Hört auf, meinen Körper zu kommentieren – SPIEGEL ONLINE

Montag, 04.09.2017   15:24 Uhr

„Hallo Fetti“, begrüßt mich eine gertenschlanke Freundin bei einer Umarmung – und ich könnte heulen. Sie meint es nicht böse, sie freut sich für mich und mein erstes Wunschkind. Trotzdem löst die Begrüßung eine Flut an Unsicherheit über meinen expandierenden Körper aus.

Vielleicht würde ich anders fühlen, wenn ich nur eine süße Kugel hätte, die ich wie eine Trophäe der Fruchtbarkeit vor mir hertrüge – wie die Katalog-Models in entzückender Umstandsmode.

Aber, Überraschung: Man nimmt nicht nur am Bauch zu. Bei mir sammeln sich die Schwangerschaftspfunde primär auf der Hüfte – zumindest optisch. Hinzu kommen ein ordentlicher Watschelgang, von Wassereinlagerungen aufgedunsene Hände und Füße und, wie ich mir habe sagen lassen, ein sehr rundes Gesicht. Wohlfühlkörper, das ist etwas anderes.

Zur Autorin

Ellen-Jane Austin, Jahrgang 1982, ist freie Journalistin, Musik-Junkie, Läuferin in Teilzeit und genießt gerne gutes Essen. Wie geht es ihr in ihrer ersten Schwangerschaft?

Natürlich anfühlen, nicht wie etwas Makelhaftes

12 bis 14 Kilo sollten Schwangere laut unzähligen Ratgebern bis zur Geburt zunehmen – je nach Ausgangsgewicht können es aber auch deutlich mehr oder weniger sein. Momentan liege ich mit zehn Kilogramm noch im Schnitt. Trotzdem mache ich mir Sorgen, dass es zu viel sein könnte. Es klingt irrsinnig, doch selten in meinem Leben war ich so verunsichert, wie in der Schwangerschaft.

Eigentlich sollte sich das Zunehmen natürlich anfühlen, nicht wie etwas Makelhaftes. Doch in einer Zeit, in der sich für mich ohnehin alles verändert – meine Gedankenwelt, mein Verständnis von mir selbst und natürlich besonders mein Körper -, wird dieser plötzlich zur Freischussfläche für Kommentare. Jeder meint, das Recht zu besitzen, mich zu bewerten.

„Ganz schön rund geworden“, sagt mir mein sportlich getrimmter Chef. „Du weißt, dass man nicht wirklich für zwei essen soll, oder?!“, eine Lauffreundin. Meine Nachbarin, von der ich sonst nur ein verhaltenes „Hallo“ im Treppenhaus entgegengenuschelt, setzt noch eins drauf: „Also meiner Kollegin hat man es bis auf die Kugel kaum angesehen. Die hatte auch kurz nach der Geburt ihre Figur zurück. Soll ich sie mal nach Tipps fragen?“

Nicht sehr erbaulich

Aber es geht bei den Kilo-Sorgen nicht nur um die Optik. Zu viel Gewicht in der Schwangerschaft birgt Risiken wie Schwangerschaftsdiabetes[1]. Ich bin 35 und gelte in Deutschland somit als risikoschwanger. Da wird natürlich getestet. In der Nacht vor dem Test bekomme ich kaum zwei Stunden Schlaf. Ich wälze mich von links nach rechts und wieder zurück, denn bequem liegen ist mit Babybauch eine Herausforderung – auch ohne die Vorwürfe, die ich mir vorbeugend schon mal mache.

Gewicht während der Schwangerschaft

BMI vor der Geburt Empfohlene Gewichtszunahme
kleiner als 18,5 (Untergewicht) 12,5 bis 18 Kilogramm
18,5 bis 24,9 (Normalgewicht) 11,5 bis 16 Kilogramm
25,0 bis 29,9 (Übergewicht) 7 bis 11,5 Kilogramm
größer als 30 (starkes Übergewicht) 5 bis 9 Kilogramm

Quelle: International anerkannte Leitlinie des Institute of Medicine

Ich esse und koche meist frisch, aber ich nasche auch gerne. Windbeutel, Schokolade, Chips. Setze ich dadurch die Gesundheit meines ungeborenen Kindes aufs Spiel? Bekomme ich ein Sechs-Kilo-Baby, das später von Fettleibigkeit und Diabetes geplagt wird? Erwartet mich hoher Blutdruck? Eine Schwangerschaftsvergiftung? Kommt es zu einer Frühgeburt?

