Alternative Heilmethoden: Phytotherapie: Unerschöpfliche Schatztruhe der Natur – Stuttgarter Zeitung

Von Markus Brauer

Markus BrauerMarkus Brauer (mb)Profil

 28. Mai 2017 – 10:00 Uhr[1]

Alternative Heilmethoden liegen im Trend. Viele Patienten vertrauen auf die Kraft sanfter Medizin. In unserer Serie stellen wir Heilmethoden und Therapien der Welt vor.

Heilkraft aus der Natur: Purpurroter Scheinsonnenhut (Echinacea purpurearpurea). Foto: dpa Heilkraft aus der Natur: Purpurroter Scheinsonnenhut (Echinacea purpurearpurea). Foto: dpa

Stuttgart – Heilkräuterkunde ist der Inbegriff sanfter Medizin[2]. In Pflanzen verbirgt sich eine heilende Kraft, auf die Menschen seit Urzeiten vertrauen. Das entsprechende medizinische Wissen[3] wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Pflanzen bildeten die Ausgangsstoffe zur Herstellung von Arzneimitteln. Phytotherapie, die Behandlung und Vorbeugung von Erkrankungen mit Hilfe von Pflanzen, ist das älteste Heilverfahren, das schon im sechsten Jahrtausend v. Chr. angewandt wurde.

Aus- und ableitende Verfahren

Jahrtausende bevor Antibiotika, Schlaftabletten und Psychopharmaka erfunden wurden, hat man Krankheiten mit natürlichen Heilmitteln behandelt. wie der Aderlass, das Schröpfen und die Blutegeltherapie, Heilkräuterkunde und Badeheilkunde (Hydrotherapie) waren schon den alten Römern bekannt.

Der Arzt Claudius Galenos, der im zweiten Jahrhundert in Kleinasien lebte, prägte mit seiner Vier-Säfte-Lehre die abendländische Medizin. Was den Chinesen ihr Qui – die Lebensenergie – ist, ist den Europäern ihr Körpersaft: schwarze und gelbe Galle, Blut und Schleim.

Ihre Blütezeit erlebte die europäische Kräuterheilkunde im Mittelalter. In den Klöstern wurde das medizinische Wissen der Kelten, Griechen und Römer überliefert und praktiziert.

Empirisch begründete Behandlungsmethode

„Die Phytotherapie ist eine empirisch begründete Behandlungsmethode, die anders als die spirituell orientierte Traditionelle Chinesische Medizin und Ayurveda vor allem handwerklich arbeitet“, erklärt der Arzt und Naturheilkundler Wolfgang Sanwald, der eine Praxis in Liestal bei Basel betreibt.

Die ganzheitlich denkende Naturheilkunde greift vor allem auf Erkenntnisse zurück, die in den Klöstern überliefert wurden. Das Lorcher Arzneibuch von 790, das „De Viris herbarum“ Odo de Meungs (11. Jahrhundert) und vor allem die „Physica“, das naturheilkundliche Kompendium Hildegard von Bingens (12. Jahrhundert), prägten bis ins 19. Jahrhundert diese Form der Heilkunde.

Moderne Medizin ist ohne Phytotherapie nicht denkbar

Es ist eine wahre Schatztruhe, aus der traditionelle Mediziner schöpfen: Bei der Hydrotherapie etwa setzt man auf die heilende Kraft des Wassers. Durch Waschungen, Dampfanwendungen und Wickel wird das Kreislauf-, Nerven- und Immunsystem stimuliert. Durch Aderlass und Blutegeltherapie wird die Immunabwehr angeregt, entzündliche Prozesse werden bekämpft.

Bis zum Aufkommen synthetisch-chemischer Präparate gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Kräutermedizin das wichtigste Therapieverfahren, um Krankheiten zu behandeln. Heute kennt man mehr als 3000 Heilpflanzen, gut 500 von ihnen werden zur Herstellung von Arznei genutzt.

Eine Vielzahl der verschriebenen Arzneimittel basiert auf pflanzlichen Substanzen. Im Unterschied zu synthetisch hergestellten Medikamenten, die in der Regel nur einen Wirkstoff enthalten, liegt die Kraft der Kräuter in der Vielzahl ihrer Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, Bitterstoffe, Schleimstoffe, Flavonoide, Vitamine oder Mineralstoffe. Heilkräuter sind in Form von Tinkturen, Tabletten, Kapseln, Salben, Tees oder Badezusätzen erhältlich.

Selbstheilungskräfte des Körpers

Die Heilkraft der Kräuter liegt nicht in der separaten Verwendung einer Substanz, sondern im Synergieeffekt und in der Kombination einzelner Wirkstoffe begründet. Ziel der Phytotherapie ist die Wiederherstellung und Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Körpers. Deshalb werden die Mittel individuell auf den Gesundheitszustand und die Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten.

Kamille und Arnika beispielsweise hemmen mit ihren ätherischen Ölen Entzündungen, Fenchel und Kümmel sind blähungstreibend und regulieren die Magen-Darm-Funktion. Teebaum und Ringelblume sind antimykotisch und eignen sich zur Behandlung von Wunden, Verbrennungen und Pilzinfektionen.

Fenchel, Thymian und Melisse galten schon im Mittelalter als Mittel gegen Verdauungsbeschwerden. Das Kernöl der Johannisbeere enthält Gamma-Linolensäure, ein Stoffwechselprodukt, das Menschen mit Neurodermitis fehlt. Baldrian und Johanniskraut lindern Unruhezustände und Depression.

„Die Naturheilkunde“, sagt der 52-jährige Sanwald, „ist eine Komplementär-Medizin. Sie ergänzt die Schulmedizin, die auch nicht auf alles eine Antwort weiß.“

Hilfe bei chronischen Beschwerden

Hauptanwendungsgebiete von Heilpflanzen sind chronische Beschwerden wie Migräne, Arthritis und Allergien. Akute und schwere Erkrankungen müssen schulmedizinisch behandelt werden. Pflanzliche Heilmittel liegen im Trend, auch weil sie gegenüber konventionellen Medikamenten weit weniger Nebenwirkungen haben. Allerdings dauert es wesentlich länger, bis sie wirken.

Fazit: Mehr als nur Placebos

Die chemische Keule ist zwar noch immer erste Wahl, wenn die Ärzte Medikamente verordnen. Doch nach einem langen Dornröschenschlaf erlebt die traditionelle Medizin eine Renaissance; Heilschriften kommen wieder auf den Tisch, Pharmakonzerne sehen in natürlichen Ressourcen einen Markt.

Kritiker sehen in Phytopharmaka nur Placebos, deren Wirkung mehr auf einem psychologischen Effekt als auf nachprüfbaren Fakten beruht. Oft werde mehr versprochen, als der Hersteller halten kann. Tatsächlich ist das komplexe Wechselspiel der Wirkstoffe bisher nur unvollständig erforscht.

Nur wenige Arzneipflanzen sind so gut untersucht wie die Weidenrinde, aus der Salicin isoliert wird (Grundstoff von Aspirin), oder das Digitoxin des Fingerhuts, aus dem ein Herzmedikament gewonnen wird.

