Downloads gegen den Schmerz – Süddeutsche.de

Medical Apps wollen online der Gesundheit dienen. Sie können das Leben leichter machen, Geld sparen. Sie ersetzen aber weder Arzt noch Therapeuten ganz.

Von elisabeth Dostert

Der erste Online-Check von Kaia fällt kurz und schmerzlos aus. Mann oder Frau? Die beiden Geschlechter werden auf dem Display des Smartphones als schlichte Illustrationen gezeigt. Das Alter? Ein Arzt fragt anders. Aber den Fachmann kann und will das junge Unternehmen Kaia aus München auch nicht ersetzen. Es verspricht Hilfe bei chronischen Rückenschmerzen. Schon die dritte Frage widmet sich diesem Thema. Wo hast Du hauptsächlich Schmerzen? Insgesamt beginnt die digitale Therapie mit fünf Fragen. Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, etwa dann, wenn keine Bewegung mehr ohne Schmerz möglich ist, wird erst einmal ein Arztbesuch empfohlen. Erst nach der Bestätigung, dass man in fachärztlicher Behandlung ist und nichts gegen eine Bewegungstherapie spricht, kann es los gehen.

„Wir verfolgen einen multimodalen Ansatz, denn Rückenschmerzen haben oft auch psychosomatische Gründe, zum Beispiel Stress“, sagt Gabriel Thomalla, 26. Das Training bestehe aus drei Elementen: Bewegung, Entspannung und Wissen. In kleinen Videos macht ein Trainer vor, wie die Übung auszuführen ist. Dann ist der Nutzer dran. Am Ende soll er die Übung bewerten. Ist sie zu einfach, wird es anstrengender. Immer wieder Fragen: An welchen Tagen trainiert werden soll? Ob an den ausgewählten Tagen eine „motivierende Nachricht“ als Erinnerung gewünscht ist? Wie der Nutzer geschlafen hat, will Kaia auch wissen, weil von der Qualität der Nachtruhe das Schmerzempfinden abhänge. Mit jeder Antwort passt die Therapie besser zum Nutzer. Kaia erfährt ziemlich viel über ihn, und das Start-up wird durch die überlassenen Daten immer schlauer.

In Schmerzzentren koste eine multimodale Therapie einige tausend Euro, die Wartelisten seien lang. Die Kosten würden häufig nicht von den Krankenkassen übernommen, ergänzt Moritz Philipp Weisbrodt, 25. Auf den Visitenkarten der beiden Männer steht Co-Founder. Das trifft die Sache nicht ganz. Gegründet haben die Kaia Health Software GmbH, so der volle Name, im November 2015 Konstantin Mehl, 28, und Manuel Thurner, 27. Die Betriebswirte Thomalla und Weisbrodt schlossen sich ein halbes Jahr später an. In mehreren Finanzierungsrunden hat Kaia bisher 3,5 Millionen Euro eingesammelt.

Süddeutsche Zeitung Wirtschaft Digitale Gesundheit

Eine Frau macht Dehnübungen. Auch dafür gibt es inzwischen digitale Vorturner; also Apps, die zeigen, wie die Übungen richtig ausgeführt werden müssen. Es gibt ein paar Tausend Apps mit einem Bezug zur Gesundheit.

(Foto: Lena Bell/Unsplash)

In Interviews redet Mehl oft über die Rückenschmerzen, unter denen er während seines Studiums in New York litt. „Ich glaube, ich habe übertrieben viel Tennis gespielt“, sagt er dann. Der eigene Schmerz und die anschließende Therapie soll das Start-up glaubwürdiger machen. Mehl und Thurner sind Seriengründer. 2014 gründeten sie den Essenslieferdienst Volo, der später unter dem neuen Mehrheitseigentümer Rocket Internet und mit dem neuen Namen Foodora bekannt wurde.

