhof besser mal setzen sollte, später auf dem Rückweg lieber eine Kutsche nehmen – er geht mir sehr zu Herzen. Das klingt alles so leicht, so ironisch, mit einer Handbewegung dahingeworfen und zugleich meint es der sterbenskranke Autor dieser Verse bitter ernst, sorgt sich um seine geliebte Mathilde.

Meine Frau ist sportlich, geht viel zu Fuß, fährt Rad, wo sich andere ins Auto setzen. Aber auch ich sage ihr, „nimm doch ein Taxi, wenn du mit schwerem Gepäck an einem fremden Bahnhof aussteigst“ und hoffe, sie schleppt sich nicht damit ab. Und dabei habe ich noch nicht einmal an kommende Jahre oder Jahrzehnte gedacht. Klingt banal, denkt jetzt vielleicht mancher Hörer? Na dann, Hörer, überleg dir mal, was du deiner Frau zurufst, wenn du tot bist und dir Sorgen um die allein Zurückgebliebene machst. Und dann setz dich hin und lies nach bei Heine.

„O Herr! ich glaub, es wär das Beste,
Du ließest mich in dieser Welt;
Heil nur zuvor mein Leibgebreste,
Und sorge auch für etwas Geld.
(…)
Genieren wird das Weltgetreibe
Mich nie, denn selten geh ich aus;
In Schlafrock und Pantoffeln bleibe
Ich gern bei meiner Frau zu Haus.
(…)
Gesundheit nur und Geldzulage
Verlang ich, Herr! O laß mich froh
Hinleben noch viel schöne Tage
Bei meiner Frau im statu quo.“ Leseprobe

Jetzt erst, 30 Jahre nach meiner ersten Heine-Lektüre, habe ich erfühlt und verstanden, was mich damals bloß zum Lachen gebracht hat: Heine hat recht.

Sommerserie: Alte Bücher – neu gelesen

mit Audio

Im zweiten Teil unserer Sommerserie erinnert sich Jürgen Deppe daran, welchen Eindruck Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ einst auf ihn machte und wie es heute auf ihn wirkt. mehr[2]

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 31.07.2017 | 16:20 Uhr

NDR Logo

Quelle:

www.ndr.de

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