Über eine 90-Jährige, die einfach nicht aufhören will im OP zu arbeiten – STERN

Doktor Alla Ljowuschkina war nicht mehr die Jüngste, als sie beschloss, ein wenig Luxus in ihr Leben zu lassen. Genau genommen geschah das an ihrem 89. Geburtstag. Sie entschied, von nun an mit dem Taxi zur Arbeit zu fahren.

Daran waren eigentlich nur die Treppen schuld. Ljowuschkina lebt in einem Altbau, dritter Stock, und natürlich ist sie nicht mehr die Schnellste. Sie muss sich am Geländer festhalten, langsam setzt sie beide Füße auf eine Stufe. Fast zerbrechlich wirkt sie dabei, so gebeugt und klein ist sie. Aber der Eindruck täuscht. Alla Ljowuschkina kann ziemlich hart sein, vor allem zu sich selbst.

„Die Zähne fallen aus, die Gelenke knirschen, die Beine tun weh.“

Unten angekommen, brauchen die Beine eine Pause. „Das Alter ist nicht angenehm“, sagt sie. „Die Zähne fallen aus, die Gelenke knirschen, die Beine tun weh.“ Nur wenn sie abgelenkt ist, bemerkt sie die Leiden des Alters nicht. „Na ja, bis auf die Zähne vielleicht.“

Möglicherweise verpasste Alla Ljowuschkina deshalb den Absprung aus dem Berufsleben: Sie ließ sich gern ablenken. Nie war Zeit, um in Rente zu gehen. Und jetzt ist es irgendwie auch zu spät. Am 5. Mai wurde sie 90 Jahre alt. Nun macht sie weiter bis zum Tod[1]. Vielleicht verlängert die Arbeit ihr Leben ja sogar. Vielleicht wäre sie längst tot, könnte sie keine Ärztin mehr sein.

Denn Doktor Ljowuschkina liebt ihren Beruf, sie praktiziert ihn seit 66 Jahren. Immer noch steht die alte Dame mehrfach in der Woche am Operationstisch. Die anderen Ärzte, die ihre Enkel sein könnten, nennen die betagte Kollegin deshalb „unseren Megastar“. Weil sie die älteste Chirurgin der Welt ist.

Ihre Kollegen könnten ihre Enkel sein. Ljowuschkinas Gehalt: 500 Euro im Monat

Ihre Kollegen könnten ihre Enkel sein. Ljowuschkinas Gehalt: 500 Euro im Monat

Dabei hat sich Ljowuschkina ein empfindliches Spezialgebiet ausgesucht: Sie ist Proktologin, operiert am Enddarm. Auf diese Idee brachte sie vor vielen Jahren ein Assistent, und zwar nur deshalb, weil sie so klein ist. „Du hast die richtige Größe für Operationen am Hintern“, sagte er.

Offiziell ist die Ärztin natürlich schon lange in Rente. Als sie 1982 pensioniert wurde, hieß der Generalsekretär der KPdSU[2] noch Leonid Breschnew, und in den USA war Ronald Reagan an der Macht. In der deutschen Bundesliga siegte der HSV, und Steve Jobs verkaufte klotzige Schreibmaschinen mit Bildschirm, Apple II genannt. Davon hatte Ljowuschkina natürlich keine Ahnung. Weil es sie nicht interessierte und weil die „Prawda“ damals über Parteitage schrieb und die Planerfüllung bei der Kartoffelernte.

Einige der medizinischen Geräte stammen aus Sowjetzeiten

Im Jahre 1982 sah sie jedenfalls keinen Grund, zu Hause zu bleiben. Kolleginnen hüteten Enkel, aber Ljowuschkina hat weder Mann noch Kinder[3] noch Enkel. Ihre Mutter wurde fast 100 Jahre alt, Alla ahnte, dass es vernünftig wäre, noch eine Weile durchzuhalten. Fortbildungen brauchte sie nicht. „Die wesentlichen Dinge“, sagt sie, „ändern sich ja nicht.“