Fußnoten:

  1. ^ Markus Brauer (www.stuttgarter-zeitung.de)
  2. ^ Medizin (www.stuttgarter-zeitung.de)
  3. ^ Wissen (www.stuttgarter-zeitung.de)
  4. ^ <a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.alternative-heilmethoden-ayurveda-harmonielehre-aus-dem-alten-indien.7666ee7d-738d-4b12-b986-26fc448ab5b8.html&quot; rel="nofollow" title="Harmonielehre aus dem alten Indien" class="data" data-tags="" data-imagecount="1" data-videocount="0" data-commentcount="0" data-paidcontent="“ data-lt=““ name=“readabilityFootnoteLink-4″>Harmonielehre aus dem alten Indien (www.stuttgarter-zeitung.de)
  5. ^ Computer (www.stuttgarter-zeitung.de)
  6. ^ Wissen (www.stuttgarter-zeitung.de)
  7. ^ Medizin (www.stuttgarter-zeitung.de)
  8. ^ Serie (www.stuttgarter-zeitung.de)
  9. ^ zur Homepage (www.stuttgarter-zeitung.de)

Alternative Heilmethoden: Alexander-Technik: Entlastung für Rückengeplagte – Stuttgarter Nachrichten

Von Markus Brauer 21. Mai 2017 – 10:00 Uhr

Kerin Black, Alexander-Technik-Lehrerin aus Stuttgart. Foto: StN/privatKerin Black, Alexander-Technik-Lehrerin aus Stuttgart.Foto: StN/privat

Alternative Heilmethoden liegen im Trend. Viele Patienten vertrauen auf die Kraft sanfter Medizin. In unserer Serie stellen wir Heilmethoden und Therapien der Welt vor.

Stuttgart – Den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, in immer der gleichen Haltung, ohne aufzustehen geschweige denn herumzulaufen – das macht krank. Die Muskeln verspannen sich, Nacken und Schulter werden steif, der Rücken rebelliert. Stressgeplagten Büromenschen und Vielarbeitern verspricht hier die Alexander-Technik[1] Hilfe.

Diese Form der Körpertherapie[2] soll dazu befähigen, Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten zu beobachten, zu analysieren und körperlich schädliche Verhaltensmuster zu durchbrechen. Sie sollen durch bewusstere und natürlichere Bewegungen ersetzt werden, um so das physische und psychische Gleichgewicht wiederherzustellen.

Der Begründer: Frederick Matthias Alexander

Benannt ist die Methode nach dem australischen Schauspieler Frederick Matthias Alexander (1869-1955). Als ihm immer öfter die Stimme versagte, begann er genauer auf seine Atmung zu achten. Dabei stellte er fest, dass Verspannungen ihn daran hinderten, beim Rezitieren frei zu atmen.

Alexander entwickelte daraufhin eine Entspannungsmethode, die er ab 1931 auch anderen Personen lehrte. Heute ist die Alexander-Technik weltweit verbreitet und fester Unterrichtsbestandteil in Schauspielschulen.

Optimierte Koordination von Gefühl und Bewegung

Die Alexander-Technik[3] ist eine ganzheitliche Therapie, die davon ausgeht, dass alle geistigen, körperlichen und seelischen Prozesse im Organismus untrennbar miteinander verbunden sind. Stress und Fehlhaltungen beeinträchtigen das Gleichgewicht von Körper und Seele.

Durch spezielle Übungen soll eine elastische, aufrechte Körperhaltung erlernt werden. Alexander-Lehrer leiten ihre Schüler an, die Bewegungsabläufe zu korrigieren, um den ganzen Körper frei und ungehindert zu mobiliseren. Die Schüler sollen im Laufe der Therapie ihre Körperhaltung und Bewegungsabläufe immer bewusster wahrnehmen. Ziel ist eine optimierte Koordination von Gefühl und Bewegung.

In erster Linie wird nicht die verspannte Muskulatur behandelt, sondern die falsche Haltung, welche die Verspannungen und Beschwerden verursacht. Deshalb sind die Übungen im Rahmen der Alexander-Technik in der Regel auch nicht sofort wirksam.

Rolfing und Feldenkrais

Wie andere Körpertherapien will die Alexander-Technik[4] psychosomatische Beschwerden bewältigen und aufarbeiten. Zu diesen Therapien gehören etwa Rolfing und die Feldenkrais-Methode. Rolfing ist eine manuelle Behandlungsmethode, in der eine Körperarbeit und Haltungskorrektur mit einer Massage des Bindegewebes kombiniert werden.

Die Feldenkrais-Methode stellt eine körperorientierte Lernmethode dar, durch die Verhaltensmuster erkannt und mit Hilfe von umfangreichen Bewegungsanleitungen verändert werden sollen.

Die Alexander-Technik wird vor allem angewandt bei Muskelverspannungen und Gelenkschmerzen sowie bei allen Beschwerden, die durch Stress verursacht werden – wie Schulterschmerzen, Migräne, Magen- und Darmbeschwerden sowie Rückenbeschwerden.

Fazit: Subtile Wirkung

Die Alexander-Technik wirkt subtil, ohne dass man sich bei den Übungen körperlich groß anstrengen müsste. Sie verhelfe zu einem besseren Körpergefühl und einem besseren Umgang mit sich selbst, heißt es lobend bei der AOK[5]. Allerdings sind die Übungen nicht dazu geeignet, sie in kurzer Zeit sich selbst anzueignen.

Wer die Technik unter Anleitung eines Alexander-Lehrers erlernen möchte, wird in Baden-Württemberg und speziell in Stuttgart schnell fündig. Ganz preiswert ist diese komplementärmedizinische Therapie allerdings nicht. Die Krankenkassen übernehmen keine Kosten, da die Alexander-Technik laut AOK „eher als ein Element der persönlichen Lebensgestaltung gilt“.

Fußnoten:

  1. ^ Alexander-Technik (www.alexander-technik.org)
  2. ^ Form der Körpertherapie (www.stuttgarter-nachrichten.de)
  3. ^ Alexander-Technik (www.stuttgarter-nachrichten.de)
  4. ^ Alexander-Technik (alexander-technik.net)
  5. ^ AOK (portale.aok.de)

Alternative Heilmethoden: Alexander-Technik: Entlastung für Rückengeplagte – Stuttgarter Zeitung

Von Markus Brauer

Markus BrauerMarkus Brauer (mb)Profil

 21. Mai 2017 – 10:00 Uhr[1]

Alternative Heilmethoden liegen im Trend. Viele Patienten vertrauen auf die Kraft sanfter Medizin. In unserer Serie stellen wir Heilmethoden und Therapien der Welt vor.

Kerin Black, Alexander-Technik-Lehrerin aus Stuttgart. Foto: StN/privatKerin Black, Alexander-Technik-Lehrerin aus Stuttgart. Foto: StN/privat

Stuttgart – Den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, in immer der gleichen Haltung, ohne aufzustehen geschweige denn herumzulaufen – das macht krank. Die Muskeln verspannen sich, Nacken und Schulter werden steif, der Rücken rebelliert. Stressgeplagten Büromenschen und Vielarbeitern verspricht hier die Alexander-Technik[2] Hilfe.

Diese Form der Körpertherapie[4] soll dazu befähigen, Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten zu beobachten, zu analysieren und körperlich schädliche Verhaltensmuster zu durchbrechen. Sie sollen durch bewusstere und natürlichere Bewegungen ersetzt werden, um so das physische und psychische Gleichgewicht wiederherzustellen.

Der Begründer: Frederick Matthias Alexander

Benannt ist die Methode nach dem australischen Schauspieler Frederick Matthias Alexander (1869-1955). Als ihm immer öfter die Stimme versagte, begann er genauer auf seine Atmung zu achten. Dabei stellte er fest, dass Verspannungen ihn daran hinderten, beim Rezitieren frei zu atmen.

Alexander entwickelte daraufhin eine Entspannungsmethode, die er ab 1931 auch anderen Personen lehrte. Heute ist die Alexander-Technik weltweit verbreitet und fester Unterrichtsbestandteil in Schauspielschulen.

Optimierte Koordination von Gefühl und Bewegung

Die Alexander-Technik[5] ist eine ganzheitliche Therapie, die davon ausgeht, dass alle geistigen, körperlichen und seelischen Prozesse im Organismus untrennbar miteinander verbunden sind. Stress und Fehlhaltungen beeinträchtigen das Gleichgewicht von Körper und Seele.

