Trumps Psyche und das Dilemma der Experten – Süddeutsche.de

Ferndiagnosen verstoßen gegen die ethischen Standards von Psychiatern und Psychologen. Doch immer mehr Experten sehen sich sogar in der Pflicht, vor dem geistigen Zustand des US-Präsidenten zu warnen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Eines lässt sich sicher sagen: Donald Trump[1] verhält sich äußerst auffällig – auffällig anders als andere Politiker, auffällig anders auch als die meisten Menschen. In den USA warnen inzwischen etliche Psychiater und Psychologen davor, dass der US-Präsident unter einer ernst zu nehmenden geistigen Störung oder sogar Krankheit leidet und aus dem Amt entfernt werden sollte.

Eine solche Diagnose aus der Ferne ist äußerst umstritten, weshalb sich viele Experten zurückhaltend äußern – und Trump nur indirekt mit Narzissmus in Verbindung bringen. So werden im Zusammenhang mit Trump etwa die Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung aus dem amerikanischen Psychiatrie-Standardhandbuch, dem DSM-V[2], aufgeführt. Fünf der folgenden neun Merkmale müssen erfüllt sein, damit eine entsprechende Diagnose möglich ist:

  • Ein grandioses Gefühl eigener Bedeutung
  • Fantasien von grenzenlosem Erfolg und eigener Brillanz, Macht oder Schönheit
  • Glaube an die eigene Außergewöhnlichkeit
  • Einforderung übermäßiger Bewunderung
  • Anspruch auf bevorzugte Behandlung
  • In zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisches Verhalten
  • Mangel an Empathie, fehlende Bereitschaft, Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich damit zu identifizieren
  • Häufig neidisch auf andere, zugleich überzeugt, andere seien neidisch auf ihn oder sie
  • Zeigt sich arrogant und hochmütig

Etliche Fachleute gehen allerdings deutlich weiter. So erklärte etwa der bekannte klinische Psychologe Ben Michaelis aus New York schon 2015 dem Magazin Vanity Fair[3], Trump sei ein Narzisst „wie aus dem Lehrbuch“. Er und weitere Fachleute zeigten sich so beunruhigt von den Aussichten auf eine mögliche Präsidentschaft des Immobilienmoguls, dass sie die sonst übliche Zurückhaltung der Psychologen und Psychiater aufgaben.

Sie blieben nicht lange allein. Auch Philip Zimbardo[4], ehemals Stanford University und einer der bekanntesten Psychologen[5] weltweit, versucht bereits seit dem Frühjahr 2016 auf Trumps „offensichtliche narzisstische Persönlichkeit“ hinzuweisen – zuerst tat er es indirekt, inzwischen wird er deutlich[6].

Fachleute: Unfähig, das Amt des Präsidenten sicher zu erfüllen

Nachdem Trump sein Amt angetreten und die Welt wiederholt mit seinem Verhalten irritiert hat, haben sich weitere Fachleute an die Öffentlichkeit gewandt. 35 Experten um den Psychologen Lance M. Dodes[7], ehemals Harvard Medical School, veröffentlichten im Februar einen Brandbrief in der New York Times[8]. Zwar verwendeten sie nicht den Begriff Narzissmus. Aber wie sie Trumps Verhalten beschrieben, kam das dem Steckbrief eines Narzissten gleich. „Wir glauben, dass die schwere emotionale Instabilität, auf die die Reden und Handlungen von Mr. Trump hinweisen, ihn unfähig macht, sein Amt als Präsident sicher zu erfüllen“, so der Schluss der Experten.

Donald Trump Ich, der Größte

Ich, der Größte[9]

Narzissten sind beruflich oft erfolgreich – wenn sie ihre Egomanie halbwegs im Griff haben. Aber was bedeutet es, wenn ein Großnarzisst wie Donald Trump das mächtigste Land der Erde steuert? Von Reinhard Haller mehr …[10]

An der Yale University organisierte die Psychiaterin Bandy X. Lee im April die Konferenz „Duty to Warn“[11], die sich ausschließlich mit dem geistigen Zustand des Präsidenten beschäftigte. Lee hält Trump, der etwa den Einsatz von Nuklearwaffen nicht ausschließt und das Foltern von Gefangenen propagiert hat, für eine Gefahr nicht nur für die US-Gesellschaft sondern für die ganze Welt[12].

Im Oktober will sie ein Buch herausgeben mit dem Titel „The Dangerous Case of Donald Trump – 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a President“. Die Liste der Autoren enthält eindrucksvolle Namen, neben Philip Zimbardo etwa Robert Jay Lifton[13], US-Psychiater und einer der bekanntesten Experten für die Ursachen und Folgen von Gewalt.

Petition zur Entfernung aus dem Amt

In seiner Ferndiagnose geht der US-Psychologe John Gartner[14], ehemals Professor an der Johns Hopkins University Medical School in Baltimore, noch weiter als seine Kollegen. Ihm zufolge leidet der US-Präsident sogar unter „malignem Narzissmus“. Er müsse, so fordert Gartner, sofort aus dem Amt entfernt werden. Seine entsprechende Petition auf change.org[15] haben inzwischen mehr als 59 000 Menschen unterzeichnet. (Ob es in allen Fällen, wie gefordert, Fachleute für geistige Gesundheit sind, müsste noch geprüft werden.)

Der Begriff maligner (bösartiger) Narzissmus stammt von dem Narzissmusexperten Otto Kernberg[16]. Er bezeichnet eine krankhafte Sonderform des Narzissmus, der über eine Störung der Persönlichkeit deutlich hinausgeht: die Kombination einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit antisozialem Verhalten, Sadismus sowie einer ausgeprägten paranoiden Haltung.

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