Das Städtische Klinische Krankenhaus Nr. 11 in Rjasan gilt auch heute nicht als Tempel moderner Hightech-Medizin. Am Eingang sitzt in einem Wachhäuschen eine wortkarge Wärterin. Besucher müssen blaue Plastikhüllen aus einem Automaten ziehen – Überzug für die Schuhe. Einige der medizinischen Geräte stammen aus Sowjetzeiten. Auch der OP, in dem Ljowuschkina einen Teil ihrer Arbeitszeit verbringt, könnte dringend eine Erneuerung vertragen. Der Tisch sieht klapperig aus, von den Wänden blättert Farbe. Die Behörden würden deshalb am liebsten gar keine Journalisten in den Saal lassen. Aber Ljowuschkina bleibt gelassen: „Funktioniert doch alles.“

In ihrer Einzimmerwohnung lebt die Ärztin mit acht Katzen und vielen Erinnerungen

In ihrer Einzimmerwohnung lebt die Ärztin mit acht Katzen und vielen Erinnerungen

Anders kennt sie es nicht. In der russischen Provinz war die medizinische Versorgung schon immer bescheiden. Im vergangenen Jahr benannte sogar Präsident Wladimir Putin die Probleme des Gesundheitswesens. Die jüngste Reform erschöpfte sich dennoch in einer neuen Sparrunde: Um ein Drittel wurden landesweit die Ausgaben zusammengestrichen.

Arzt war schon zu Sowjetzeiten kein besonders prestigeträchtiger Beruf, jeder Lastwagenfahrer verdiente mehr. Auch heute werden Ärzte in Russland nicht reich. Ljowuschkinas Monatsgehalt beträgt umgerechnet 500 Euro, dazu kommen 200 Euro Rente. Populär machen diese Gehälter den Berufsstand nicht gerade.

Morgens kommt sie häufig zu spät, weil sie noch ihre Katzen füttern muss

Überall fehlen Ärzte und Krankenschwestern, 2015 sprach die Gesundheitsministerin von allein 40.000 offenen Arztstellen. Die Kollegen in ihrem Krankenhaus schätzen die erfahrene Ljowuschkina auch deshalb. Der Oberarzt ist 60 Jahre alt – er war bei ihr schon Praktikant. Klar, dass sie heute bei ihm Privilegien genießt. Morgens kommt sie häufig zu spät, weil sie noch ihre Katzen füttern muss.

Als Ljowuschkina in Moskau studierte, hieß die Hochschule noch „Medizinisches Stalin-Institut“. Fragt man sie danach, erinnert sie sich vor allem an Hunger. Gerade war der Krieg vorbei. Manchmal durften Studenten den Alkohol aus dem Labor verkaufen. Die Leute panschten dann Wodka daraus, und von dem Geld kauften sich die Studenten etwas zu essen. Ljowuschkina erinnert sich an Fisch, den sie vor Hunger mitsamt Gräten verschlangen. Der Verkauf des Laborspiritus beweist ihr heute noch, dass Stalin es mit allen Menschen gut meinte. „Er hat sich um alle gekümmert“, sagt sie. „Frauen konnten damals noch auf die Straße gehen, und ihnen passierte nichts.“ Jetzt ist sie sich da nicht mehr so sicher. Das ganze Leben kommt ihr wesentlich komplizierter vor.

Ljowuschkina verehrte Stalin selbst in Zeiten, in denen diese Liebe nicht zum guten Ton gehörte. Heute fällt der Stalin-Kult in Russland nicht mehr auf: Schließlich gilt es wieder als politisch korrekt, seine Verdienste als Kriegsherr zu würdigen. „Wir haben damals in einem bedeutenden Land gelebt“, sagt sie. Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow verteufelte den Diktator, was Ljowuschkina dazu brachte, Chruschtschow zu verteufeln. „Ein Onkel von mir war im Gulag“, erzählt sie. „Aber auch der hat nie Stalin persönlich beschuldigt!“ Als Ljowuschkina gebeten wurde, in die Kommunistische Partei einzutreten, weigerte sie sich. Zu einer Partei, die Stalin verdammte, wollte sie nicht gehören.