Durch spezielle Übungen soll eine elastische, aufrechte Körperhaltung erlernt werden. Alexander-Lehrer leiten ihre Schüler an, die Bewegungsabläufe zu korrigieren, um den ganzen Körper frei und ungehindert zu mobiliseren. Die Schüler sollen im Laufe der Therapie ihre Körperhaltung und Bewegungsabläufe immer bewusster wahrnehmen. Ziel ist eine optimierte Koordination von Gefühl und Bewegung.

In erster Linie wird nicht die verspannte Muskulatur behandelt, sondern die falsche Haltung, welche die Verspannungen und Beschwerden verursacht. Deshalb sind die Übungen im Rahmen der Alexander-Technik in der Regel auch nicht sofort wirksam.

Rolfing und Feldenkrais

Wie andere Körpertherapien will die Alexander-Technik[6] psychosomatische Beschwerden bewältigen und aufarbeiten. Zu diesen Therapien gehören etwa Rolfing und die Feldenkrais-Methode. Rolfing ist eine manuelle Behandlungsmethode, in der eine Körperarbeit und Haltungskorrektur mit einer Massage des Bindegewebes kombiniert werden.

Die Feldenkrais-Methode stellt eine körperorientierte Lernmethode dar, durch die Verhaltensmuster erkannt und mit Hilfe von umfangreichen Bewegungsanleitungen verändert werden sollen.

Die Alexander-Technik wird vor allem angewandt bei Muskelverspannungen und Gelenkschmerzen sowie bei allen Beschwerden, die durch Stress verursacht werden – wie Schulterschmerzen, Migräne, Magen- und Darmbeschwerden sowie Rückenbeschwerden.

Fazit: Subtile Wirkung

Die Alexander-Technik wirkt subtil, ohne dass man sich bei den Übungen körperlich groß anstrengen müsste. Sie verhelfe zu einem besseren Körpergefühl und einem besseren Umgang mit sich selbst, heißt es lobend bei der AOK[7]. Allerdings sind die Übungen nicht dazu geeignet, sie in kurzer Zeit sich selbst anzueignen.

Wer die Technik unter Anleitung eines Alexander-Lehrers erlernen möchte, wird in Baden-Württemberg und speziell in Stuttgart schnell fündig. Ganz preiswert ist diese komplementärmedizinische Therapie allerdings nicht. Die Krankenkassen übernehmen keine Kosten, da die Alexander-Technik laut AOK „eher als ein Element der persönlichen Lebensgestaltung gilt“.

Fußnoten:

  1. ^ Markus Brauer (www.stuttgarter-zeitung.de)
  2. ^ Alexander-Technik (www.alexander-technik.org)
  3. ^ Nach drei Stunden klappt der Affe (www.stuttgarter-zeitung.de)
  4. ^ Form der Körpertherapie (www.stuttgarter-zeitung.de)
  5. ^ Alexander-Technik (www.stuttgarter-zeitung.de)
  6. ^ Alexander-Technik (alexander-technik.net)
  7. ^ AOK (portale.aok.de)
  8. ^ Computer (www.stuttgarter-zeitung.de)
  9. ^ Wissen (www.stuttgarter-zeitung.de)
  10. ^ Medizin (www.stuttgarter-zeitung.de)
  11. ^ Serie (www.stuttgarter-zeitung.de)
  12. ^ zur Homepage (www.stuttgarter-zeitung.de)

Vagusnervstimulation: Die elektrische Heilmethode – Spektrum der Wissenschaft

Sechsmal am Tag stoppt Katrin alles, was sie gerade macht, zieht einen kleinen Magneten aus ihrer Tasche und berührt damit eine sanfte Wölbung ihrer Haut direkt unterhalb des Schlüsselbeins. Nun spürt sie eine Minute lang ein sanftes Vibrieren in der Kehle, und ihre Stimme zittert beim Sprechen, bis das Gefühl allmählich nachlässt. Der Magnet schaltet ein in Katrins Körper implantiertes Gerät ein, das eine Serie elektrischer Impulse aussendet. Jeder dieser Elektroschocks von etwa einem Milliampere entspricht in etwa der Stromstärke, die ein Hörgerät benötigt. Die elektrischen Reize stimulieren Katrins Vagusnerv, einen Strang aus Nervenfasern, der vom Hirnstamm ausgehend den Hals hinab verläuft und eine Reihe wichtiger Organe wie etwa Herz und Darm innerviert.

Seit den 1990er Jahren wird diese Technik, die so genannte Vagusnervstimulation, zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, und mit Beginn des neuen Jahrtausends hat man zudem begonnen, mit ihrer Hilfe Depressionen zu therapieren. Die 70-jährige Fitnesstrainerin Katrin aus Amsterdam (ihr Name wurde auf eigenen Wunsch für diesen Bericht geändert) hingegen nutzt das Verfahren, um ihre rheumatoide Arthritis in Schach zu halten, eine Autoimmunerkrankung, die mit der fortschreitenden Zerstörung der Knorpelsubstanz, die Gelenke und andere Gewebe umgibt, einhergeht. Seit fünf Jahren nimmt die Niederländerin an einer klinischen Studie teil – der ersten ihrer Art an menschlichen Patienten. Sie ist der Kulminationspunkt von zwei Jahrzehnten Forschungsarbeit, in denen Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Nerven- und Immunsystem näher zu ergründen versuchten.

Ein zentrales Element dieser Verbindung ist der Vagusnerv, meint der Neurochirurg Kevin Tracey vom Feinstein Institute for Medical Research in Manhasset, New York, und daher sei die Elektrostimulation vielleicht eine wirksamere Alternative, um Autoimmunerkrankungen wie etwa Lupus, Morbus Crohn und andere zu behandeln. Einige Pharmaunternehmen investieren bereits in die Entwicklung so genannter Electroceuticals – Geräte zur Modulation von Nerven –, um mit ihrer Hilfe Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen zu therapieren. Das Eindämmen von Entzündungen unter Verwendung solcher Apparate, wie Tracey es sich zum Ziel gesetzt hat, würde allerdings einen gewaltigen Sprung nach vorn bedeuten. Wenn es denn klappt.

Kevin Tracey ist ein Pionier, der „sich viele Leute ins Boot geholt hat, um auf diesem Gebiet zu forschen“, erklärt Dianne Lorton, Neurowissenschaftlerin an der Kent State University in Ohio, die sich bereits seit 30 Jahren mit der Untersuchung jener Nerven beschäftigt, die Organe des Immunsystems wie etwa Lymphknoten und Milz versorgen. Zusammen mit anderen Experten mahnt die Forscherin jedoch zur Vorsicht. Denn das Wissen um die neuronalen Schaltkreise, die den entzündungshemmenden Effekten zu Grunde liegen, ist bislang noch äußerst unzureichend.

