Höhenkrankheit – Wenn Bergsteigen lebensgefährlich wird – Berliner Morgenpost

Berlin.  Ein tiefer Atemzug – irgendetwas stimmt nicht. Durch Mund und Nase dringt nicht genug Sauerstoff. Noch ein tiefer Atemzug, noch einer, immer hektischer. Die Brust verengt sich, an den Schläfen beginnt es zu pochen. Es fühlt sich an wie Ersticken. Erst nach rund zehn Minuten wird das unangenehme Gefühl, 20 Prozent weniger Sauerstoff zu bekommen, erträglicher. Wer erfahren will, wie es sich auf 3500 Metern über dem Meeresspiegel anfühlen kann, muss nicht erst einen Berg erklimmen – ein Gerät mit angeschlossener Atemmaske simuliert die Situation.

Über eine Stunde können Urlauber, die zum ersten Mal in große Höhen reisen, sich dem Test unterziehen, um zu prüfen, wie ihr Körper mit Höhe zurechtkommt. Zentren für Reisemedizin oder große Outdoorläden bieten die Tests an. Egal, ob die Reise auf über 8000 Meter in asiatische oder südamerikanische Gebirge geht oder auf die Zugspitze – ab einer Höhe von 2500 Metern leistet der Körper Schwerstarbeit. Wer sich unvorbereitet auf den Weg macht, riskiert die lebensgefährliche Höhenkrankheit.

Mit steigender Höhe fährt der Körper die Leistung herunter

„Mit jedem Höhenmeter sinkt der Luftdruck und mit ihm die Konzentration der Sauerstoffmoleküle. Dadurch sinkt die Sauerstoffsättigung im Blut, ab etwa 2500 Meter ist das spürbar“, erklärt Jörg Schneider. Der Anästhesist war 1996 Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin. Reflexartig versucht der Körper an mehr Sauerstoff zu gelangen. „Man atmet schneller, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt“, sagt Schneider, „Herz und Hirn sowie die Muskeln werden weiterversorgt, darüber hinaus fährt der Körper die Leistung herunter.“

Wer sich langsam an die Höhe herantaste, schon vorher gezielt Sport treibe, sich nicht überanstrenge und ausreichend viel trinke, könne sich daran gewöhnen – zumindest bis zu einer Höhe von 5500 Metern. Darüber hinaus sei eine dauerhafte Anpassung nicht mehr möglich.

Kopfschmerzen sind das häufigste Symptom der Höhenkrankheit

Trotzdem tritt nach Angaben der Internationalen Union der Alpinismusvereinigungen UIAA (Union Internationale des Associations d’Alpinisme) bei rund 70 Prozent aller Bergsteiger zunächst das häufigste Symptom der Höhenkrankheit auf: Kopfschmerzen. „Ab einer gewissen Höhe werden die Zellen undicht und Flüssigkeit tritt aus“, erklärt Schneider.

„Kommt zu der Flüssigkeit, in die das Gehirn gebettet ist, die Flüssigkeit aus den undichten Zellen hinzu, steigt der Druck im Schädel, so kommt es zu den Schmerzen.“ Warum die Zellen undicht werden, sei bislang ungeklärt. Weitere Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Gleichgewichtsstörungen können hinzukommen. „Im schlimmsten Fall tritt so viel Flüssigkeit aus, dass sie in das Gehirn hineingelangt, dann kommt es zum sogenannten Höhen-Hirn-Ödem, das tödlich enden kann“, sagt Schneider.

Bessern sich die Beschwerden nicht, heißt es: Absteigen

Die Symptome sollten also keinesfalls unterschätzt werden. Wenn sich die Beschwerden nach einer Übernachtung in der Höhe nicht bessern, sollten Betroffene unbedingt auf eine geringere Höhe absteigen und – falls vorhanden – zusätzlichen Sauerstoff inhalieren, rät der Reisemediziner. „Das Gleiche gilt bei Kurzatmigkeit und Atemnot. Gelangt zu viel Flüssigkeit aus den Zellen in die Lungen, findet dort weniger Sauerstoffaustausch statt. Es kann zum Höhen-Lungen-Ödem kommen, der Betroffene erstickt“, sagt Schneider. Lassen die anfänglichen Symptome vollständig nach, könne der Aufstieg fortgesetzt werden.

Kommt es zu noch stärkeren Beschwerden, sollten Betroffene unbedingt und nur in Begleitung absteigen, rät der Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amtes. Warnzeichen seien schwere Kopfschmerzen und Übelkeit, Atemnot in Ruhe, Schlaflosigkeit, Schwindel, Benommenheit und Lichtempfindlichkeit.

Kühlraum in der Botschaft für tote Bergsteiger

Bei Bewusstlosigkeit, Bewegungsstörungen, schwerem Husten mit Auswurf oder schwerer Verwirrtheit bestehe bereits Lebensgefahr. In der Deutschen Botschaft in Nepal, wo das Himalaja-Gebirge Bergsteiger mit gleich acht Gipfeln auf über 8000 Meter lockt, musste aufgrund der vielen Todesfälle unter deutschen Touristen extra ein Kühlraum eingerichtet werden.

„Viele überschätzen sich“, sagt Experte Schneider, „allein am Mount Everest sterben schätzungsweise fünf Prozent der Aufsteiger.“ Wen es treffe, lasse sich kaum vorhersagen. „Weder das Alter noch das Geschlecht, selbst Rauchen und Übergewicht haben nach bisherigen Erkenntnissen keinen Einfluss darauf, wie gut jemand mit Höhe zurechtkommt“, so Schneider.

Bergsteiger können sich vorher testen lassen

Ein Höhentest kann für Anfänger einen ersten Eindruck liefern. Ob sie am Reiseziel ähnlich reagieren, lässt sich aber schlecht vorhersagen. „Eine weitere Option ist ein Höhentraining“, so Schneider. Interessenten können sich etwa in Outdoorläden Zelte leihen, in dem sich die Sauerstoffzufuhr drosseln lässt. Darin können sie als Vorbereitung einige Tage schlafen.

Alternativ können sie sich über einen bestimmten Zeitraum täglich für eine Stunde an das Höhentestgerät anschließen lassen. „Beides kann die Anpassung um wenige Tage reduzieren. Die bisherigen Studien haben aufgrund kleiner Probandengruppen jedoch nur geringe Aussagekraft“, ergänzt Schneider.

Medikamente können ebenfalls helfen

Teils kämen auch Medikamente zum Einsatz, meist mit den Wirkstoffen Acetazolamid oder Dexamethason. „Durch das veränderte Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid verändert sich in der Höhe der Säure-Basen-Haushalt, die Flüssigkeit im Körper ist weniger sauer“, erklärt Schneider, „Acetazolamid reguliert das Verhältnis, dadurch lassen die Kopfschmerzen nach. Der Stoff wirkt aber auch entwässernd, wer es einnimmt, muss noch mehr trinken als ohnehin schon.“

Dexamethason stabilisiere die Zellen, das Austreten von Flüssigkeit soll so reduziert werden. Studien zeigen, dass beide Medikamente die Risiken mildern können, Schutz vor der Höhenkrankheit oder einem Ödem bieten sie laut Schneider jedoch nicht. Die beste Lösung seien Medikamente in keinem Fall: „Die sicherste Maßnahme ist: Langsam aufsteigen, nie mehr als 500 Höhenmeter pro Tag steigen, immer wieder einen Ruhetag einlegen und auf den eigenen Körper hören.“

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