„Keine Religion aus dem Essen machen“ – SPIEGEL ONLINE

Sonntag, 30.07.2017   07:55 Uhr


Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Klotter, was muss ich essen, um mich gesund zu ernähren?

Christoph Klotter: Es ist schwierig, genau zu sagen, was gesunde Ernährung ausmacht und was nicht. Empirisch belegt ist derzeit nur, dass es gut ist, abwechslungsreich und viel Gemüse zu essen. Mehr kann die Wissenschaft nicht sicher sagen. Viele vermeintliche Erkenntnisse sind ins Schwanken geraten.

SPIEGEL ONLINE: Ständig kommen neue Diäten in Mode, neue Ernährungsdogmen tauchen auf. Was halten Sie davon?

Klotter: Neuen Forschungsbefunden nach verstoffwechseln Menschen sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die eine Tomate essen und einen Anstieg von Insulin zu verzeichnen haben, bei anderen wiederum ist das nicht der Fall. Das ist sehr individuell. Daher können wir nicht sagen, was alle Menschen unbedingt zu sich nehmen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Wonach sollen wir uns richten, wenn nichts sicher ist –nur nach dem Bauchgefühl?[1]

Klotter: Wenn jeder für sich herausfindet, was gut für ihn ist, finde ich das fantastisch. Ich würde vorschlagen, dass man das Essen einreiht in die menschliche Tugend der Sorge um sich. Das heißt: mehr auf sich achten, in sich hineinhören, mit sich selbst experimentieren und schauen, was passiert – mehr Aufmerksamkeit aufs Essen.

SPIEGEL ONLINE: Das „richtige Essen“ gerät aber leicht zum Stressfaktor.

Klotter: Völlig richtig. Essen darf nicht umschlagen in ein Zwangssystem. Es geht um Achtsamkeit[2], auch wenn das ein etwas ausgeleierter Modebegriff ist – aber eben mit Gelassenheit. Man braucht kein schlechtes Gewissen haben, wenn man Chips oder einen Burger[3] isst. Das ist kein Untergang. Mein Vorschlag: Keine Religion aus dem Essen machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber schaffen es Menschen, sich ohne strikte Regeln gesund zu ernähren?

Klotter: Die evolutionäre Programmierung sagt: Iss, soviel du kannst. Iss möglichst fett und süß. Denn unsere Vorfahren mussten zuschlagen, wenn etwas da war. Dementsprechend gibt es keine genetische Programmierung für gesunde, maßvolle Ernährung. Es ging nicht darum, was ich esse, sondern dass ich esse. Unsere Vorfahren hätten mit den Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE[4]) nicht überlebt. Abwechslungsreiche Mischkost hätte unsere Spezies zum Aussterben gebracht.

Mit der ausreichenden Ernährung hat sich die Lebenserwartung dramatisch erhöht – nicht durch die gesunde Ernährung, sondern durch die ausreichende Ernährung. Kurzum: Ausreichende Ernährung ist Pflicht, gesunde Ernährung ist die Kür.

SPIEGEL ONLINE: Ist gesunde Ernährung von der Bildung abhängig?

Klotter: Das ist leider so. Wer sozial besser gestellt ist, achtet mehr auf seine Ernährung, isst abwechslungsreicher und mehr Gemüse. Essen ist von der Sozialschicht abhängig. Dazu muss gesagt werden: Wer Hartz IV bezieht, hat andere Sorgen als gesunde Ernährung.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern ist gesundes Essen eine Geldfrage?

Klotter: Es gibt schöne Untersuchungen[5] vom Forschungsinstitut für Kinderernährung aus Dortmund[6]. Darin wird deutlich, dass ich mit Hartz IV die DGE-Empfehlungen nicht umsetzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Müsste da nicht die Politik eingreifen?

Klotter: Wenn eine Gesellschaft den Anspruch hat, dass gesunde Ernährung für alle möglich sein soll, ist die Politik gefragt. Nur: Die kluge Politik mischt sich nicht in Essensangelegenheiten ein. Das mussten schon die Grünen 2013 erleben[7], als sie einen fleischlosen Tag pro Woche in Deutschlands Kantinen einführen wollten. Wir Deutsche empfinden Essen als etwas Privates. Da hat sich der Staat möglichst rauszuhalten. Wer das Essverhalten regulieren will, wird schnell als Gesundheitspolizei empfunden.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Ich habe den Eindruck, dass die meisten sehr empfänglich sind für Rezeptvorschläge und neue Diätformen.

Klotter: Sie haben Recht: Die Gruppe der Ernährungsbewussten wird größer. Die Anzahl der Qualitätsbewussten nimmt zu, der Umbruch derzeit ist eindeutig. Das ist auch der Grund, weswegen Discounter verstärkt auf Bioprodukte setzen. Die Leute schauen mehr darauf, was sie essen.

SPIEGEL ONLINE: Einige gucken vielleicht etwas zu genau aufs Essen: Es muss vegan sein, kalorienarm, laktose-, zucker- und glutenfrei – ist das ratsam?

Klotter: Essen nur auf Inhaltsstoffe zu reduzieren, ist totaler Quatsch. Viele Ernährungswissenschaftler schauen wie magnetisch angehaftet auf Inhaltsstoffe und Mengenangaben, haben aber für das Essen als sozialen Akt keinen Blick. In Frankreich zum Beispiel ist das Essen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern ein soziales Ereignis. Es geht um das Zusammensitzen und das Reden. Die Franzosen haben zwar durchschnittlich schlechtere physiologische Werte als die Deutschen – aber sie leben länger. Generell gilt das Dschungelbuch-Motto: Probier’s mal mit Gemütlichkeit. Wer das Essen nicht mehr feierlich begeht, dem fehlt etwas.

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Fußnoten:

  1. ^ nur nach dem Bauchgefühl? (www.achim-achilles.de)
  2. ^ Achtsamkeit (www.spiegel.de)
  3. ^ einen Burger (www.spiegel.de)
  4. ^ DGE (www.dge.de)
  5. ^ schöne Untersuchungen (www.ernaehrungs-umschau.de)
  6. ^ Forschungsinstitut für Kinderernährung aus Dortmund (www.fke-do.de)
  7. ^ die Grünen 2013 erleben (www.spiegel.de)
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