Auch wenn Tracey diese Kritik akzeptiert, sieht er in der Elektrostimulation ein gewaltiges Potenzial. „Noch zu unseren Lebzeiten wird man einige Medikamente durch Apparate ersetzen“, sagt der Neurochirurg. Zahlreiche Erkrankungen, von Diabetes bis hin zu Bluthochdruck und Blutungen, könnten durch eine Reizung des Vagusnervs oder anderer peripherer Nerven mit Hilfe schwacher Elektroschocks therapiert werden, fügt Tracey hinzu. „Dies ist der Beginn eines ganz eigenen Forschungs- und Anwendungsbereichs.“

Schockwirkung

Seine ersten Erfahrungen auf dem Gebiet der neuronalen Immunität verdankt Tracey mehr oder weniger dem Zufall. Im Jahr 1998 führte der Mediziner Untersuchungen im Zusammenhang mit dem experimentellen Medikament „CNI-1493“ durch, das im Tierversuch eine Eindämmung entzündlicher Reaktionen bewirkte, indem es die Konzentrationen eines starken Immunproteins namens Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-alpha) verringerte. Normalerweise wurde CNI-1493 über die Blutbahn verabreicht, doch eines Tages beschloss der Neurochirurg, den Wirkstoff direkt in das Gehirn einer Ratte zu injizieren. Er wollte testen, ob das Medikament den TNF-alpha-Spiegel im Gehirn während eines Schlaganfalls senken konnte. Was daraufhin passierte, war allerdings eine ziemliche Überraschung: Das injizierte CNI-1493 führte nämlich nicht nur im Gehirn zu einer verringerten TNF-alpha-Produktion, sondern im gesamten Körper des Tiers. Weitere Experimente konnten zeigen[1], dass dieser Effekt etwa 100 000-mal stärker war als nach einer direkten Injektion des Wirkstoffs in die Blutbahn. Tracey schloss daraus, dass das Medikament in irgendeiner Weise auf die neuronale Signalübertragung wirkt.

Die Folgeexperimente des Neurochirurgen untermauerten diese Theorie[2]. Bereits wenige Minuten nach Injektion von CNI-1493 in das Gehirn einer Ratte konnte der Arzt am Vagusnerv des Tiers einen sprunghaften Anstieg der Aktivität nachweisen, der sich im Folgenden wellenartig über die Nervenfaser ausbreitete. Der Vagusnerv, eine Art Nervenautobahn, dient der Regulation einer Reihe unbewusst ablaufender Körpervorgänge, wie beispielsweise des Herzschlags, der Atmung und jener Muskelkontraktionen, die die Nahrung durch den Darm befördern. Auf Grund seiner Untersuchungen kam Tracey zu dem Schluss, der Nerv könne zudem eine Rolle bei der Kontrolle von Entzündungsreaktionen spielen. Als er den Vagusnerv experimentell durchtrennte und die starke Wirkung von CNI-1493 schlagartig nachließ, war er von der Richtigkeit seiner Annahme überzeugt. „Das war der entscheidende Nachweis“, erläutert Tracey, denn das Ergebnis bedeutete, dass eine Stimulierung des Vagusnervs die Medikamentengabe praktisch überflüssig machte.

Diese Erkenntnisse veranlassten ihn zur Durchführung eines Schlüsselexperiments[3]. Er injizierte einer Ratte eine Überdosis Endotoxin – ein Bestandteil bakterieller Zellwände, der bei Tieren eine tödliche Spirale aus Entzündungsreaktionen und Organversagen auslöst; die Wirkungen sind in etwa mit denen des septischen Schocks beim Menschen vergleichbar. Im Anschluss an die Injektion stimulierte Tracey den Vagusnerv der Ratte mit einer Elektrode. Die auf diese Weise behandelten Tiere wiesen in ihrem Blut nur ein Viertel der TNF-alpha-Konzentrationen auf, die bei Vergleichstieren ohne elektrische Reizung des Vagusnervs gemessen werden konnten; zudem kam es bei ihnen nicht zu einer septischen Schockreaktion.

Der Forscher erkannte sofort das medizinische Potenzial der Vagusnervstimulation als eine Möglichkeit, den starken Anstieg der Produktion von TNF-alpha und anderen inflammatorischen Molekülen während einer Entzündungsreaktion zu blockieren. Viele Hersteller medizinischer Geräte hatten bereits implantierbare Elektrostimulatoren auf den Markt gebracht, die bei der Behandlung von Epilepsie zum Einsatz kamen. Doch um diese Technik auch auf entzündliche Erkrankungen auszuweiten, müsste der Neurochirurg die potenzielle Funktionsweise des Verfahrens genauer darstellen, einschließlich möglicher Nebenwirkungen.

„Noch zu unseren Lebzeiten wird man einige Medikamente durch Apparate ersetzen“
Kevin Tracey

Innerhalb der folgenden 15 Jahre führte das Team um Tracey zahlreiche Tierexperimente durch, um herauszufinden, wo und wie die Vagusnervstimulation ihre Wirkung entfaltete. Die Wissenschaftler durchtrennten etwa den Vagusnerv[4] an unterschiedlichen Stellen, oder sie probierten Medikamente aus[5], die bestimmte Neurotransmitter ganz gezielt blockieren. Die Ergebnisse all dieser Untersuchungen deuteten darauf hin, dass die elektrische Reizung des Vagusnervs ein Signal erzeugt, das entlang der Nervenfaser in den Bauchraum geleitet wird und von dort aus über einen zweiten Nerv in die Milz gelangt.

Die Milz ist ein Organ, das als eine Art Autobahnraststätte fungiert: Im Blut zirkulierende Immunzellen „parken“ dort in regelmäßigen Abständen, bevor sie wieder in die Blutbahn zurückkehren. Traceys Arbeitsgruppe fand heraus[6], dass der die Milz innervierende Nerv Noradrenalin freisetzt, einen Neurotransmitter, der wiederum direkt mit weißen Blutkörperchen in der Milz, den so genannten T-Zellen, kommuniziert. Die Verbindungen zwischen Nerven- und T-Zellen zeigen starke Ähnlichkeiten mit den Synapsen, die zwei Nervenzellen miteinander verknüpfen; die T-Zellen verhielten sich also fast wie Neurone, äußert Tracey.

Stimulierte T-Zellen geben Azetylcholin ab, einen weiteren neuronalen Botenstoff, der an Makrophagen in der Milz bindet – jene Immunzellen, die unter normalen Umständen TNF-alpha in die Blutbahn ausschütten, zum Beispiel als Reaktion auf die Aufnahme von Endotoxin. Das von den aktivierten T-Zellen gebildete Azetylcholin bewirkt nun allerdings, dass die Produktion des inflammatorischen Proteins TNF-alpha in Makrophagen unterbunden wird.

Ein Schock für das Immunsystem
© Nature; Fox, D.: The electric cure. In: Nature 545, S. 20-22, 2017; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft
(Ausschnitt)

 Bild vergrößernEin Schock für das Immunsystem[7]

Der Vagusnerv, der den Hirnstamm mit verschiedenen Organsystemen des Körpers verknüpft, tritt der Theorie zufolge auch mit einem Nerv des Sympathikus in Kontakt, der in die Milz führt. Über diese Verbindung, so vermuten einige Wissenschaftler, könnte man Entzündungsreaktionen durch die Technik der „Vagusnervstimulation“ abschwächen.

Traceys Untersuchungsergebnisse trugen dazu bei, einer bereits seit Jahrzehnten andauernden Forschung neue Bedeutung zu verleihen. In den 1980er und 1990er Jahren hatte der Neuroanatom David Felten, der damals an der University of Rochester in New York tätig war, mikroskopische Bilder „gemischter“ Synapsen aus Nerven- und T-Zellen bei verschiedenen Tierarten aufgenommen[8]; nicht nur in der Milz, wo sie Tracey entdeckt hatte, sondern auch in Lymphknoten, Thymus und Darm. Die Neurone gehören zum so genannten sympathischen Nervensystem, das unter anderem für die Regulierung von Körperreaktionen auf bestimmte Stressfaktoren verantwortlich ist. Übereinstimmend mit Traceys Befunden in der Milz beobachtete auch Felten, dass jene Nervenzellen des Sympathikus ihre jeweiligen T-Zell-Partner durch Sekretion von Noradrenalin stimulieren – und dass diese Aktivierung häufig der Abschwächung einer Entzündungsreaktion dient.