Da blieb nur das Pferd

Nach dem Studium wurde Ljowuschkina als junge Ärztin aufs Land geschickt – wie so viele andere. So sorgte die Sowjetunion dafür, dass auch in der kleinsten sibirischen Sowchose ein Mediziner im Einsatz war. Sie wählte Tuwa an der Grenze zur Mongolei. Dort gab es keine Autos, keine Busse und auf dem Dorf auch keinen Krankenwagen. Blieb nur das Pferd. Dabei konnte Ljowuschkina nicht reiten. „Das Pferd findet seinen Weg“, behaupteten die Leute. „Und das stimmte auch“, sagt sie. „Ich hatte keine Ahnung, wo ich hin musste, aber ich habe mich nie verirrt.“ Nach fünf Jahren in der Wildnis zog sie zurück nach Rjasan.

Ljowuschkina arbeitete im Krankenhaus und war zusätzlich bei der Flugambulanz im Einsatz. Die fliegenden Ärzte versorgten damals die abgelegenen Dörfer. Rjasan liegt nur knapp 300 Kilometer von Moskau entfernt, aber die Entfernungen sind auch in ihrem Kreis groß. Sie liebte die Noteinsätze per Luft. Einmal bat sie den Piloten auf dem Rückflug, auf einem Feld zu landen, weil sie auf der Wiese daneben Maiglöckchen pflücken wollte.

Zu Sowjetzeiten war der Arztbesuch kostenlos, man dankte ihnen mit kleinen Aufmerksamkeiten. Zu einer Art Zweitwährung wurden Pralinen und Cognac, und Ljowuschkina findet bis heute, dass diese Geschenke Anstand und Respekt am besten zum Ausdruck bringen. Den Geschenkebrauch gibt es auch heute noch, allerdings bringen die Leute jetzt Geld in Umschlägen mit. Viele Ärzte erwarten das auch und handeln den Preis für Operationen schon vorher aus.

Alla Ljowuschkina ist eine große Anhängerin Putins. „Wie kann er mir nicht gefallen?“, sagt sie. „Er hat unser Land von den Knien erhoben!“ Sollen sie im Ausland ruhig ein bisschen Angst vor Russland haben, findet sie. Ihrer Meinung nach entspricht genau das Russlands natürlicher Bedeutung.

Medwedew überreichte ihr die Auszeichnung „Treue zum Beruf“

Premierminister Dmitrij Medwedew ist sie einmal sogar persönlich begegnet, denn er überreichte ihr in Moskau die Auszeichnung „Treue zum Beruf“. Leider war die Kristallstatue so schwer, dass jemand anders das Ding zu ihrem Platz schleppen musste. Heute liegt die Statue in einer Kiste, vergraben im Durcheinander des Bücherregals in Ljowuschkinas Einzimmerwohnung.

Auf den 36 Quadratmetern hat sie ihre Ruhe, sieht man einmal von den acht Katzen ab. Die haben längst die Herrschaft übernommen. Nachts schlafen sie auf ihr. Wenn sie isst, hüpfen sie auf den Tisch. In der Wohnung riecht es nach Katze, ziemlich streng sogar, aber Alla Ljowuschkina nimmt das gar nicht mehr richtig wahr.

Manchmal kommt ihr alter Freund Wladimir Krylow zu Besuch. Ljowuschkina breitet dann zur Vorsicht ein altes Betttuch auf die Küchenbank, weil sie sich nicht ganz sicher ist, was die Katzen auf der Bank schon alles veranstaltet haben.

Krylow ist Schriftsteller und hat gerade, zu Ehren ihres 90. Geburtstags, eine Broschüre über die betagte Ärztin veröffentlicht. Sie heißt: „Rjasaner Legende“. Krylow erzählt, was er nach ihrem Tod alles vorhat. Das Krankenhaus solle ihren Namen bekommen, eine Straße nach ihr benannt werden. Und dann brauche Rjasan unbedingt noch ein Denkmal. Vielleicht eins mit Katzen?

Alla Ljowuschkina amüsiert sich über diese Pläne. Bislang war sie nicht einmal richtig krank. Und natürlich hat sie auch ein Geheimrezept für ein langes Leben: Zuversicht. Und manchmal Cognac.

Der Artikel über Alla Ljowuschkina ist dem aktuellen stern entnommen:

Quelle:

www.stern.de

Fußnoten:

  1. ^ Tod (www.stern.de)
  2. ^ KPdSU (www.stern.de)
  3. ^ Kinder (www.stern.de)
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