Die Politik muss endlich über die Gentechnik entscheiden – Süddeutsche.de

Einem US-Forscher ist es gelungen, mithilfe der Gentechnik Erbkrankheiten in menschlichen Embryonen zu beheben. In Deutschland dreht sich die Debatte jedoch im Kreis.

Kommentar von Kathrin Zinkant

Als der Klonforscher Shoukhrat Mitalipov der SZ vor zwei Jahren ein Interview gab, sprach er über ethische Debatten. Er habe viele Fehler gemacht, sagte er, habe rein wissenschaftlich argumentiert, sei aber am rhetorischen Geschick der Ethiker gescheitert.

Gentechnik Embryonen sollen der Forschung dienen

Embryonen sollen der Forschung dienen[1]

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Die Lehren seien schmerzhaft gewesen. An diese Lektion mag sich Mitalipov in dieser Woche erinnert haben. Seit Mittwoch ist bekannt, dass der Forscher auf einem ethisch besonders heiklen Feld die nächste Hürde genommen hat. Wie Technology Review[3] berichtet, ist es Mitalipov an der Oregon Health and Science University gelungen, mithilfe der Genschere Crispr/Cas Erbkrankheiten in menschlichen Embryonen zu beheben – und zwar ohne Fehler und Nebeneffekte. Damit hat Mitalipov wohl den ersten Beweis geliefert, dass die genetische Therapie von Embryonen ein gangbarer Weg ist. Für viele Betroffene ist das eine Offenbarung. Für viele Gesunde das Ende der Moral.

Sollte man gerade deshalb verstärkt forschen, um mögliche Gefahren zu kennen?

Was ist nun zu tun? Man kann abermals die ethische Debatte über die Möglichkeiten der neuen Gentechnik[4] einfordern. Sie ist elementar. Einerseits, um Fakt von Fiktion zu trennen: Was kann die Technik? Weiß die Forschung genug über die Risiken? Oder sollte man gerade deshalb verstärkt forschen, um mögliche Gefahren zu kennen? Andererseits muss sich eine Gesellschaft über ihre Ziele klar werden. Will sie das Leid Ungeborener vermeiden? Will sie auf der Geburt kranker Menschen bestehen? Ist sie bereit zum grundsätzlichen Verzicht auf Fortschritt – oder hat sie den Mut, Grenzen zu definieren?

Das Problem mit dieser Debatte ist aber, dass sie sich im Kreise dreht. Das ist gerade in Deutschland der Fall, wo sich Wissenschaft und Ethik alles gesagt haben. Gleichzeitig zieht sich die Politik aus der Affäre, indem sie zum genetischen Eingriff am Embryo keine parteipolitischen Positionen definiert. So verhindert sie Entscheidungen.

Und doch muss eine getroffen werden. Nicht über alles oder nichts, es geht um einen Kompromiss, der dem Stand der Wissenschaft gerecht wird und auf die ethischen Bedürfnisse aller Rücksicht nimmt, der Gesunden wie Kranken. Dass das geht, haben Experten der Nationalen Akademie der Wissenschaften im März gezeigt. Sie schlagen vor, mit dem Einverständnis der Erzeuger an überzähligen Embryonen zu forschen, von denen es in Deutschland Hunderttausende gibt. Sie fordern, diese Forschung auf schwere Krankheiten zu beschränken – und Risiken zu klären, bevor der nächste Schritt getan wird. Sie ziehen also Grenzen, um Raum für neue Erkenntnisse zu schaffen. Das ist genau richtig. Denn nur mit neuen Erkenntnissen ergibt die ethische Debatte wieder Sinn.

„Crispr gehört nun der Welt“[5]

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