Unbezahlbare Gesundheit – ZEIT ONLINE

Für Dominique Joelle waren die vergangenen Wochen sehr anstrengend. „Ich hatte große Angst“, sagt die 29-Jährige. Seit dem Wahlsieg von Donald Trump fürchtet sie, zum zweiten Mal ihre Krankenversicherung zu verlieren. Jetzt kann sie vorerst aufatmen. In der vergangenen Woche scheiterte der bislang letzte Versuch der Republikaner, Obamacare abzuschaffen. „Am Morgen danach war ich sehr erleichtert“, sagt Joelle.

Vor drei Jahren ist Joelle von Minnesota nach Los Angeles gezogen, um als Redakteurin für die Entertainmentseite E! News zu arbeiten. Doch 2016 verlor sie ihren Job und damit auch die Krankenversicherung. Plötzlich musste sie die Medikamente für ihre bipolare Störung aus eigener Tasche bezahlen, schnell kamen mehrere Hundert Dollar im Monat zusammen. „Ich bin von Apotheke zu Apotheke gegangen und habe die Preise verglichen“, erzählt Joelle. Freunde rieten ihr, die Medikamente über das Internet in Kanada zu bestellen, um Geld zu sparen. Außer den 1.600 Dollar an Arbeitslosenhilfe hatte sie kein Einkommen, die wenigen Schreibaufträge waren nur schlecht bezahlt. Ständig habe sie Angst gehabt, die wichtigen Pillen nicht mehr bezahlen zu können. Ein Besuch beim Frauenarzt riss ein weiteres Loch in die Kasse. „Es war die Hölle auf Erden“, sagt Joelle.

Die Hölle endete für sie knapp zwei Monate später, als ihr Antrag auf Medicaid bewilligt wurde. Wie 76 Millionen Amerikaner ist sie seither über das staatliche Versicherungsprogramm versichert, das ihre Ausgaben für Medikamente und Arztbesuche übernimmt. Medicaid greift jenen unter die Arme, deren Einkommen zu niedrig ist, um sich auf eigene Kosten zu versichern. „Das Programm hat mich gerettet“, sagt Joelle und meint damit auch die Gesundheitsreform von Ex-Präsident Barack Obama, die vor sieben Jahren in Kraft trat. Mit Milliardenhilfen ermutigte die Regierung in Washington die Bundesstaaten, die Versorgung von Amerikanern mit niedrigem Einkommen über Medicaid auszuweiten und die Bedingungen für die Grundversicherung zu lockern. Millionen von Amerikanern hatten erstmals in ihrem Leben eine Krankenversicherung. „Ich bin dafür sehr dankbar“, sagt Joelle.

USA – Republikaner scheitern bei Abstimmung über Obamacare Der US-Senat hat sich gegen eine Teiländerung des Gesundheitsgesetzes von Ex-Präsident Barack Obama entschieden. Neben 48 Demokraten stimmten auch drei Republikaner gegen den neuen Entwurf. © Foto: Aaron Bernstein/Reuters

Heute sind dank des Affordable Care Acts gut 90 Prozent der Amerikaner versichert, so viele wie nie zuvor. Die rund elf Millionen Amerikaner, die nicht über eines der staatlichen Programme oder ihren Arbeitgeber versichert sind, haben sich dabei auf dem privaten Markt über die Obamacare-Börsen versichert. Dort bieten die Versicherer ihre Policen an – unter strengen Auflagen. Patienten können anders als früher nicht mehr abgelehnt werden, weil sie Vorerkrankungen wie Diabetes oder Krebs haben. Versicherer müssen außerdem erstmals bestimmte Mindestleistungen wie Psychotherapien oder Schwangerschaften abdecken. Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen gibt es dank dem Affordable Care Act in der Regel kostenlos, auch die ersten drei Besuche beim Hausarzt sind abgedeckt. „Vor Obamacare war das System ein Desaster“, sagt Noelle Sullivan, Gesundheitsexpertin an der Northwestern University. Die Prämien auf dem freien Markt liegen laut Schätzungen der Brookings Institution[3] heute um 30 bis 50 Prozent niedriger als vor Obamacare.

Doch das System bleibt lückenhaft. Die Preise für Prämien können je nach Bundesstaat um bis zu 26 Prozent schwanken, je nachdem, wie groß die Konkurrenz unter den Anbietern ist oder wie viele Versicherte es dort gibt. Selbst von Krankenhaus zu Krankenhaus liegen häufig mehrere Tausend Dollar zwischen ein und derselben Behandlung, jede Versicherung handelt eigene Preise mit den Anbietern aus. Die endgültigen Kosten erfahren Patienten häufig erst, wenn Wochen nach der Behandlung die Rechnung kommt. Nicht selten ist es immer noch billiger, die Behandlung aus eigener Tasche zu zahlen. „Das amerikanische Gesundheitssystem ist ein gewinnorientiertes System, in dem alle Beteiligten darauf bedacht sind, den eigenen Profit zu erhöhen“, sagt Jeanne Pinder von der Seite Healthcarecosts[4], die sich um mehr Transparenz im Versicherungssystem bemüht. Die großen Versicherer seien nicht den Patienten, sondern ihren Aktionären verpflichtet. Indem sie das System bewusst undurchsichtig gestalten, machen sie es Neueinsteigern nahezu unmöglich, auf den Markt zu kommen. Ein Problem, an dem auch Obamas Reform nichts geändert hat. „Der ACA ist nur zum Gesetz geworden, weil er keine Kostenkontrollen eingeführt hat“, sagt Sullivan. Denn dagegen hätten sich die Lobbyisten von Versicherungskonzernen, Krankenhäusern und Pharmakonzernen gewehrt, die die Preise bis heute nach Belieben bestimmen.

Entsprechend ist die Krankenversicherung für viele Amerikaner noch immer eine Belastung. Im Durchschnitt liegt der Preis für die monatliche Versicherungsprämie bei 393 Dollar, eine Familie kommt auf 1.021 Dollar. Allein im Vergleich zum Vorjahr sind die Prämien im Schnitt rund 20 Prozent gestiegen, in manchen Märkte mussten Patienten Steigerungen von bis zu 116 Prozent verkraften, weil Programme ausliefen, die die Prämien künstlich niedrig hielten. In den beiden Jahren zuvor waren die Prämien noch um sieben und drei Prozent gestiegen. Für über 55-Jährige steigt der monatliche Betrag bis auf 580 Dollar. Es sei denn, man hat das Glück, in einem der wenigen Bundesstaaten zu leben, die die Anpassung nach Alter verbieten oder stark einschränken.

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[5]

Quelle:

www.zeit.de

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