Während ich mir den Kopf über Zusatzpfunde und ihre möglichen Konsequenzen zerbreche, vergesse ich fast, wie viel Angst ich anfangs hatte, weil die Schwangerschaftskilos ausblieben. Der samstägliche Einkauf auf dem Markt – früher ein Highlight meiner Woche – wurde zur Tortur. Überall roch es nach Essen, an Käseständen, Wurstwägen, sogar beim Obstwagen vom Bauern. Ich wollte nur noch brechen. Gut sieben Kilo nahm ich in den ersten drei Monaten ab.

Damals ein Schock, denn ein Zuwenig an Gewicht birgt ebenfalls Risiken. Mangelernährte Kinder können zu früh, zu klein und zu leicht zur Welt kommen und an Organschäden leiden. Sogar Spätfolgen wie eine gesteigerte Anfälligkeit für Suchtentwicklung[2] sind möglich. Woher ich das weiß? Doktor Google hat mich umfassend informiert. Ob die Recherche eine gute Idee war, bleibt dahingestellt.

Hätte ich mehr Sport treiben sollen?

Der orale Glukosetoleranz-Test bestätigt meine Ängste. Er deutet darauf hin, dass ich zu den fünf Prozent gehöre, die unter einem Schwangerschaftsdiabetes leiden. Sofort sind sie wieder da, die Selbstvorwürfe. Ich blicke an meinem aufgedunsenen Körper herunter – Übergewicht ist einer der Risikofaktoren. Bei der Vorstellung, meinem Kind durch meinen Lebensstil zu schaden, wird mir wieder übel.

Windbeutel-Gelüste

Josephine Neubert

Windbeutel-Gelüste

Hätte ich mehr Sport treiben sollen? Vor der Schwangerschaft dachte ich, kalorienreiche Gelüste einfach mit Bewegung ausgleichen zu können – so ein bisschen Kaloriensparen durch Laufen[3] geht doch immer. Charlotte in „Sex and the City“ hat schließlich auch hochschwanger täglich ihre Runden gedreht.

In der Realität lastet es mich derzeit völlig aus, im vierten Stock eines Berliner Altbaus zu wohnen. Ich musste lernen, dass ein Körper, der einen Menschen heranwachsen lässt, seine eigenen Regeln hat – und die entsprechen selten einem Hollywood-Streifen.

Eine Woche nach dem ersten Test werde ich ins Krankenhaus bestellt, um dort einige Tage meinen Blutzucker überwachen zu lassen. Zur Überraschung aller habe ich Traumwerte. Meilenweit entfernt von Diabetes. Ich kann noch am ersten Tag wieder nach Hause gehen.

Macht die Flut an Informationen uns nicht komplett irre?

Dennoch steht im Arztbrief dick die Diagnose „Schwangerschaftsdiabetes“, ich soll eine Diät einhalten und ein Blutzuckerprotokoll führen. Ade Windbeutel, Schokolade und Pasta – hallo, Vollkornbrot, Gemüsepfanne und Blut aus dem Finger piksen. Eine klare Antwort auf die Frage, ob ich trotz der guten Werte nun wirklich Diabetes habe, konnte mir bisher keiner geben.

Ich bin dankbar, dass die Medizin heute so weit ist, Gefahren wie Schwangerschaftsdiabetes zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten, die bereits unzählige Leben verbessert oder sogar gerettet haben. Und dennoch frage ich mich, ob die Flut an Informationen uns Schwangere nicht komplett irremacht und damit uns und unser ungeborenes Kind unnötig Stress aussetzt. Stress, der übrigens auch Blutzuckerwerte nach oben schnellen lassen kann[4].

Ich werde jetzt das tun, was ich wohl von Anfang an hätte tun sollen: Auf meinen (wachsenden) Bauch hören. Nicht mehr im Internet recherchieren – weder nach gruseligen Krankheitsszenarien noch nach traumhaften After-Baby-Bodys von Beyoncé und Co. Nicht mehr die Schwangerschaft als Ausrede nutzen, um jeder Heißhungerattacke zu erliegen. Aber auch nicht streng Diät halten.

Und die Waage? Soll die doch von den Ärzten angeschaut werden. Wenn es Probleme gibt, werden sie sich schon melden.

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