Hals- und Beinbruch, altes Haus! – Berliner Kurier

Christian Neudecker rollt in seinem Rollstuhl über den Flur des Unfallkrankenhauses Berlin, grüßt links, plaudert rechts. Er kennt sich hier aus, kennt viele Pfleger und Ärzte persönlich. Neudecker war einer der ersten Patienten, als das Krankenhaus mit Berlins größter Rettungsstelle im September 1997 in Marzahn eröffnete.

Er hatte im Urlaub auf Kuba einen schweren Unfall. Im UKB wurde er mehrmals operiert, doch die Verletzung war zu schwer – jetzt ist er für den Rest seines Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen. Seinen Lebensmut hat er sich scheinbar nicht nehmen lassen, so fröhlich, wie er durch die Gänge rollt. Neudecker kommt regelmäßig zu Behandlungen nach Marzahn. „Ich war gerade beim Reiki. Das hilft mir sehr“.

Reha geht vor Rente

Die fernöstliche Heilmethode – es gibt sogar einen Reiki-Meister im Haus – ist nur eine von unzähligen Therapien im Angebot des UKB. An vorderster Stelle steht natürlich die Unfallchirurgie mit Spezialisierung auf Handchirurgie, die Behandlung von Verletzungen am Rückenmark, Verbrennungen inklusive plastischer Chirurgie sowie auf Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Dafür ist das Krankenhaus international bekannt. Reiche Scheichs lassen sich hier behandeln, Bundesminister, der mittellose Flüchtlingsjunge, der in einem Camp schwere Brandverletzungen erlitt oder die Reiterin, die sich bei einem Sturz mehrere Wirbel brach.

Das Prinzip des UKB ist immer dasselbe: Patienten sollen „gesund für die Arbeit“ werden. Über allem steht die Frage: Was braucht der Mensch, um fit zu werden? Schließlich bezahlen Arbeitgeber und Berufsgenossenschaften paritätisch die Behandlungen. Oft dauert eine Behandlung im UKB länger als anderswo, wenn etwa eine Rückkehr in den Beruf nicht möglich ist. Dann greift das Prinzip Reha geht vor Rente. 

Ein ganzes Haus mit Sporthalle und Schwimmhalle steht für die Rehabilitation zur Verfügung. Die Berufsgenossenschaft kümmert sich um eine Umschulung. Idealerweise wird ein Fensterbauer, der wegen eines Berufsunfalls seine Arbeit nicht mehr ausführen kann, zum Präventionsbeauftragten in seiner alten Firma.

Dabei war es kein kleines Risiko, als die gewerblichen Berufsgenossenschaften sich gleich nach dem Mauerfall für den Standort Marzahn entschieden. Hundert Jahre zuvor war dort die „Anstalt für Epileptische Wuhlgarten“ eröffnet worden. Nach 1933 begannen im Rahmen der NS-Aktionen „zur Gesunderhaltung des Volkskörpers“ Abtransporte von Patienten und Zwangssterilisationen. Ab 1940 ist die Tötung „lebensunwerten Lebens“ belegt.

Größter Arbeitgeber im Bezirk

Seit 1989 stehen die erhaltenen Gebäude unter Denkmalschutz. In das Backsteinensemble, das heute als Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus zum landeseigenen Vivantes-Konzern gehört, hinein wurde das UKB geklotzt, das Land Berlin übernahm die Co-Trägerschaft. Seit 2003 ist die Berufsgenossenschaft BG Klinikum alleinige Trägerin.

Skeptiker rümpften bei der Eröffnung die Nase – diese Geschichte, so weit draußen, und überhaupt: Marzahn! Die Kritiker sind verstummt, sogar die Nachbarn haben sich mit dem Hubschrauberlandeplatz arrangiert. Heute ist die Klinik mit 2000 Angestellten größter Arbeitgeber im Bezirk. Mit den Angestellten wurde am Freitag der Geburtstag gefeiert. Auch Christian Neudecker war eingeladen. Er gehört schließlich seit Beginn dazu.

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