Kaia ist eine von vielen Gesundheits-Apps. Andere sagen Medical Apps, aber immer geht es um mHealth, also die mobile Gesundheit. Es ist ein lukrativer Markt. Die Berater von Boston Consulting schätzen ihn für das Jahr 2018 auf fast 22 Milliarden Dollar weltweit. Die Prognose stammt aus dem Jahr 2014. Schätzungen zufolge gibt es zwischen 100 000 und 200 000 Apps mit Gesundheitsbezug, die auf ein mobiles Gerät wie Smartphone, Tablet und Wearable geladen werden können. „Die Angaben schwanken deutlich, da einerseits der Markt sehr dynamisch ist und andererseits die App-Stores keine hinreichende Recherche-Möglichkeit bieten“, sagt Urs-Vito Albrecht. Er arbeitet am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik in Hannover und ist Studienleiter der vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps“ (Charismha).

Die Anbieter bewegen sich auf unterschiedliche Feldern. Es gibt Apps wie Treato, die „nur“ Informationen bieten, andere dienen der Prävention wie Appzumarzt, sie erinnert an Termine für Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen. Einige verfolgen therapeutische Zwecke, wie etwa Tinnitracks: Musik soll Menschen, die unter dem Piepen im Ohr leiden, helfen, bestimmte Tonfrequenzen zu unterdrücken. Über die App Skinvision können Nutzer ihr Muttermal aufnehmen, innerhalb kürzester Zeit liefert die App Empfehlungen. Kaia ist auch nicht die einzige Rücken-App. Allein das Bewertungsportal HealthOn liefert unter dem Stichwort Rückenschmerz elf Einträge. Manche Downloads sind frei, viele kosten Geld, das hängt auch vom Anbieter und seinen Absichten ab. Das Abo von Kaia kostet ab 12,99 Euro im Monat.

Gipfelstürmer

Nicht nur Start-ups tummeln sich im digitalen Gesundheitswesen. Die App „Denk an mich. Dein Rücken“ kommt von der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie. Hinter „Dr. Kade RückenFit“ steckt das Berliner Pharmaunternehmen Dr. Kade, das auch Mittel gegen Rückenschmerzen, Muskelverspannungen und Wärmepflaster anbietet. Auch die Krankenkassen haben Apps im Programm – für verschiedene Leiden. Zum Portfolio der Techniker Krankenkasse gehören die App Husteblume für Allergiker oder eine Migräne-App, die gemeinsam mit der Schmerzklinik Kiel und dem bundesweiten Kopfschmerzbehandlungsnetz entwickelt wurde. Viele Anbieter arbeiten mit Ärzten zusammen. Die Gründer von Kaia holten und holen sich Rat beim Neurologen Thomas Tölle, er leitet das Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin am Klinikum rechts der Isar in München.

Vieles muss noch geregelt werden, schließlich geht es um sensible und sehr persönliche Daten

Für Verbraucher sind die Grenzen zwischen Lifestyle, Wellness, Fitness und Gesundheit oft schwer nachzuvollziehen, und sie sind, sagen Experten, auch nicht jedem Hersteller klar. Wenn eine Gesundheits-App einen medizinischen Zweck verfolgt wie Diagnose oder Therapie, handelt es sich um ein Medizinprodukt, das der EU-Medizinprodukte-Verordnung und dem deutschen Medizinprodukte-Gesetz unterliegt. Um das CE-Kennzeichen zu erlangen und um in den Verkehr gebracht werden zu dürfen, muss die App ein staatlich reguliertes Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen. Kaia hat ein CE-Kennzeichen der Risikoklasse I, das ist die mit dem niedrigsten Risiko. In diese Klasse fallen auch Gehhilfen, Lesebrillen und Mullbinden. In der Risikoklasse I kann der Hersteller das Verfahren eigenverantwortlich durchführen, für alle anderen Klassen gibt es „Benannte Stellen“, das sind private, unabhängige Prüf- und Zertifizierungsstellen. Wellnessprodukte oder ein Krebsregister sind eher kein Medizinprodukt, eine App zur Berechnung der Insulindosis schon. Erst nach und nach findet eHealth Eingang in die europäische und nationale Gesetzgebung. Es gibt noch viel zu regeln, schließlich geht es um sensible Daten aus einem sehr persönlichen Bereich: der Gesundheit. Datenschutz ist wichtig. „Ob eine App ein Medizinprodukt ist, wird bislang allenfalls stichprobenartig überwacht“, so Charismha-Co-Autor Albrecht. Mehr noch als bei anderen Apps empfiehlt sich daher der Blick in die Nutzungsbedingungen. In denen von Kaia steht, dass die App „kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung“ sei und die Nutzung „auf eigene Verantwortung“erfolge. Dann folgen etwa ein Dutzend Fragen: Hatten Sie in letzter Zeit Schüttelfrost? Haben Sie Probleme, Stuhl, Harn oder Winde zu halten, oder Gefühlsstörungen im Intimbereich? Es sind wichtige Fragen. Wenn nur eine Antwort Ja lautet, dürfe die App nicht ohne ärztliche Absprache genutzt werden. Solche Hinweise enthalten fast alle medizinischen Apps. Es dient dem Wohl der Nutzer, sichert aber auch die Anbieter ab.

