„Raubbau an die Gesundheit der Handballer“ – n-tv.de NACHRICHTEN

Sport

„Die deutschen Vereine müssen in der Bundesliga immer Vollgas geben“: Stefan Kretzschmar.(Foto: imago/Future Image)

Donnerstag, 24. August 2017

Er ist immer noch ein Gesicht des deutschen Handballs. Ex-Profi Stefan Kretzschmar begleitet den Sport seit vielen Jahren als Experte im Fernsehen. Vor dem Beginn der Bundesligasaison an diesem Donnerstag spricht der 44-Jährige mit n-tv.de über die Meisterschaftsfavoriten, über die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Vereine und über die Überbelastung der Profis.

n-tv.de: Herr Kretzschmar, der Start der Handball -Bundesliga steht bevor. Gibt es für Sie einen Top-Favoriten auf die Meisterschaft?

Stefan Kretzschmar: Wie jedes Jahr zählen auch diese Saison der THW Kiel, die Rhein-Neckar Löwen und die SG Flensburg-Handewitt zu den Top-Favoriten. Ich erwarte allerdings eine spannendere Meisterschaft als in den letzten Jahren. Ich könnte mir vorstellen, dass auch die Füchse Berlin, MT Melsungen und der SC Magdeburg eine kleine Titel-Chance haben. Möglicherweise können diese Mannschaften die Umstrukturierungen bei den Top-Vereinen für sich nutzen.

Welche Probleme könnten auf die Top-Vereine zukommen?

Bei der SG Flensburg-Handewitt steht ein Fragezeichen hinter dem Trainer. Ljubomir Vranjes hat die letzten Jahre geprägt und ist nun nach Ungarn zu Veszprem gewechselt. Nun ist der bisherige Co-Trainer Maik Machulla gefordert. Und die Löwen haben mit Kim Ekdahl Du Rietz einen Schlüsselspieler verloren. Diesen Verlust müssen sie erst einmal kompensieren.

„Fast Raubbau an der Gesundheit der Spieler, wenn die Leistungsträger immer durchspielen müssen.“(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Kiel hingegen hat keinen Top-Spieler verloren …

Das macht den THW für mich zum Top-Favoriten. Die Kieler können wieder eine Macht werden wie in früheren Jahren. Sie haben ihre Schwachstellen beseitigt und mit Miha Zarabec einen kreativen Spielmacher geholt. So können sie den Verletzungsausfall ihres Kapitäns Domagoj Duvnjak auffangen.

Der THW Kiel wurde zwischen 2005 und 2015 zehn Mal Deutscher Meister. In den letzten beiden Spielzeiten landeten sie lediglich auf Tabellenplatz drei. Wo liegen die Gründe dafür?

Kiel hatte die letzten beiden Jahre unfassbare Verletzungsprobleme. In Steffen Weinhold und Duvnjak sind zwei entscheidende Spieler weggebrochen. Dieses Verletzungspech hing natürlich auch mit der Mehrfachbelastung durch Bundesliga, Pokal und Champions League zusammen. Es ist fast Raubbau an der Gesundheit der Spieler, wenn die Leistungsträger immer durchspielen müssen.

Das kann aber nicht der einzige Grund dafür sein, dass der THW Kiel nicht mehr die Nummer eins in Europa ist …

Das ist richtig. Der THW Kiel war früher der Primus was Top-Gehälter betrifft. Heute ist das Paris Saint-Germain. Auch andere Top-Mannschaften wie der FC Barcelona oder Veszprem zahlen höhere Gehälter. Es ist völlig legitim, wenn die Top-Spieler dorthin gehen, wo sie das meiste Geld verdienen.

Die Folge war, dass das Final Four der Champions League vergangene Saison ohne deutsche Beteiligung stattfand. Ist die Bundesliga überhaupt noch die stärkste Liga der Welt, wie immer gerne behauptet wird?