2014 veröffentlichte die Neuroimmunologin Akiko Nakai von der Universität Osaka in Japan Untersuchungsergebnisse[9], denen zufolge eine durch das sympathische Nervensystem vermittelte Stimulation von T-Zellen diese daran hinderte, aus den Lymphknoten in die Blutbahn überzugehen und dadurch womöglich in anderen Bereichen des Körpers Entzündungsreaktionen in Gang zu setzen. Bei einer Vielzahl von Autoimmunkrankheiten ist diese Art der neuronalen Signalübertragung allerdings stark beeinträchtigt.

In diesem Zusammenhang fanden Dianne Lorton und ihre Zwillingsschwester Denise Bellinger von der Loma Linda University in Kalifornien im Rahmen ihrer experimentellen Untersuchungen von Autoimmunerkrankungen im Tiermodell heraus[10], dass bei Ratten die Nervenbahnen des Sympathikus modifiziert werden; Ähnliches lässt sich auch beim Menschen beobachten. Die übermäßige Freisetzung von Noradrenalin verursacht eine Schädigung der sympathischen Nerven[11]. Daraufhin ziehen sich diese Neurone von Immunzellen zurück, deren Wirkung sie eigentlich abschwächen sollten.

Mit dem weiteren Fortschreiten der Autoimmunerkrankung dringen die Nerven dann wieder in die Gewebe vor, die sie zunächst verlassen haben – allerdings auf anormale Art und Weise, denn die Neurone gehen nun Verbindungen mit anderen Untergruppen von Immunzellen ein. Und anstatt wie bisher Entzündungen abzuschwächen, bewirken die neu arrangierten Nervenleitungen sogar eine weitere Aufrechterhaltung der entzündlichen Prozesse. Diese Vorgänge spielten sich etwa in der Milz, den Lymphknoten und den Gelenken ab, wo sie eine Vielzahl pathologischer Veränderungen verursachten, macht Bellinger deutlich.

Allerdings stehen Lorton, Bellinger und andere Traceys Schilderung des vermeintlichen Signalwegs, auf dem eine Stimulierung des Vagusnervs zu einer verminderten Entzündungsreaktion führen soll, skeptisch gegenüber. Auch die Suche des Neurowissenschaftlers Robin McAllen von der University of Melbourne in Australien nach Verbindungen zwischen dem Vagusnerv und jenem Nervenstrang, der für die Stimulation von T-Zellen in der Milz verantwortlich ist, blieb bislang erfolglos.

Vagale Stimulation „wirkt auf indirekte Weise“ durch andere Nerven, erklärt Bellinger. Daher sei es wichtig, den Verlauf der neuronalen Schaltkreise zunächst gründlich zu untersuchen, bevor man zur Behandlung von Patienten übergehe, fügt die Forscherin hinzu. „Im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen spielt die Anatomie nämlich eine entscheidende Rolle.“

Doch die Skeptiker erkennen auch das Potenzial, das in Traceys Methoden steckt. Bellinger macht insbesondere deutlich, dass bei einer Vielzahl von Autoimmunerkrankungen nicht nur die Nerven des Sympathikus überaktiv werden, indem sie sich zu entzündungsfördernden Schaltkreisen umgruppieren; auch ihr parasympathischer Gegenspieler, der Vagusnerv, verändert sich und weist eine zunehmend verringerte Aktivität auf. Mit Hilfe der Vagusnervstimulation könnte möglicherweise das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Komponenten des vegetativen Nervensystems zum Teil wiederhergestellt werden. „Es ist ein erster Schritt“, glaubt Bellinger. „Ich denke schon, dass die Methode zur praktischen Anwendung in Kliniken kommt und dort beachtliche Wirkungen zeigen wird.“

Erste Versuche in der klinischen Praxis

Die Therapie von Krampfanfällen oder Depression mit Hilfe der Vagusnervstimulation geht häufig mit gewissen Nebenwirkungen einher. Die Patienten verspüren zum Beispiel Schmerzen und eine Enge im Kehlkopf oder haben das Gefühl, sich beim Sprechen sehr anstrengen zu müssen. Bei Katrin treten diese Phänomene in abgeschwächter Form auf. Zudem kann eine elektrische Reizung des Vagusnervs zu einer Verringerung der Herzschlagfrequenz oder einer gesteigerten Produktion von Magensäure führen.

In dieser Hinsicht hat Tracey jedoch allen Grund, optimistisch zu sein. Der menschliche Vagusnerv besteht aus rund 100 000 einzelnen Nervenfasern, die sich bei der Innervation der diversen Organe stark verzweigen. Die zum Auslösen der neuronalen Aktivität erforderliche Elektrizität ist jedoch von Faser zu Faser sehr unterschiedlich und kann in ihrer Stärke sogar um das 50-Fache variieren.

Yaakov Levine, ein ehemaliger Doktorand aus Traceys Arbeitsgruppe, fand heraus, dass jene Nervenfasern, die an der Verringerung von Entzündungen beteiligt sind, eine niedrige Reizschwelle aufweisen. Nur 250 millionstel Ampere sind zu ihrer Aktivierung nötig. Das entspricht etwa einem Achtel der üblicherweise zur Unterdrückung von Krampfanfällen eingesetzten Strommenge. Und im Gegensatz zu Epilepsiepatienten, bei denen pro Tag eine Stimulierung von bis zu mehreren Stunden erforderlich sein kann, weisen Tierexperimente darauf hin, dass bei entzündlichen Erkrankungen bereits ein einzelner, kurzer Elektroschock ausreicht[12], um die Entzündungsreaktion über einen längeren Zeitraum unter Kontrolle zu halten. Unter der Wirkung von Azetylcholin könnten Makrophagen bis zu 24 Stunden lang kein TNF-alpha mehr produzieren, verdeutlicht Levine, der mittlerweile bei SetPoint Medical in Manhasset beschäftigt ist, einem Unternehmen, das zum Zweck der Entwicklung und Vermarktung der Vagusnervstimulation als medizinische Behandlung gegründet wurde.

Im Jahr 2011 war Tracey so weit, sein Verfahren an Menschen zu erproben – nach Tierversuchen, den durch Levine optimierten Bedingungen für die elektrische Stimulation und Finanzspritzen von SetPoint. Die Leitung der ersten klinischen Studie übernahm Paul-Peter Tak, Rheumatologe an der Universität Amsterdam. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren wurden 18 Patienten mit rheumatoider Arthritis Elektrostimulatoren implantiert, darunter auch Katrin.

Wie elf weitere Teilnehmer berichtete sie bereits nach sechswöchiger Therapie von einer deutlichen Besserung ihrer Symptome. Laboruntersuchungen zeigten zudem, dass sich die Konzentrationen inflammatorischer Moleküle, wie beispielsweise TNF-alpha und Interleukin-6, im Blut der Patienten verringert hatten. Wurden die Stimulatoren 14 Tage lang ausgeschaltet, verschwanden auch diese positiven Effekte, sie kehrten jedoch nach Wiederaufnahme der Behandlung zurück.

Katrin, die den Stimulator seit der klinischen Erprobung kontinuierlich verwendet, erhält immer noch wöchentliche Injektionen des Antirheumatikums Methotrexat sowie eine tägliche Dosis des entzündungshemmenden Medikaments Diclofenac. Dank der Elektrostimulationstherapie muss sie jedoch keine hoch dosierten, immunsuppressiv wirkende Steroide mehr einnehmen, und der Zustand ihrer Gelenke hat sich sogar so weit gebessert, dass sie wieder ihrer Arbeit nachgehen kann. Im Juli 2016 wurden die Ergebnisse dieser klinischen Studie im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht.[13]

Etwa zur gleichen Zeit publizierte eine andere Forschergruppe die Resultate einer weiteren klinischen Erprobung[14] der Vagusnervstimulation. Bruno Bonaz, Gastroenterologe am Centre hospitalier universitaire de Grenoble in Frankreich hatte sieben Patienten, die an Morbus Crohn litten, elektrische Stimulatoren implantiert. Während der sechsmonatigen nachfolgenden Behandlung beobachteten fünf Personen eine Verringerung ihrer Symptome, und endoskopische Untersuchungen ihres Verdauungstrakts zeigten zudem deutlich weniger Gewebeschäden. Auch die Firma SetPoint führt gerade eine eigene klinische Studie durch, in deren Rahmen die Vagusnervstimulation zur Therapie von Morbus-Crohn-Patienten erprobt wird.