Ein übergeordnetes Ziel haben alle Akteure: Die Digitalisierung soll dazu beitragen, die Gesundheit zu verbessern und die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Die Bundesregierung fördert über einen Innovationsfonds verschiedene Projekte der mobilen Gesundheit. In den Jahren 2016 bis 2019 stehen jeweils 300 Millionen Euro zur Verfügung. Auch Kaia profitiert davon. Das Start-up ist einer der Partner des Projekts „Rise-up“ unter der Leitung von Tölle vom Klinikum rechts der Isar. Gut fünf Millionen Euro fließen in das Projekt, an dem auch die AOK und das Algesiologikum, ein Zentrum für Schmerztherapie, mitwirken. Kaia stellt den Teilnehmern des Projektes die App kostenlos zur Verfügung. „Rückenschmerzen sind zum Volksleiden geworden“, heißt es in der Projektbeschreibung. In Deutschland gehe jeder fünfte gesetzlich Versicherte mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. Die Kosten belaufen sich auf fast 50 Milliarden Euro jährlich, ein Großteil davon entfalle auf Produktionsausfälle.

Derzeit verhandelt Kaia mit mehreren Krankenkassen über eine Kostenerstattung

Ärzte und Patienten setzen Tölle zufolge viel zu sehr auf Medikamente und Operationen, dabei sei „die eigene Arbeit wichtig. Der Patient muss Übungen machen und seinen Rücken stärken“. Die ersten Ergebnisse von Rise-up seien sehr positiv und machten Hoffnung, „dass wir einen neuen Weg gefunden haben, um Patienten aktiv einzubinden“, sagt Tölle. Noch erlaube die App nicht, den Konsum von Schmerzmitteln einzugeben. Aus dem Verbrauch ließen sich noch bessere Schlüsse auf den Erfolg der Therapie ziehen.

Obwohl die App erst seit Anfang des Jahres online ist, habe Kaia bereits zehntausend aktive Nutzer, erzählt Mitgründer Thomalla. Dazu zählen auch die Teilnehmer an Rise-up und die kostenlosen Probe-Abos. Die Zahl der zahlenden Nutzer beziffert Thomalla auf rund 1000. Derzeit verhandele Kaia mit mehreren Krankenkassen über eine Kostenerstattung der Therapie, sagt Thomalla. „Wir wollen ein großes digitales Pharmaunternehmen werden“, sagt Weisbrodt. Es soll nicht bei Therapien gegen Rückenschmerzen bleiben. Die Gründer können sich auch Therapien gegen Arthrose, Parkinson oder Kopfschmerzen vorstellen, frühestens 2018.

Zum zweiten Mal schreibt der SZ-Wirtschaftsgipfel in diesem Jahr den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Der Gewinner wird am 18. November in Berlin gekürt. Bewerbungen und weitere Infos unter: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer[1].

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