Wenn man die Ligen insgesamt betrachtet, ist die Bundesliga noch immer die stärkste Liga. In Spanien gibt es mit dem FC Barcelona eine Top-Mannschaft, in Ungarn verhält es sich genauso mit Veszprem und in Polen mit KS Kielce. Aber was kommt danach? Diese Mannschaften sind in ihrer Liga überhaupt nicht gefordert und werden problemlos Meister. Daher interessiert sich auch niemand für deren Ligen. Die Bundesliga ist in der Breite viel stärker und dadurch spannender. Lediglich die französische Liga hat sich ebenfalls gut entwickelt.

Aber warum tun sich die deutschen Vereine in der Champions League dann so schwer?

Die deutschen Vereine müssen in der Bundesliga immer Vollgas geben. Barcelona, Kielce oder Veszprem hingegen können in ihrer schwach besetzten Liga einen Gang zurückfahren, weil sie eh gewinnen. Die interessieren sich nur für die Champions League und schonen sich für diese Spiele. Dadurch sind sie viel ausgeruhter als die deutschen Vereine.

Zurück zum THW Kiel: Der deutsche Nationaltorhüter Andreas Wolff hat nach der letzten Saison seinen Unmut darüber geäußert, dass in den wichtigen Spielen der Däne Niklas Landin im Tor stand und er auf der Bank saß. Wird Wolff in Kiel noch sein Glück finden?

„Er und Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin sind die beiden besten deutschen Torhüter“: Andreas Wolff.(Foto: imago/Sven Simon)

Er hat keine Alternative, denn der THW wird ihn nicht gehen lassen. Er und Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin sind die beiden besten deutschen Torhüter. Das Problem von Wolff ist, dass er in Kiel unterschrieben hat, bevor er mit Deutschland Europameister wurde und seinen großen Durchbruch hatte. Nun könnte er deutlich mehr verdienen. Aber Vertrag ist Vertrag.

Es gibt in dieser Spielzeit wichtige Neuerungen. Ab sofort wird es nur noch zwei Absteiger geben …

Das macht die Saison für die meisten Bundesligisten planbarer. Ich gehe davon aus, dass die beiden Aufsteiger TV Hüttenberg und TSG Friesenheim nicht stark genug für die erste Liga sind. Dadurch sind andere Vereine wie der VfL Gummersbach, der TBV Lemgo oder TBV Stuttgart, die letzte Saison noch gegen den Abstieg gespielt haben, diesmal auf der sicheren Seite.

Eine weitere Neuerung ist, dass die Vereine in einem Spiel zukünftig 16 statt 14 Spieler einsetzen dürfen. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Ich finde das völlig richtig. Warum sollten sich die Bundesligisten selber reglementieren? Mehr Spieler einsetzen zu können, kommt einmal den Champions-League-Vereinen zugute, weil sie die Belastung auf mehrere Schultern verteilen können. Aber auch die übrigen Bundesligisten können mehr variieren.

Den deutschen Spitzenvereinen wurde häufig vorgeworfen, zu wenig für den Nachwuchs zu tun. Hat mittlerweile ein Umdenken stattgefunden?

Ja, auch Top-Vereine wie der THW Kiel werden ihrer Verantwortung gerecht und setzen mehr auf den Nachwuchs. Ich würde den Verantwortlichen aber auch keinen Vorwurf machen, wenn es anders wäre. In Kiel geht es einzig und allein darum, jedes Jahr Titel zu gewinnen. Und wenn ich als Manager die finanziellen Möglichkeiten habe – wir sprechen hier von einem Etat um die zehn Millionen Euro – dann ist es doch völlig normal, dass ich mir die besten Spieler der Welt hole.

In dieser Saison sind alle Bundesligaspiele beim Bezahlsender Sky zu sehen – und weniger im Free-TV. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Ich verstehe die Enttäuschung einiger Fans, dass nun weniger Spiele frei empfangbar sind. Dafür ist es ein großer Fortschritt, dass wirklich alle Spiele übertragen werden. Niemand muss mehr darüber meckern, dass die eigene Lieblingsmannschaft nicht gezeigt wird. Letztendlich geht die Entwicklung dorthin, dass alle beliebten Sportarten im Pay-TV landen.

Mit Stefan Kretzschmar sprach Oliver Jensen

Quelle: n-tv.de

Quelle:

www.n-tv.de

Fußnoten:

  1. ^ Themen (www.n-tv.de)

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