Tracey und Bonaz sind nicht die einzigen Wissenschaftler, die auf neuronale Schaltkreise zur Behandlung von Entzündungen setzen. Raul Coimbra, Unfallchirurg an der University of California in San Diego, forscht gerade an einer Möglichkeit, jene Verfahren zur Behandlung des septischen Schocks einzusetzen – eines Phänomens, von dem jährlich hunderttausende Menschen betroffen sind. Ein tödlicher Ausgang der Erkrankung wird dabei oft durch einen einzelnen Auslöser eingeleitet, wonach dann kaum noch eine Rettung möglich ist: Eine plötzliche Zerstörung der Darmschleimhaut sorgt dafür, dass Bakterien in den Körper gelangen und dort organschädigende Entzündungsrektionen auslösen, unter anderem in Lunge und Nieren.

Ähnlich wie Tracey ist es Coimbra in Tierexperimenten gelungen, der tödlichen Kettenreaktion beim septischen Schock durch Stimulierung des Vagusnervs entgegenzusteuern; Letztere wurde entweder durch Elektrostimulation[15] oder durch Verabreichung eines experimentellen Medikaments namens CPSI-121 erreicht[16]. Jetzt hofft der Unfallchirurg, dass seine Untersuchungen in einer klinischen Studie münden. Allerdings haben seine Forschungsarbeiten auch eine weitere große Herausforderung aufgedeckt, die es im Zusammenhang mit der Vagusnervstimulation zu meistern gilt: Anders als Ratten scheinen nämlich manche Menschen auf diese Technik nicht anzusprechen.

Innerhalb des menschlichen Genoms kodieren einige Gene für ein zusätzliches, nicht funktionelles Azetylcholin-Rezeptorprotein, das bei Tieren nicht zu finden ist. Todd Costantini, ein Mitarbeiter Coimbras, der ebenfalls an der University of California in San Diego forscht, fand heraus, dass eine ausreichende Produktion dieses anormalen Rezeptors die Signalübertragung stören kann und Makrophagen unempfänglich für Azetylcholin werden lässt. In einem solchen Fall kann es trotz vagaler Stimulation zu einer unverminderten TNF-alpha-Freisetzung durch die Immunzellen kommen[17]. Beim Menschen variiere die produzierte Menge des Proteins um den Faktor 200, erörtert Costantini. Der Wissenschaftler möchte jetzt im direkten Versuch an ausgewählten Personen testen, ob hohe Konzentrationen des nicht funktionellen Azetylcholinrezeptors tatsächlich die entzündungshemmenden Effekte der Vagusnervstimulation blockieren, denn anekdotische Nachweise deuten darauf hin, dass dies eventuell der Fall sein könnte.

Die bisher in kleinem Rahmen durchgeführten klinischen Studien haben gezeigt, dass einige Patienten tatsächlich nicht auf die Stimulation ihres Vagusnervs ansprachen. Ein der Implantation vorausgehender Test könnte daher wichtige Hinweise liefern, welche Personen tatsächlich von der anschließenden Elektrotherapie profitieren werden.

Trotz all dieser Unwägbarkeiten erfährt der Bereich der Electroceuticals gerade einen Aufschwung. Im Oktober 2016 kündigte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde NIH an, im Rahmen eines Forschungsprogramms zur Behandlung von Erkrankungen durch Stimulierung des peripheren Nervensystems (Stimulating Peripheral Activity to Relieve Conditions, kurz SPARC) Finanzmittel in Höhe von 238 Millionen US-Dollar (etwa 218 Millionen Euro) bis zum Jahr 2021 bereitzustellen. Mit diesem Geld sollen Forschungstätigkeiten gefördert werden, die die neuronalen Schaltpläne von Brust- und Bauchhöhle auf den neuesten Stand bringen.

Auch der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline signalisiert Interesse. Das Unternehmen hatte bereits in die Firma SetPoint investiert und gab 2016 zusammen mit Google die Bildung eines Joint Venture namens Galvani Bioelectronics bekannt, mit dem Ziel, Therapien für eine Vielzahl körperlicher Leiden zu entwickeln, darunter auch entzündliche Erkrankungen. Paul-Peter Tak, der seinerzeit die von SetPoint durchgeführte klinische Studie an Patienten mit rheumatoider Arthritis leitete, ist seit 2016 bei GlaxoSmithKline tätig.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob die Methode der Vagusnervstimulation den Erwartungen gerecht wird, denn die Zahl der bisher behandelten Patienten – 25 Personen in zwei abgeschlossenen klinischen Studien – ist verschwindend gering. Und nicht selten liefern neue Therapien in ersten Erprobungen durchaus viel versprechende Ergebnisse, wie auch in diesem Fall, und erweisen sich dann in größer angelegten Studien als Flop.

Doch Menschen mit Autoimmunerkrankungen nehmen mehr und mehr Notiz von den neuen Möglichkeiten. Konventionelle Therapien von rheumatoider Arthritis und Morbus Crohn sind nämlich durchaus mit gewissen Risiken verbunden und zeigen nicht bei jedem Patienten die erwünschte Wirkung. So erging es auch Katrin, die sich mit mehr als 1000 weiteren Betroffenen wegen einer Teilnahme an der klinischen Studie zur Vagusnervstimulation erkundigt hatte. „Mir blieb nichts anderes übrig“, erzählt sie. „Ich wollte es unbedingt versuchen.“

Der Artikel ist im Original „The shock tactics set to shake up immunology“[18] in „Nature“ erschienen.

Fußnoten:

  1. ^ Weitere Experimente konnten zeigen (dx.doi.org)
  2. ^ Folgeexperimente des Neurochirurgen untermauerten diese Theorie (dx.doi.org)
  3. ^ veranlassten ihn zur Durchführung eines Schlüsselexperiments (dx.doi.org)
  4. ^ durchtrennten etwa den Vagusnerv (dx.doi.org)
  5. ^ sie probierten Medikamente aus (dx.doi.org)
  6. ^ Traceys Arbeitsgruppe fand heraus (dx.doi.org)
  7. ^  Bild vergrößern (www.spektrum.de)
  8. ^ mikroskopische Bilder „gemischter“ Synapsen aus Nerven- und T-Zellen bei verschiedenen Tierarten aufgenommen (www.jimmunol.org)
  9. ^ veröffentlichte die Neuroimmunologin Akiko Nakai von der Universität Osaka in Japan Untersuchungsergebnisse (dx.doi.org)
  10. ^ im Rahmen ihrer experimentellen Untersuchungen von Autoimmunerkrankungen im Tiermodell heraus (dx.doi.org)
  11. ^ verursacht eine Schädigung der sympathischen Nerven (dx.doi.org)
  12. ^ weisen Tierexperimente darauf hin, dass bei entzündlichen Erkrankungen bereits ein einzelner, kurzer Elektroschock ausreicht (dx.doi.org)
  13. ^ wurden die Ergebnisse dieser klinischen Studie im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht. (dx.doi.org)
  14. ^ publizierte eine andere Forschergruppe die Resultate einer weiteren klinischen Erprobung (dx.doi.org)
  15. ^ wurde entweder durch Elektrostimulation (dx.doi.org)
  16. ^ Verabreichung eines experimentellen Medikaments namens CPSI-121 erreicht (dx.doi.org)
  17. ^ kann es trotz vagaler Stimulation zu einer unverminderten TNF-alpha-Freisetzung durch die Immunzellen kommen (dx.doi.org)
  18. ^ „The shock tactics set to shake up immunology“ (www.nature.com)

Die sanfte Kraft aus Natrium – Stuttgarter Zeitung

Von Markus Brauer

Markus BrauerMarkus Brauer (mb)Profil

 13. Mai 2017 – 10:00 Uhr[1]

Alternative Heilmethoden liegen im Trend. Viele Patienten vertrauen auf die Kraft sanfter Medizin. In unserer Serie stellen wir Heilmethoden und Therapien der Welt vor.

Alternativmedizinische Rarität: Kiste mit elf Schüssler-Salzen aus dem Jahr 1923. Foto: Wikipedia/DeepSilent63 CC-BY-SA 4.0 Alternativmedizinische Rarität: Kiste mit elf Schüssler-Salzen aus dem Jahr 1923. Foto: Wikipedia/DeepSilent63 CC-BY-SA 4.0

Stuttgart – Als Samuel Hahnemann, der Vater der Homöopathie, 1843 starb, war Wilhelm Heinrich Schüßler noch Medizinstudent. Schon während seines Studiums interessierte sich Schüßler (1821-1898) für die Alternativmedizin des deutschen Arztes. Doch er folgte nicht dessen komplexen System mit damals schon rund 1000 homöopathischen Mitteln (heute sind es über 2000), sondern entwickelte eine „abgekürzte homöopathische Therapie“.

„Biochemische Heilweise“

1873 veröffentlichte Schüßler in der „Allgemeinen Homöopathischen Zeitung“ einen Artikel, in dem er seine eigene „biochemische Heilweise“ vorstellte. Statt 1000 hielt er zwölf Mineralien zur Therapie fast aller Krankheiten für ausreichend.

Die Therapie mit diesen zwölf Schüßler-Salzen[3] basiert auf der Annahme, dass Krankheiten[4] aufgrund gestörter biochemischer Prozesse entstehen. Da Mineralsalze die chemischen Prozesse in den Zellen steuern, zieht das Fehlen eines Minerals laut Schüßler den gesamten Stoffwechsel in Mitleidenschaft.

Anders als die Homöopathie geht Schüßlers Biochemie nicht vom Ähnlichkeitsprinzip aus. Demnach werden Mittel, die beim Gesunden bestimmte Symptome auslösen, zur Behandlung ebendieser Symptome auch bei Kranken eingesetzt. Die Mittel werden in einem aufwendigen Verfahren verdünnt und verschüttelt (das sogenannte Potenzieren). Schüßlers Heilverfahren dagegen beruht, wie er sagt, auf physiologisch-chemischen Vorgängen im Organismus.

Auch die Schüßler-Salze[5] sind potenziert – in der Regel D6 (1:1 000 000) und D12 (1:1 000 000 000 000). Calciumfluorid, Eisenphosphat, Kaliumsulfat, Natriumphosphat, Kieselsäure oder Kochsalz sollen in den Zellen Defizite ausgleichen und dem Körper einen Heilreiz vermitteln.

Zu diesen zwölf sogenannten Funktionsmitteln sind im Laufe der Zeit noch 15 Ergänzungsmittel hinzugekomme, darunter Substanzen wie Selen, Kalziumkarbonat, Mangansulfat oder Aurum.

Schüßler-Salze werden in Apotheken als Salbe oder Milchzuckertabletten angeboten, die man unter die Zunge legt, wo sie sich schnell auflösen. Während der Behandlung sollte man viel Flüssigkeit zu sich nehmen – am besten stilles Wasser.

Vermeintlichen Mangel an Mineralstoffen beheben

Ziel der Behandlung ist es, durch die Gabe von homöopathisch dosierten Salzen einen vermeintlichen Mangel an Mineralstoffen zu beheben. Schüßler-Anhänger gehen davon aus, dass Mangelerscheinungen auch auf dem Gesicht des Patienten zu erkennen sind (die sogenannte Antlitzanalyse).

Nebenwirkungen dieser „sanften“ Medizi[6]n sind nicht bekannt, die Einsatzmöglichkeiten quasi unbegrenzt. Kalziumfluorid etwa soll bei Hämorriden, Karies, Hautfalten und Schuppenflechte helfen. Kalziumphosphat ist bei Knochenbrüchen, Muskelkrämpfen und Osteoporose indiziert.

Zusammen mit der Homöopathie und der Bachblüten-Therapie[7] gehören die Schüßler-Salze heute zur Standardmethode der Alternativheilkunde.

Fazit: Wirkung gleich null?

Die Kritiker sind sich einig: Schüßler-Salze sind wirkungslos, die Lehre ist wissenschaftlich nicht belegt. Die Stiftung Warentest[8] kommt zum Ergebnis: „Die Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.“ Auch die AOK[9] erklärt: „Die Wirksamkeit ist nicht nachgewiesen.“

Fußnoten:

  1. ^ Markus Brauer (www.stuttgarter-zeitung.de)
  2. ^ <a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.alternative-heilmethoden-kinesiologie-diagnose-mit-dem-muskeltest.ad0eebdd-fda8-40fe-9e72-cf21ad8eeda9.html&quot; rel="nofollow" title="Diagnose mit dem Muskeltest" class="data" data-tags="" data-imagecount="1" data-videocount="0" data-commentcount="0" data-paidcontent="“ data-lt=““ name=“readabilityFootnoteLink-2″>Diagnose mit dem Muskeltest (www.stuttgarter-zeitung.de)
  3. ^ Schüßler-Salzen (schuessler-salze-liste.de)
  4. ^ Krankheiten (www.stuttgarter-zeitung.de)
  5. ^ Schüßler-Salze (www.schuessler-salze-portal.de)
  6. ^ „sanften“ Medizi (www.stuttgarter-zeitung.de)
  7. ^ Bachblüten-Therapie (www.stuttgarter-zeitung.de)
  8. ^ Stiftung Warentest (www.oekotest.de)
  9. ^ AOK (portale.aok.de)
  10. ^ Computer (www.stuttgarter-zeitung.de)
  11. ^ Wissen (www.stuttgarter-zeitung.de)
  12. ^ Medizin (www.stuttgarter-zeitung.de)
  13. ^ Serie (www.stuttgarter-zeitung.de)
  14. ^ zur Homepage (www.stuttgarter-zeitung.de)

Alternative Heilmethoden: Schüßlersalze Die sanfte Kraft aus Natrium – Stuttgarter Nachrichten

Von Markus Brauer 13. Mai 2017 – 10:00 Uhr

Alternativmedizinische Rarität: Kiste mit elf Schüssler-Salzen aus dem Jahr 1923. Foto: Wikipedia/DeepSilent63 CC-BY-SA 4.0 Alternativmedizinische Rarität: Kiste mit elf Schüssler-Salzen aus dem Jahr 1923.Foto: Wikipedia/DeepSilent63 CC-BY-SA 4.0

Alternative Heilmethoden liegen im Trend. Viele Patienten vertrauen auf die Kraft sanfter Medizin. In unserer Serie stellen wir Heilmethoden und Therapien der Welt vor.

Stuttgart – Als Samuel Hahnemann, der Vater der Homöopathie, 1843 starb, war Wilhelm Heinrich Schüßler noch Medizinstudent. Schon während seines Studiums interessierte sich Schüßler (1821-1898) für die Alternativmedizin des deutschen Arztes. Doch er folgte nicht dessen komplexen System mit damals schon rund 1000 homöopathischen Mitteln (heute sind es über 2000), sondern entwickelte eine „abgekürzte homöopathische Therapie“.

„Biochemische Heilweise“

1873 veröffentlichte Schüßler in der „Allgemeinen Homöopathischen Zeitung“ einen Artikel, in dem er seine eigene „biochemische Heilweise“ vorstellte. Statt 1000 hielt er zwölf Mineralien zur Therapie fast aller Krankheiten für ausreichend.

Die Therapie mit diesen zwölf Schüßler-Salzen[1] basiert auf der Annahme, dass Krankheiten[2] aufgrund gestörter biochemischer Prozesse entstehen. Da Mineralsalze die chemischen Prozesse in den Zellen steuern, zieht das Fehlen eines Minerals laut Schüßler den gesamten Stoffwechsel in Mitleidenschaft.

Anders als die Homöopathie geht Schüßlers Biochemie nicht vom Ähnlichkeitsprinzip aus. Demnach werden Mittel, die beim Gesunden bestimmte Symptome auslösen, zur Behandlung ebendieser Symptome auch bei Kranken eingesetzt. Die Mittel werden in einem aufwendigen Verfahren verdünnt und verschüttelt (das sogenannte Potenzieren). Schüßlers Heilverfahren dagegen beruht, wie er sagt, auf physiologisch-chemischen Vorgängen im Organismus.

Auch die Schüßler-Salze[3] sind potenziert – in der Regel D6 (1:1 000 000) und D12 (1:1 000 000 000 000). Calciumfluorid, Eisenphosphat, Kaliumsulfat, Natriumphosphat, Kieselsäure oder Kochsalz sollen in den Zellen Defizite ausgleichen und dem Körper einen Heilreiz vermitteln.

Zu diesen zwölf sogenannten Funktionsmitteln sind im Laufe der Zeit noch 15 Ergänzungsmittel hinzugekomme, darunter Substanzen wie Selen, Kalziumkarbonat, Mangansulfat oder Aurum.

Schüßler-Salze werden in Apotheken als Salbe oder Milchzuckertabletten angeboten, die man unter die Zunge legt, wo sie sich schnell auflösen. Während der Behandlung sollte man viel Flüssigkeit zu sich nehmen – am besten stilles Wasser.

Vermeintlichen Mangel an Mineralstoffen beheben

Ziel der Behandlung ist es, durch die Gabe von homöopathisch dosierten Salzen einen vermeintlichen Mangel an Mineralstoffen zu beheben. Schüßler-Anhänger gehen davon aus, dass Mangelerscheinungen auch auf dem Gesicht des Patienten zu erkennen sind (die sogenannte Antlitzanalyse).

Nebenwirkungen dieser „sanften“ Medizi[4]n sind nicht bekannt, die Einsatzmöglichkeiten quasi unbegrenzt. Kalziumfluorid etwa soll bei Hämorriden, Karies, Hautfalten und Schuppenflechte helfen. Kalziumphosphat ist bei Knochenbrüchen, Muskelkrämpfen und Osteoporose indiziert.

Zusammen mit der Homöopathie[5] und der Bachblüten-Therapie[6] gehören die Schüßler-Salze heute zur Standardmethode der Alternativheilkunde.

Fazit: Wirkung gleich null?

Die Kritiker sind sich einig: Schüßler-Salze sind wirkungslos, die Lehre ist wissenschaftlich nicht belegt. Die Stiftung Warentest[7] kommt zum Ergebnis: „Die Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.“ Auch die AOK[8] erklärt: „Die Wirksamkeit ist nicht nachgewiesen.“

Fußnoten:

  1. ^ Schüßler-Salzen (schuessler-salze-liste.de)
  2. ^ Krankheiten (www.stuttgarter-nachrichten.de)
  3. ^ Schüßler-Salze (www.schuessler-salze-portal.de)
  4. ^ „sanften“ Medizi (www.stuttgarter-nachrichten.de)
  5. ^ Homöopathie (www.stuttgarter-nachrichten.de)
  6. ^ Bachblüten-Therapie (www.stuttgarter-nachrichten.de)
  7. ^ Stiftung Warentest (www.oekotest.de)
  8. ^ AOK (portale.aok.de)

Akupunktur: Was ist das & was bringt es ? – SuperMED.at (Blog)

Akupunktur[1] zählt zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Heilmethoden der Welt. Diese Heilmethode kommt aus der traditionellen chinesischen Medizin, kurz TCM. In China wird diese Praxis bereits seit über 3.000 Jahren praktiziert. Die Behandlung erfolgt mit dünnen, flexiblen Nadeln, die dem Körper an bestimmten Stellen eingefügt werden, in der Regel entlang der Meridiane. Laut TCM wird durch das Einfügen der Nadeln an bestimmten Punkten das sogenannte „Qi“ wieder ins Gleichgewicht gebracht. Außerdem aktivieren die Reizungen an den Akupunkturpunkten die Selbstheilungskräfte und auch der Organismus wird angeregt. Nicht immer ist diese Heilmethode angenehm, denn die Injektionen durch  die Nadeln können ein ungewohntes Gefühl der Wärme auslösen. Andere Patienten berichten von einem Gefühl wie ein Ameisenlaufen. Dieses Nadelgefühl sagt laut TCM-Medizinern aus, dass der Patient auf die Behandlung anspricht.

Akupunktur Panda

Verschiedene Arten von Akupunktur

Die wohl bekannteste Akupunkturmethode ist die Methode mit den Nadeln. Es kann aber auch über andere Behandlungsweisen auf die Akupunkturpunkte eingewirkt werden, wie etwa durch Wärme, Ultraschall, Storm, Laserstrahlen und Fingerdruck. Letztere Methode wird auch als Akupressur[2] bezeichnet. Diese Art der Akupunktur hat außerdem den Vorteil, dass sie ganz ohne Geräte durchgeführt werden kann, denn sie wird einzig mit den Händen durchgeführt. Mit ein wenig Wissen kann sich auf diese Weise auch jeder selber behandeln.

Akupunktur

Was bringt Akkupunktur & wann wird sie eingesetzt ?

Nicht selten wird Akupunktur ergänzend zur Schulmedizin angewendet, das sollte allerdings nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt passieren. Bei Kreuz-, Knie- und Kopfschmerzen, sowie zur Linderung von Übelkeit und Erbrechen, wie auch bei der Geburt wird Akupunktur bereits erfolgreich eingesetzt. Die Akupunktur wird also nicht nur zur Wiederherstellung des „Qi“ verwendet, sondern viel häufiger um Schmerzen zu lindern[3]. Neben der Schmerzbehandlung kann Akupunktur auch zu einer Verbesserung der Durchblutung und zu einer Entspannung der Muskulatur beitragen.

Akupuktur

Was sagen Studien zur TCM-Methode ?

Wie sooft ist auch der Einsatz von Akupunktur als Heilmethode sehr umstritten. Können Schmerzen mit Akupunktur tatsächlich gelindert werden oder ist das Stechen der Nadeln nur Placebo? Eine Studie[4] der Friedrich Schiller Universität in Jena hat die schmerzlindernde Wirkung von Akupunktur bewiesen. Bei dieser Studie wurden Probanden unter Vollnarkose Schmerzreize zugefügt. Bei jenen, die mit elektrischer Nadelakupunktur behandelt wurden, konnten die Schmerzen wesentlich besser gelindert werden, als bei der anderen Patientengruppe, die nicht akupunktiert wurde. Da die Probanden während des Versuchs in Vollnarkose waren, kann auch die Annahme wiederlegt werden, dass Akupunktur nur funktioniere, weil die Patienten daran glauben.

Fußnoten:

  1. ^ Akupunktur (www.tcm-zentrum-wien.at)
  2. ^ Akupressur (akupressurpunkte-liste.de)
  3. ^ Schmerzen zu lindern (www.meng.at)
  4. ^ Studie (www.uniklinikum-jena.de)